Konfliktsensibilität heißt Zeit und Verantwortung

Es ist eine Frage der Zeit. Es sind Fragen unserer Zeit.
27. Juli 2021
David Shearer, Special Representative of the Secretary-General for South Sudan (SRSG) and Head of the United Nations Mission in South Sudan (UNMISS), meets with Nyarien Ochiek Yot and her five children I UN Photo

Das BMZ definiert „Konfliktsensibilität“ in der Strategie BMZ 2030 als zentrales Qualitätsmerkmal für die Entwicklungszusammenarbeit. Was bedeutet das eigentlich? Der Zivile Friedensdienst (ZFD) praktiziert seit 20 Jahren konfliktsensible Planungs- und Umsetzungsmethoden. Mona Ahmed vom ZFD erläutert, wie diese in Theorie und Praxis aussehen.

Weltweit nehmen Krisen und Konflikte zu und mit ihnen die Notwendigkeit zu handeln: die Klimakrise, die immer offensichtlicher werdende Endlichkeit der Ressourcen, Regierungen, die zunehmend den Handlungsraum der Zivilgesellschaft einschränken oder auch das Bevölkerungswachstum. Einst getrennt betrachtete Herausforderungen können nicht (mehr) voneinander losgelöst gedacht werden. In jeder einzelnen davon steckt enormes Konfliktpotenzial, in ihrem Zusammenwirken führen sie in die Krise. Das BMZ betont, dass der EZ als Querschnittsaufgabe der deutschen Politik entsprechend der Agenda 2030 eine entscheidende Bedeutung zukommt und will sich mit der Strategie BMZ 2030 neu aufstellen. Der Konfliktsensibilität soll dabei eine zentrale Bedeutung zukommen.

Theoretisches Verständnis. Sorgfalt und Veränderung zusammenbringen

Langjährig erprobte und fundierte Konzepte zur Konfliktsensibilität verweisen auf die Notwendigkeit, zwei vermeintliche Paradoxe anzugehen: einmal gibt es ein Spannungsfeld zwischen langfristiger Perspektive und unmittelbarem Handlungsdruck. Weiterhin ist einerseits eine intensive und sorgfältige Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Kontext unverzichtbar, andererseits sollen Dinge bewegt werden und einen Beitrag zur Friedensförderung leisten. Diese vermeintlichen Gegensätze zusammenzubringen, erfordert eine realistische Selbsteinschätzung sowie die Haltung, Erfolge sowie Rückschläge als Chance für gemeinsames Lernen zwischen lokalen und deutschen Partnerorganisationen wie auch Geber*innen zu nutzen. Gängige und bewährte Tools wie Do No Harm, Peace and Conflict Impact Analysis (PCIA) , Reflecting on Peace Practice (RPP) geben hier wertvolle Anhaltspunkte. Konfliktsensibilität erfordert darüber hinaus eine von vielfältiger lokaler Expertise informierte ganzheitliche Betrachtung von Kontext, Akteuren, Dynamiken, Faktoren, Bedarfen. Daneben brauchen Umsetzer das Bewusstsein dafür, nicht intendierte Wirkungen des eigenen Handelns zu erkennen und mit Hilfe von Planungsflexibilität gezielt darauf zu reagieren.

Praxiserfahrung. Zeit nehmen, Akteure integrieren, Vertrauen aufbauen

Der Zivile Friedensdienst wendet seit über 20 Jahren konfliktsensible Planungs- und Umsetzungsmethoden in der Praxis an und überarbeitet diese regelmäßig im Zuge systematischer trägerübergreifender Reflexionsschleifen. Zentrales Augenmerk ist hierbei der Einbezug lokaler Akteure in allen Phasen, von der Identifikation der Konfliktdynamiken und Friedenspotenziale über die Prozessgestaltung und die Ziele der Interventionen, bis hin zum kontinuierlichen Monitoring. Letzteres impliziert das regelmäßige (selbst-) kritische Überprüfen der eigens aufgestellten Wirkungsannahmen. Erforderliche Zeit- und Personalressourcen werden entsprechend budgetiert und sichergestellt. Die Projektlogik wird prozesshaft und nicht linear betrachtet und Zusammenarbeit langfristig sowie zielgruppennah geplant und umgesetzt. Hierbei werden mögliche negative und konfliktverschärfende Wirkungen der Aktivitäten stets explizit benannt und mitgedacht. Verbunden damit sind Planungsansätze, wie negativen Effekten im Voraus entgegengewirkt werden kann. Zwei zentrale Aspekte erweisen sich aus der Praxis als besonders zentral für konfliktsensible Arbeit: Zeitressourcen und Verantwortungsübernahme.

Zeitliche Dimension(en) berücksichtigen

Hierzu gehört:

  1. Zeit zu investieren für Prozesse, Partner*innen und Zielgruppen sowie für ein vertieftes Verständnis der Konfliktdynamiken unter Einbezug unterschiedlicher Konfliktperspektiven und -akteure sowie die Berücksichtigung der (trennenden und verbindenden) Effekte des eigenen Projekteinsatzes.

  2. Eine intensive Auseinandersetzung mit (Konflikt-)Dynamiken, die eine entsprechend realistische, konfliktsensible Einschätzung von Zeitpunkten für Aktivitäten und Interventionen ermöglicht.

  3. Eine Entkopplung der operativen Planung von etwaigem Zeitdruck, der beispielsweise aus Projektzyklen oder einer Antragslogik entstehen kann, aber den Konfliktdynamiken und Transformationsprozessen zuwiderlaufen mag.

  4. das Bewusstsein, dass gesellschaftliche Veränderungsprozesse Geduld erfordern. Hierfür bedarf es eines umfassenden Erwartungsmanagements bei Umsetzungspartner*innen, Geber*innen, und nicht zuletzt bei jeder/jedem Einzelnen von uns.

Verantwortung übernehmen

Wer in einem Konflikt interveniert, wird automatisch Teil dieses Konfliktsystems. Als deutsche Akteure, die neben den Privilegien des Globalen Nordens auch finanzielle Mittel mitbringen, müssen wir uns der damit verbundenen Machtasymmetrien gegenüber unserem lokalem Gegenüber bewusst sein. Damit geht eine gesteigerte Verantwortung für unser Tun und den verbundenen intendierten und nicht-intendierten Wirkungen einher. Neben sorgfältiger Planung, umfassenden Analysen, inklusiven Ansätzen und den oben beschriebenen flexiblen Praktiken erfordert dies vor allem (selbst-)kritische und vertrauensvolle Reflexion und Austausch. In dessen Zentrum sollten stehen: Ziele, Prozesse und die Gestaltung der Zusammenarbeit mit allen Akteuren in unserem regionalen und fachlichen Umfeld. Verantwortung zu übernehmen bedeutet auch Vertrauen aufzubauen, aus vorhandenem Wissen zu schöpfen und dafür in den Dialog zu treten: mit Umsetzungspartner*innen, Zielgruppen, Fachleuten, Betroffenen, Neugierigen und Erfahrenen. Und nicht zuletzt gehört dazu, Verantwortung für unsere Fehleinschätzungen sowie Fehler zu übernehmen und unsere Motive klar zu kommunizieren. Dies heißt auch, bei Exitstrategien gemeinsam mit den Partnerorganisationen Handlungsstrategien aufzustellen, wie eventuelle negative Auswirkungen abgemildert werden können.

Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) ist ein Zusammenschluss von staatlichen Organisationen, kirchlichen Hilfswerken, zivilgesellschaftlichen Netzwerken und politischen Stiftungen.

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