{"id":11379,"date":"2025-03-27T13:54:32","date_gmt":"2025-03-27T12:54:32","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/artikel\/gleichberechtigung-machttransformation-gesellschaftlicher-frieden\/"},"modified":"2025-03-31T20:45:28","modified_gmt":"2025-03-31T18:45:28","slug":"gleichberechtigung-machttransformation-gesellschaftlicher-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/gleichberechtigung-machttransformation-gesellschaftlicher-frieden\/","title":{"rendered":"Gleichberechtigung, Machttransformation, Gesellschaftlicher Frieden"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wie h\u00e4ngt das zusammen? Positiver Frieden ist die Abwesenheit direkter Gewalt und steht f\u00fcr die \u00dcberwindung struktureller Gewalt. Dabei sind Gleichberechtigung sowie die Transformation von ungerechten und diskriminierenden Strukturen entscheidende Hebel \u2013 weltweit ebenso wie in Deutschland.<\/strong> <strong>Frieden und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind Grundlage und gleichzeitig kontinuierliche Aufgabe.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser gut dokumentierten Erfahrungen und Konzepte aus der Zivilen Konfliktbearbeitung und Friedensf\u00f6rderung stehen wir global bei der Gleichberechtigung aller Menschen vor erheblichen Herausforderungen: Geschlechtsspezifische Gewalt bleibt eine dr\u00e4ngende Gefahr, gerade f\u00fcr Frauen und LGBTIQ+-Personen. Ungleiche Machtverh\u00e4ltnisse und die eingeschr\u00e4nkte Anerkennung der Rollen von Frauen in allen gesellschaftlichen Prozessen behindern die Entwicklung hin zu gerechteren und friedlicheren Gesellschaften. Erschwerend kommt hinzu, dass marginalisierte Gruppen wie beispielsweise Frauen in der Regel unterrepr\u00e4sentiert sind in Entscheidungsprozessen, die Frieden und Sicherheit betreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren erleben Partner*innen der FriEnt-Mitgliedsorganisationen in den unterschiedlichsten Regionen der Welt wachsende Gegenreaktionen und Angriffe auf ihren Einsatz f\u00fcr die Gleichberechtigung der Geschlechter. Es w\u00e4re jedoch zu einfach, diese Entwicklung als ein Problem der L\u00e4nder des sogenannten Globalen S\u00fcdens zu stigmatisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen sind die Gegner*innen der Gleichberechtigung weltweit gut vernetzt. Zudem stammt ein Gro\u00dfteil der finanziellen Mittel und auch der politischen Unterst\u00fctzung aus dem sogenannten Globalen Norden. Zum anderen werden auch in Deutschland Hetze und Desinformationskampagnen gegen Gleichberechtigung lauter, oft begleitet von angedrohter oder tats\u00e4chlicher Gewalt. Sollte in Deutschland die Bef\u00fcrwortung f\u00fcr Gleichberechtigung geringer werden, so ist zu bef\u00fcrchten, dass sich dadurch auch die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Gleichberechtigung im Ausland verringert \u2013 sowohl finanziell als auch politisch. Die Entwicklungen weltweit k\u00f6nnen daher nicht losgel\u00f6st von der innenpolitischen Situation Deutschlands betrachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gleichberechtigung als dauerhafte Aufgabe f\u00fcr Staat und Zivilgesellschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>(2) M\u00e4nner und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat f\u00f6rdert die tats\u00e4chliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, [\u2026] seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi\u00f6sen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bundesrepublik Deutschland ist die Gleichberechtigung seit 76 Jahren in unserem Grundgesetz Artikel 3 verankert. Durch den unerm\u00fcdlichen Einsatz von Elisabeth Selbert, ihrer Verb\u00fcndeten und der Unterst\u00fctzung der \u00d6ffentlichkeit gelang es in der entscheidenden Sitzung am 18. Januar 1949 den Gleichheitsgrundsatz als unver\u00e4u\u00dferliches Grundrecht einstimmig im Hauptausschuss durchzusetzen. Ein Erfolg, der ohne das jahrzehntelange Engagement von Frauenrechtsaktivist*innen, der Zivilgesellschaft sowie der Zusammenarbeit politischer Entscheidungstr\u00e4ger*innen \u00fcber Parteigrenzen hinweg nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gleichberechtigung f\u00fcr alle braucht Verb\u00fcndete <\/strong>\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Marginalisierten Gruppen fehlt der Zugang zu Macht und Entscheidungsr\u00e4umen, sodass sie nicht selbst \u00fcber ihre eigenen Belange entscheiden k\u00f6nnen. Stattdessen sind sie darauf angewiesen, ihre Interessen von anderen vertreten zu sehen. Repr\u00e4sentative Demokratien stehen dabei immer vor der Herausforderung, dass Parlamente die Bev\u00f6lkerung nicht eins-zu-eins widerspiegeln \u2013 weder in Bezug auf die Interessen noch in Bezug auf Identit\u00e4tsfaktoren wie beispielsweise Alter, Geschlecht, Herkunft, sichtbare und unsichtbare Behinderungen sowie sozio\u00f6konomischem Status. Dennoch sollte es stets das Bem\u00fchen geben, die Repr\u00e4sentationsl\u00fccke zu minimieren. Denn je diverser eine Gruppe \u2013 auch ein Parlament \u2013 desto gr\u00f6\u00dfer ihre F\u00e4higkeit, ein komplexes Bild der Wirklichkeit zu sehen. Der Bundestag 2021-2024 war relativ divers in Bezug auf Merkmale wie Alter und Geschlecht. Der Bundestag 2025 ist weniger divers. Umso wichtiger ist ein Bewusstsein f\u00fcr die existierenden Repr\u00e4sentationsl\u00fccken und eine Orientierung an menschenrechtlichem Schutz, vor allem f\u00fcr marginalisierte und gef\u00e4hrdete Personen und Gruppen.\u00a0Artikel 3 GG ist weiterhin eine wertvolle Grundlage sowie ein Versprechen, das noch eingel\u00f6st werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Zivilgesellschaftliche und kirchliche Organisationen, politische Stiftungen und viele weitere Akteure dienen oft als Verb\u00fcndete (<em>Allies)<\/em> von marginalisierten Gruppen wie beispielsweise Frauen. Sie k\u00f6nnen R\u00e4ume und Zug\u00e4nge schaffen, in denen diese ihre Rechte und Forderungen artikulieren k\u00f6nnen und Geh\u00f6r finden \u2013 und diese dann verst\u00e4rken. Dazu geh\u00f6rt auch der selbstkritische Diskurs bez\u00fcglich der eigenen Privilegien und der notwendigen Machttransformation im Inneren zugunsten der Gleichberechtigung aller.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem staatlichen und gesellschaftlichen Engagement tr\u00e4gt auch jede*r Einzelne dazu bei, Gleichberechtigung f\u00fcr alle sp\u00fcrbar zu machen und mit Leben zu f\u00fcllen. Daf\u00fcr k\u00f6nnen Rollen, Geschlechtsidentit\u00e4ten, Strukturen, Macht und Privilegien hinterfragt und ver\u00e4ndert werden. Das eigene Leben kann nach den Werten der Gleichberechtigung ausgestaltet werden. Gleichzeitig kann sich dies ebenso in gesellschaftlichem und\/oder politischem Engagement niederschlagen \u2013 zum Beispiel im Rahmen von Kommunikation im \u00f6ffentlichen Raum, Wahlen, Demonstrationen sowie Solidarit\u00e4tshandlungen mit marginalisierten Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gleichberechtigung als Schl\u00fcssel f\u00fcr Frieden und Entwicklung weltweit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Ebenen Staat, (organisierte) Zivilgesellschaft und das Individuum zusammenwirken, wird Gleichberechtigung f\u00fcr alle erfahrbar. Genau dort setzen wir mit der entwicklungspolitischen Friedensf\u00f6rderung an und unsere Erfahrungen zeigen: Je gr\u00f6\u00dfer die Gleichberechtigung der Geschlechter, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Chance auf eine gewaltfreie Konfliktbearbeitung, nachhaltige Entwicklung, Menschliche Sicherheit und Frieden. Gleichberechtigung ist somit ein Gewinn f\u00fcr die Gesamtgesellschaft \u2013 weltweit wie auch in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch hatte einen Zipfel der Macht in meiner Hand gehabt und diesen Zipfel der Macht, den habe ich ausgen\u00fctzt\u201c, so <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/986330\/4b1549fe0e1041daa5bce5c2b68557d7\/Vor-75-Jahren-Gleichberechtigung-im-Grundgesetz.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Elisabeth Selbert<\/a>. Sie suchte und profitierte von Verb\u00fcndeten. Solche B\u00fcndnisse braucht es auch heute vielleicht mehr denn je \u2013 national wie international. So kann die Gleichberechtigung der Geschlechter realisiert und gezielt gegen Angriffe gesch\u00fctzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie h\u00e4ngt das zusammen? Positiver Frieden ist die Abwesenheit direkter Gewalt und steht f\u00fcr die \u00dcberwindung struktureller Gewalt. 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