{"id":11702,"date":"2025-04-17T19:54:57","date_gmt":"2025-04-17T17:54:57","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/artikel\/europa-wird-heiss-was-bedeutet-das-fuer-frieden\/"},"modified":"2025-04-23T13:17:28","modified_gmt":"2025-04-23T11:17:28","slug":"europa-wird-heiss-was-bedeutet-das-fuer-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/europa-wird-heiss-was-bedeutet-das-fuer-frieden\/","title":{"rendered":"Europa wird hei\u00df \u2013 was bedeutet das f\u00fcr Frieden?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte Bericht des EU-Klimadienstes Copernicus belegt, dass Europa sich am schnellsten erw\u00e4rmt. Was das f\u00fcr die Sicherheit bedeutet, wurde in der ersten nationalen, interdisziplin\u00e4ren Klimarisiko-Einsch\u00e4tzung (NiKE) eindr\u00fccklich erfasst. Sie wurde zum Auftakt der M\u00fcnchener Sicherheitskonferenz im Februar vorgestellt. Beide Berichte fordern zum Handeln auf: Sie sollten der zuk\u00fcnftigen Bundesregierung R\u00fcckenwind geben, gerade auch mit Blick auf eine deutsche Vorreiterrolle. Doch aus friedenspolitischer Perspektive gibt es nicht nur Ankn\u00fcpfungspunkte in der NiKE, sondern auch Leerstellen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zentrale Einsichten aus der NiKE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Klimakrise ist real. Sie destabilisiert, versch\u00e4rft Konflikte um Land, Wasser und Nahrung, schafft dadurch neue Brandherde\u201c, best\u00e4tigt das Ausw\u00e4rtige Amt im Vorwort der NiKE. An gleicher Stelle ist f\u00fcr BND-Pr\u00e4sident Bruno Kahl \u201eder Klimawandel ein zunehmend wichtiger Faktor, der ohnehin schon bestehende Herausforderungen f\u00fcr Gesellschaften auf der ganzen Welt weiter versch\u00e4rft. Wenn wir uns ein realistisches Bild von Sicherheitsrisiken f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland machen wollen, m\u00fcssen wir die vielf\u00e4ltigen und weitreichenden Auswirkungen des Klimawandels ber\u00fccksichtigen und auch die Klimapolitik weltweit mit einbeziehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konsequenzen sind eindeutig: Deutschland wird sich auch zuk\u00fcnftig im eigenen Interesse und aus sicherheitspolitischen Notwendigkeiten mit Klimaschutz in Verbindung mit internationaler Zusammenarbeit und entwicklungspolitischen Friedens- und Sicherheitsaspekten befassen. Investitionen sind angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Klimaschutz wird hier als Sicherheitspolitik verstanden, aber eben nicht ausschlie\u00dflich als staatliche und milit\u00e4rische Sicherheit, sondern mit einem starken Fokus auch auf Menschliche Sicherheit. Bei dieser steht der Schutz des Individuums, insbesondere seine Freiheit von Furcht und Not im Mittelpunkt \u2013 gerade im Angesicht der vielf\u00e4ltigen, vor allem nichtmilit\u00e4rischen Sicherheitsbedrohungen der heutigen Zeit. Die Auswirkungen der Klimakrise haben bereits weltweit zu Tausenden Toten gef\u00fchrt. Aber auch in Deutschland hat es schon Opfer sowohl durch Hochwasser als auch durch extreme Hitze gegeben. Zunehmende Naturkatastrophen wie Wirbelst\u00fcrme, \u00dcberflutungen, Erw\u00e4rmung des Golfstroms, Gletscherschmelze etc. werden in den kommenden Jahren ganze Regionen, auch in Europa, f\u00fcr Menschen unbewohnbar machen \u2013 wenn nicht vorgesorgt und angepasst wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autor*innen der NiKE zeichnen ein systemisches Bild, indem sie auf die Konsequenzen gewaltvoller Auseinandersetzungen und Konflikte \u2013 lokal wie global \u2013 verweisen. So werden die Verbindungen deutlich: von Klimavulnerabilit\u00e4t zu staatlicher und gesellschaftlicher Fragilit\u00e4t sowie Aspekten guter Regierungsf\u00fchrung. Unter Bedingungen fragiler Staatlichkeit und geschw\u00e4chter staatlicher Legitimit\u00e4t sind (klimabedingte) Ungerechtigkeiten und deren Folgen eine besondere Herausforderung. Demokratie- und Rechtsstaatsf\u00f6rderung, die F\u00f6rderung inklusiver Institutionen sowie Korruptionsbek\u00e4mpfung und der Abbau von Ungleichheit bleiben daher auch f\u00fcr den Umgang mit Klimarisiken relevant. Dies f\u00fchrt zu den Nachhaltigkeitszielen (SDGs) der Agenda 2030, insbesondere dem Friedensziel SDG 16. Somit erl\u00e4utert die NiKE eindrucksvoll, warum die notwendige st\u00e4rkere Verzahnung von nationaler und interessengeleiteter Politik im Klima- und Sicherheitsbereich nur erfolgreich sein kann, wenn sie mit internationaler Zusammenarbeit verschr\u00e4nkt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Internationale Zusammenarbeit und auch Entwicklungszusammenarbeit waren und sind im besten Sinn eine Politik auch im eigenen Interesse. Denn sie k\u00f6nnen helfen, die Folgen von globalen Krisen gemeinsam abzumildern und unter bestimmten Voraussetzungen auch friedensf\u00f6rdernd zu wirken \u2013 und zunehmende Gewalt zu reduzieren. \u201eWer Sicherheit denkt, muss Klima mitdenken\u201c, hei\u00dft es in der NiKE. Dabei muss auch eine Bew\u00e4ltigung der damit verbundenen Konflikte mitgedacht werden, um einem nachhaltigen, grundgesetzlich verankerten Frieden zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Leerstellen in der NiKE \u2013 Erg\u00e4nzungen aus der Friedensperspektive<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie es der Name schon verdeutlicht, gehen die Autor*innen der NiKE von einer <strong>Risiko<\/strong>logik aus. Und gem\u00e4\u00df ihrem Auftrag aus der Nationalen Sicherheitsstrategie fokussieren sie sich auf deutsche Interessen. Die <strong>Ursachen<\/strong>logik der entwicklungspolitischen Friedensf\u00f6rderung kann hier eine wichtige Erg\u00e4nzung bieten: Welche Ursachen haben zu gewaltf\u00f6rmigen Konflikten gef\u00fchrt und Klimarisiken verst\u00e4rkt? Welche m\u00fcssen daher zivil bearbeitet werden, um zu mehr Frieden, Entwicklung und Sicherheit f\u00fcr alle zu f\u00fchren? \u00a0Denn es ist seit Jahrzehnten nachgewiesen: Die Welt ist voneinander abh\u00e4ngig (\u201einterdependent\u201c) und die Autor*innen der NiKE haben dies anhand zahlreicher Beispiele best\u00e4tigt. \u201eLocally led processes<em>\u201c <\/em>werden in der Klimadebatte gefordert, weil nur damit erfolgreiche Politiken und Projekte entwickelt werden k\u00f6nnen \u2013 die nachhaltig und f\u00fcr die lokal Betroffenen umsetzbar sind. Das Gleiche w\u00e4re auch f\u00fcr den Sicherheitsdiskurs zielf\u00fchrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Soziologische Analysen, aber auch indigenes Wissen und lokale Praktiken tauchen aufgrund der vornehmlich naturwissenschaftlichen Herangehensweise nicht in der NiKE auf. Das tr\u00fcbt den Blick auf einen m\u00f6glichen konstruktiven Umgang mit Klimafolgen. Sozialwissenschaftliche Ans\u00e4tze zum Zeitalter des Anthropoz\u00e4ns w\u00e4ren bereichernd. Denn es geht darum, wie der Mensch vor dem Hintergrund der planetarischen Grenzen seiner Verantwortung gerecht werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Klima- und Sicherheitsnexus sei dringend hinzugef\u00fcgt \u2013 gerade, weil in der NiKE dies nicht explizit benannt wird \u2013, dass Gesellschaften nie homogen sind. Klimafolgen wirken sich auf gesellschaftliche, ethnische, religi\u00f6se, kulturelle Gruppen, Generationen und Geschlechter immer unterschiedlich aus. Wer daher Sicherheit und Frieden f\u00f6rdern will, wird diese Unterschiede immer in den Blick nehmen. So sind etwa marginalisierte Gruppen st\u00e4rker von schlechter und unzureichender Energieversorgung betroffen als privilegierte Gruppen. Lokale, von der Klimakrise in besonderem Ma\u00df Betroffene (sowohl in Deutschland wie in anderen Kontexten), verf\u00fcgen \u00fcber einen unersetzlichen Wissensschatz. Denn sie kennen den lokalen Kontext, die Umweltver\u00e4nderungen und die Konfliktdynamiken genau. Dieses Wissen ist unersetzlich: sowohl f\u00fcr Klimaschutz, Klimaanpassung sowie f\u00fcr den Umgang mit klimabedingten Sch\u00e4den und Verlusten als auch f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung aufkommender Konflikte \u2013 und damit f\u00fcr Sicherheit. Nur durch die direkte Einbeziehung dieser unterschiedlichen Gruppen kann es lokal angemessene und nachhaltige L\u00f6sungen zur Bew\u00e4ltigung der Klimarisiken geben (\u201elocal ownership\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn in der NiKE bisher nicht aufgef\u00fchrt, so spielen Klima-, Friedens- sowie Frauenrechts- und Menschenrechtsaktivist*innen eine zentrale Rolle f\u00fcr eine Reduzierung der Klimarisiken: Sie machen die Klimakrise sichtbar, formulieren politische Forderungen zu Klimaschutz und -gerechtigkeit sowie zu Menschlicher Sicherheit und nachhaltigem, gerechtem Frieden. Sie decken Menschenrechtsverletzungen durch lokale oder internationale Akteure auf. Gewaltfreie Proteste und mitunter auch ziviler Ungehorsam sind dabei eine Ausdrucksform, die demokratischen Prinzipien entspricht. Sie leisten einen wichtigen Beitrag, um Konflikte konstruktiv zu bearbeiten und gegebenenfalls in einem weiteren Schritt schlichten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autor*innen der NiKE erl\u00e4utern das Risiko einer zunehmenden Radikalisierung infolge der fortschreitenden Klimakrise. Wenig hilfreich w\u00e4re hierbei eine sehr verk\u00fcrzte Sichtweise auf junge Menschen als Terroristinnen und Extremist*innen. Staaten, in denen ziviler Ungehorsam kriminalisiert und zu Unrecht mit Radikalisierung gleichgesetzt wird, leisten so selbst einen Beitrag zu weiterer Radikalisierung. Stattdessen ist es zielf\u00fchrend, die Ursachen f\u00fcr die zunehmende Sch\u00e4rfe der Debatte genau zu analysieren. So k\u00f6nnen Mechanismen entwickelt und gef\u00f6rdert werden, um etwa Desinformation und extremistischen Narrativen entgegenzuwirken. Zudem braucht es entwicklungsbezogene Ma\u00dfnahmen, die zum einen Polarisierungen entgegenwirken und zum anderen neue Einkommensm\u00f6glichkeiten und Lebensperspektiven schaffen. So k\u00f6nnen Ungleichheit abgebaut und friedliche Gesellschaften gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie weiter?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die regelbasierte Weltordnung wird zur Zeit von einigen Staaten in Frage gestellt. F\u00fcr eine L\u00f6sung der globalen Herausforderungen ist jedoch eine globale und sektor\u00fcbergreifende Zusammenarbeit basierend auf menschenrechtlichen Regeln und Standards zwingend erforderlich. Eine nationale <strong>interdisziplin\u00e4re<\/strong> Klimarisikoeinsch\u00e4tzung ist daf\u00fcr ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es ist sinnvoll und Erfolg versprechend, wenn Au\u00dfen-, Klima-, Sicherheits- sowie Umwelt-, Wirtschafts-, Landwirtschafts- und Entwicklungspolitik eine gemeinsame Strategie verfolgen. Denn eine ressort\u00fcbergreifende Zusammenarbeit ist wichtig, um die wesentlichen Ursachen f\u00fcr Klima- und Gewaltkonflikte zu adressieren. Dadurch k\u00f6nnen Menschliche Sicherheit und nachhaltiger Frieden in den Partnerl\u00e4ndern wie auch in Deutschland erhalten und geschaffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Zusagen des Pariser Klimaabkommens wie auch die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 ernst genommen und eingehalten werden, dient das eindeutig dem Interesse Deutschlands und f\u00f6rdert den Vertrauensaufbau zwischen Staat und Gesellschaft. Dies tr\u00e4gt zu friedlichen Gesellschaften (SDG 16) und dem Abbau von Ungleichheit (SDG 10) bei. Wie in der NiKE betont wird: Eine deutsche Vorreiterrolle birgt viele Chancen f\u00fcr das Land wie f\u00fcr die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit vorrangig milit\u00e4rischen und wirtschaftspolitischen Ma\u00dfnahmen wird Deutschland die Klimasicherheitsrisiken nicht bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen.&nbsp; Die NiKE, die <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/resource\/blob\/2633110\/90e88ad741351a8885f478c49a1741eb\/kap-strategie-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klimaau\u00dfenpolitikstrategie<\/a> der Bundesregierung von 2023 und die <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/resource\/blob\/283636\/d98437ca3ba49c0ec6a461570f56211f\/leitlinien-krisenpraevention-konfliktbewaeltigung-friedensfoerderung-dl-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Leitlinien<\/a> \u201eKrisen verhindern, Konflikte bew\u00e4ltigen, Frieden f\u00f6rdern\u201c von 2017 sind wichtige Grundlagen f\u00fcr die Politik der neuen Bundesregierung \u2013 auch f\u00fcr eine m\u00f6gliche neue Ausgestaltung der Nationalen Sicherheitsstrategie.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte Bericht des EU-Klimadienstes Copernicus belegt, dass Europa sich am schnellsten erw\u00e4rmt. 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