{"id":12380,"date":"2025-07-16T14:01:39","date_gmt":"2025-07-16T12:01:39","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/artikel\/ist-frieden-out\/"},"modified":"2025-07-16T14:01:39","modified_gmt":"2025-07-16T12:01:39","slug":"ist-frieden-out","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/ist-frieden-out\/","title":{"rendered":"Ist \u201eFrieden\u201c out?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In den 1980er Jahren, in Zeiten gro\u00dfer Friedensdemos, lag es im Trend, sich f\u00fcr Frieden einzusetzen. \u201eFrieden\u201c war damals ein ma\u00dfgeblich positiv besetzter Begriff. Heute ist das anders. In Zeiten eines Krieges mitten in Europa gibt es kaum junge Menschen, die sich bewusst als Friedensaktivist*innen verstehen. Warum ist das so und warum hat sich der Begriff im Laufe der Zeit gewandelt? Dazu bietet dieser Beitrag eine erste Orientierung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit den Hochzeiten der Friedensbewegung hat sich politisch einiges ver\u00e4ndert. Nach dem Mauerfall r\u00fcckte Krieg als reale Bedrohung immer weiter weg aus unserem kollektiven Bewusstsein. Die Europ\u00e4ische Union wurde als Friedensnobelpreistr\u00e4gerin gefeiert und junge Menschen wuchsen in einer Welt auf, in der es unn\u00f6tig erschien, sich f\u00fcr Frieden einzusetzen. Frieden war da und deshalb schlicht und einfach kein Thema.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die junge Generation und der Friedensbegriff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was in dieser Zeit allerdings vermehrt ins Bewusstsein gelangte, ist die Idee, dass Frieden eben doch mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg \u2013 wie auch bereits von Johan Galtung als &#8220;<a href=\"https:\/\/www.friedensbildung-bw.de\/fileadmin\/friedensbildung-bw\/redaktion\/bilder\/Friedensbildung_AKTUELL\/FriBi_AKTUELL_Demokratie_Frieden-Merkblaetter_Galtung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">positiver Frieden<\/a>&#8221; beschrieben. So hat in einer Zeit ohne wahrgenommene milit\u00e4rische Bedrohung die Sensibilisierung f\u00fcr strukturelle Gewaltformen die breite Gesellschaft erreicht, auch dank Kampagnen, wie #MeToo oder #BlackLivesMatter. Verschiedene Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus und auch Kontinuit\u00e4ten kolonialer Ausbeutung wurden in den letzten Jahren neben dem Klimawandel als eine gr\u00f6\u00dfere Bedrohung f\u00fcr den gesellschaftlichen Frieden gesehen als die M\u00f6glichkeit eines bewaffneten Angriffs. Auch Forschungsergebnisse zeigen, dass soziale Ungleichheit gewaltsame Konflikte bef\u00f6rdern kann (u.a. <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/books\/inequality-grievances-and-civil-war\/39F26D12EFEE2D7D621A59DF74DED496\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cederman, Gleditsch &amp; Buhaug 2013<\/a>). Alle diese Umst\u00e4nde haben das Sicherheitsverst\u00e4ndnis von nationalstaatlicher hin zu <a href=\"https:\/\/frieden-sichern.dgvn.de\/friedenssicherung\/frieden-entwicklung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Menschlicher Sicherheit<\/a> verschoben. Dementsprechend sah auch das Friedensengagement junger Menschen anders aus als das der \u00e4lteren Generation. Anstatt sich f\u00fcr Abr\u00fcstung stark zu machen, ist ihr Aktivismus gepr\u00e4gt von einem Einsatz f\u00fcr Klimagerechtigkeit sowie gegen Diskriminierung und (globale) Machtdynamiken. Diese zu durchbrechen gilt ihnen als Mittel, um nachhaltigen und nicht nur oberfl\u00e4chlichen Frieden herzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die zunehmende Sensibilisierung f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.friedensbildung-bw.de\/fileadmin\/friedensbildung-bw\/redaktion\/bilder\/Merkblaetter\/Merkblatt_Gewaltdreieck_Galtung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">strukturelle und kulturelle Gewaltformen<\/a> selbst in &#8220;Friedens&#8221;-Zeiten, verschob sich auch das Begriffsverst\u00e4ndnis in der jungen Generation. Frieden wurde nicht mehr verstanden als das konstruktive Austragen von Konflikten, sondern als das Totschweigen versteckter Gewaltformen. Somit ist der Friedensbegriff in jungen aktivistischen Kreisen weitestgehend aus dem Wortschatz verschwunden. Stattdessen wird nun vermehrt der herrschaftskritischere Begriff &#8220;Gerechtigkeit&#8221; genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mit einer zunehmenden Militarisierung in Deutschland und einem Erw\u00e4gen der Reaktivierung der Wehrpflicht werden aktuell auch klassische Friedensthemen wieder pr\u00e4senter unter jungen Menschen. In verschiedenen Orten in Deutschland formt sich aktuell Widerstand verschiedener linker Jugendgruppen. Doch auch, wenn dabei Themen und Forderungen der Friedensbewegung wieder aufgegriffen werden, nennen sich die neu entstehenden B\u00fcndnisse lieber &#8220;anti-militaristisch&#8221;, um den Friedensbegriff zu vermeiden, mit dem sie sich nicht mehr identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Umdeutung durch politische Parteien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und es gibt noch einen anderen Grund, warum der Friedensbegriff in linken Kreisen gerade nur mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht gebraucht wird. Sp\u00e4testens seit der letzten Bundestagswahl wurde der Begriff sowohl von der AfD als auch vom BSW sehr pr\u00e4sent im Wahlkampf genutzt und damit neu besetzt \u2013 und das kontr\u00e4r zum urspr\u00fcnglichen Begriffsverst\u00e4ndnis. Die AfD versteht \u2013 trotz Friedenstauben auf ihren Wahlplakaten \u2013 unter Frieden vor allem Aufr\u00fcstung, Kriegsdienst und eine St\u00e4rkung von Bundeswehr und R\u00fcstungsindustrie. Das BSW hat ebenfalls im Wahlkampf 2025 versucht, sich ein Image als Friedenspartei aufzubauen. Ihre Forderung nach einem sofortigen Stopp der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine wurde von vielen allerdings als russischer &#8220;<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/faktenfinder\/bsw-wagenknecht-ukraine-russland-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Diktat-Frieden<\/a>&#8221; wahrgenommen. Mit diesem &#8220;<a href=\"https:\/\/www.friedensbildung-bw.de\/fileadmin\/friedensbildung-bw\/redaktion\/bilder\/Friedensbildung_AKTUELL\/FriBi_AKTUELL_Demokratie_Frieden-Merkblaetter_Galtung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">negativen Friedensverst\u00e4ndnis<\/a>&#8221; im Sinne Johan Galtungs scheiterte die Partei schlie\u00dflich an der 5%-H\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft des Friedensbegriffs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese sehr unterschiedlichen Verst\u00e4ndnisse von Frieden machen es schwer, den Durchblick zu behalten \u2013 insbesondere f\u00fcr Menschen, die sich bisher wenig mit dem Thema besch\u00e4ftigt haben. Es fehlt an Orientierung dazu, was drin ist, wenn Frieden draufsteht. Auch die Angst, falsch verstanden zu werden, tr\u00e4gt dazu bei, den Begriff lieber gar nicht erst zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht brauchen wir wieder mehr Mut, um den Friedensbegriff nicht rechten und pro-russischen Bewegungen zu \u00fcberlassen. Was daf\u00fcr fehlt? Eine Auseinandersetzung damit, dass der Begriff im Wandel ist und immer sein wird. Aber auch eine St\u00e4rkung des Begriffs durch ein klares Bekenntnis dazu, dass Frieden auf Gerechtigkeit und Menschlicher Sicherheit basiert \u2013 und damit Friedensaktivismus immer sowohl anti-militaristisch als auch anti-faschistisch sein muss, um koh\u00e4rent und glaubw\u00fcrdig zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 1980er Jahren, in Zeiten gro\u00dfer Friedensdemos, lag es im Trend, sich f\u00fcr Frieden einzusetzen. \u201eFrieden\u201c war damals ein ma\u00dfgeblich positiv besetzter Begriff. Heute ist das anders. In Zeiten eines Krieges mitten in Europa gibt es kaum junge Menschen, die sich bewusst als Friedensaktivist*innen verstehen. 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