{"id":12429,"date":"2025-07-30T18:19:45","date_gmt":"2025-07-30T16:19:45","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/?p=12429"},"modified":"2025-07-30T18:19:48","modified_gmt":"2025-07-30T16:19:48","slug":"zwischen-friedensprozessen-und-kriegsoekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/zwischen-friedensprozessen-und-kriegsoekonomie\/","title":{"rendered":"Zwischen Friedensprozessen und Kriegs\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Region der Gro\u00dfen Seen in Afrika ist seit langem Schauplatz von Gewalt und humanit\u00e4ren Krisen. Diese sind gekennzeichnet durch ethnische Spannungen, Ressourcenkonflikte und historische Missst\u00e4nde.<\/strong> <strong>Die Region umfasst Burundi, Ruanda, Uganda und die Demokratische Republik Kongo (DRK)<\/strong>. <strong>Die Eroberung der St\u00e4dte Goma und Bukavu durch die M23 (Bewegung des 23. M\u00e4rz) stellte eine weitere Eskalation des Konflikts im Osten der DRK dar. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen fand am 16. April 2025 ein offener Dialog statt zum Thema \u201ePolitische und Konfliktdynamiken in der Region der Gro\u00dfen Seen in Afrika: Wo stehen wir jetzt?&#8221;<em>. <\/em>Organisiert wurde dieser von den FriEnt-Mitgliedsorganisationen Friedrich-Ebert-Stiftung und Misereor in Kooperation mit dem \u00d6kumenischen Netz Zentralafrika e.V.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Maria Klatte (Leiterin der Afrika-Abteilung von Misereor) er\u00f6ffnete den Dialog und begr\u00fc\u00dfte die hochkar\u00e4tigen G\u00e4ste. Dr. Jair van der Lijn (Direktor, SIPRI Peace Operations and Conflict Management Programme), Dr. Nene Morisho (Direktor, POLE-Institut, Goma), Dr. Paul-Simon Handy (Regionaldirektor Ostafrika und Vertreter bei der AU, Institute for Security Studies) und Evariste Mfaume (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von SVH \u2013 Solidarity of Volunteers for Humanity) sprachen \u00fcber die Region und die aktuellen Eskalationen. Dr. Carla Schraml (Berghof Foundation) moderierte das Panel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Debatte befasste sich mit Fragen zu Geschichte, Dynamik, Konfliktlinien und den verschiedenen Akteuren. Sie reflektierte die Rolle regionaler, internationaler und multilateraler Akteure. Dabei wurden aktuelle Dialogprozesse sowie deren Potenziale und Herausforderungen beleuchtet. Antworten wurden gesucht auf eine Komplexit\u00e4t, die immer nur kleine Schritte in Richtung Frieden zul\u00e4sst. Hierbei machten die Diskussionsteilnehmer deutlich, dass es keine einfachen Antworten auf einen Konflikt gibt, der seit drei Jahrzehnten andauert. Verschiedene Akteure auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene sind mit ihren eigenen Zielen und Interessen in den Konflikt involviert. Am meisten leidet darunter die Zivilbev\u00f6lkerung. Menschenrechtsverletzungen \u2013 darunter Massen- und gezielte T\u00f6tungen, Folter und sexuelle Gewalt \u2013 sind weit verbreitet. Das Gleiche gilt f\u00fcr Hunger, Vertreibung und finanzielle Ungewissheit. Die Redner betonten die allererste Notwendigkeit eines dauerhaften Waffenstillstands, um die Zivilbev\u00f6lkerung zu entlasten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>M23 \u2013 Kontrolle ohne Kapazit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die M23 erhebt mittlerweile Steuern in den von ihr kontrollierten Gebieten. Doch ihre Ressourcen sind \u00e4u\u00dferst begrenzt \u2013 f\u00fcr ein Gebiet von der Gr\u00f6\u00dfe Belgiens fehlt es an Verwaltungskapazit\u00e4ten, Infrastruktur und Legitimit\u00e4t. Die Unf\u00e4higkeit, urbane Zentren zu managen, macht deutlich: Die milit\u00e4rische Kontrolle ersetzt keine staatliche Ordnung. Die Folge ist ein Machtvakuum, vor allem in Goma und Bukavu. Dort leiden die Menschen unter Vertreibungen, Raub\u00fcberf\u00e4llen bis hin zu Ermordungen und einem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung. Banken bleiben geschlossen, Geh\u00e4lter aus Kinshasa kommen nicht an, und zugleich verlangt die M23 finanzielle Abgaben von Zivilgesellschaft und NGOs. Gleichzeitig w\u00e4chst in der Bev\u00f6lkerung die Frustration: Viele Kongoles*innen in den Kivus werfen Pr\u00e4sident F\u00e9lix Tshisekedi eine Mitverantwortung f\u00fcr die Eskalation vor.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lokale Dynamiken: Wazalendo, Identit\u00e4tspolitik und Kriegs\u00f6konomie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In beiden Kivu-Regionen operieren mittlerweile lose organisierte, vom kongolesischen Staat aufgebaute Selbstverteidigungsgruppen, sogenannte Wazalendo-Milizen. Ihre Ambitionen spiegeln eine gef\u00e4hrliche Mischung aus ethnischer Identit\u00e4t, lokaler Selbstverteidigung und organisierter Kriminalit\u00e4t wider. Im Nachbarland Burundi verfolgt die Regierung unter Pr\u00e4sident Ndayishimiye ebenfalls eigene Interessen und steht auf Seiten von Pr\u00e4sident Tshisekedi im identit\u00e4tspolitisch aufgeladenen Konflikt mit Ruanda.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zentrales Problem ist die etablierte Kriegs\u00f6konomie: Die Finanzierung bewaffneter Gruppen erfolgt nicht nur \u00fcber Mineralien wie Coltan und Gold, sondern auch durch andere Ressourcen wie Kaffee oder Holz. Den Rednern zufolge wird gesch\u00e4tzt, dass z.\u202fB. die Miliz FDLR allein durch illegalen Holzeinschlag im Virunga-Nationalpark j\u00e4hrlich \u00fcber 40 Millionen USD einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die humanit\u00e4re Lage bleibt katastrophal: Vergewaltigungen, Morde und Vertreibungen sind an der Tagesordnung. Allein Ende 2024 wurden \u00fcber 23.000 F\u00e4lle sexualisierter Gewalt registriert \u2013 ein drastischer Anstieg gegen\u00fcber den Vorjahren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Friedensprozesse \u2013 zu viele Stimmen, zu wenig Wirkung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Friedensprozesse wie \u201eNairobi\u201c und \u201eLuanda\u201c parallel laufen, fehlt es an Koordination und politischer Verbindlichkeit. Beide Prozesse basieren auf unterschiedlichen politischen Agenden und haben strukturelle Defizite: zu viele Akteure, zu wenig Einfluss auf lokale bewaffnete Gruppen. Aktuell setzt Katar auf stille Diplomatie und Mediation und bringt die Pr\u00e4sidenten der DRK und Ruandas vertraulich an einen Tisch \u2013 ein diplomatischer Hoffnungsschimmer (<em>Anmerkungen der Verfasserinnen: Seit der Veranstaltung wurde seitens der USA ein Friedensabkommen zwischen Ruanda und der DRK verhandelt, welches am 27. Juni 2025 von den Parteien unterschrieben wurde<\/em>. <em>Dessen Implementierung und Umsetzungskraft bleibt abzuwarten. Es wird als \u00fcberaus kritisch bewertet, dass die USA diesen Friedensvertrag mit einem Rohstoffabkommen gekoppelt haben.).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer sitzt mit am Verhandlungstisch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrung zeigt: F\u00fcr Waffenruhen braucht es einen kleinen, aber wirksamen Verhandlungskreis \u2013 mit der DRK, Ruanda, Uganda und Tansania. F\u00fcr weitergehende L\u00f6sungen m\u00fcssen auch Burundi, regionale Organisationen und die UN eingebunden werden. Dabei darf kein Akteur die Friedensverhandlungen als Mittel zur Postenvergabe missbrauchen \u2013 ein h\u00e4ufiges Problem, das die Friedensprozesse der Vergangenheit entwertet hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Rolle der AU und der EU<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Betont wurde, die Afrikanische Union (AU) leide unter ihrem Subsidiarit\u00e4tsprinzip \u2013 zuerst sind nationale und regionale Akteure zust\u00e4ndig, bevor die AU intervenieren kann. Zudem fehlen der AU die Kapazit\u00e4ten f\u00fcr wirksame Friedensmissionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch gibt es Ansatzpunkte: Die EU kann durch gezielte Unterst\u00fctzung eine wichtige Rolle spielen \u2013 etwa durch die Einrichtung eines AU-Hochkommissariats in Bujumbura und bessere Anbindung an UN-Vermittlungsinitiativen. Der neue EU-Sonderbeauftragte f\u00fcr die Region bringt frischen Wind in den Dialog. Die EU, so der Tenor, sollte zugleich ihre Handelsbeziehungen \u00fcberpr\u00fcfen: Kritische Rohstoffe aus Konfliktregionen tragen indirekt zur Finanzierung der Gewalt bei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit: Frieden nur durch einen echten Wandel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben Ressourceninteressen geht es um tieferliegende Fragen von Identit\u00e4t, Macht und regionaler Einflussnahme. Solange Staaten der Region von ehemaligen Rebellenf\u00fchrern regiert werden und von der Gewalt auf allen Seiten profitiert wird, bleiben echte Fortschritte schwer vorstellbar. Langfristig kann es nur eine L\u00f6sung geben: die DRK als funktionierenden Staat zu stabilisieren \u2013 ohne territoriale Aufteilung, sondern mit tragf\u00e4higen staatlichen Strukturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Region der Gro\u00dfen Seen braucht mehr als Waffenstillst\u00e4nde: Sie braucht politische Ehrlichkeit, institutionellen Aufbau \u2013 und vor allem internationale Unterst\u00fctzung, die konsequent die Zivilbev\u00f6lkerung sch\u00fctzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Region der Gro\u00dfen Seen in Afrika ist seit langem Schauplatz von Gewalt und humanit\u00e4ren Krisen. Diese sind gekennzeichnet durch ethnische Spannungen, Ressourcenkonflikte und historische Missst\u00e4nde. Die Region umfasst Burundi, Ruanda, Uganda und die Demokratische Republik Kongo (DRK). Die Eroberung der St\u00e4dte Goma und Bukavu durch die M23 (Bewegung des 23. M\u00e4rz) stellte eine weitere [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":23,"featured_media":12356,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1248],"autor":[1235,1139],"blog-serie":[],"fokusthema":[685],"organisation":[435,549,706],"region":[805],"thema_artikel":[894,681,892,669,895],"class_list":["post-12429","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-current-articles-en","autor-barbara-kemper-en","autor-gesine-ames-en","fokusthema-peace-and-security","organisation-fes-en","organisation-misereor-en","organisation-onz","region-grosse-seen-en","thema_artikel-konflikt-en","thema_artikel-veranstaltung-en","thema_artikel-fragilitaet-en","thema_artikel-menschenrechte-en","thema_artikel-land-und-ressourcen-en"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12429","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/23"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12429"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12429\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12430,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12429\/revisions\/12430"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12356"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12429"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12429"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12429"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=12429"},{"taxonomy":"blog-serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-serie?post=12429"},{"taxonomy":"fokusthema","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/fokusthema?post=12429"},{"taxonomy":"organisation","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/organisation?post=12429"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=12429"},{"taxonomy":"thema_artikel","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/thema_artikel?post=12429"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}