{"id":5843,"date":"2020-04-29T22:45:00","date_gmt":"2020-04-29T20:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/der-bruch-mit-der-normalitaet-als-paradigmenwechsel\/"},"modified":"2024-12-10T23:27:45","modified_gmt":"2024-12-10T22:27:45","slug":"der-bruch-mit-der-normalitaet-als-paradigmenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/der-bruch-mit-der-normalitaet-als-paradigmenwechsel\/","title":{"rendered":"Der Bruch mit der Normalit\u00e4t als Paradigmenwechsel"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nichts ist so komplex wie ein Virus. Dabei h\u00e4tte man noch vor wenigen Wochen davon ausgehen k\u00f6nnen, dass das insbesondere auf die Schaffung friedlicher und gerechter Gesellschaften zutrifft. Falsch gedacht &#8211; oder h\u00e4ngt das eine mit dem anderen zusammen? Vor dem Hintergrund der Covid-19 Pandemie beleuchtet FriEnt-Koordinatorin Natascha Zupan den Bruch mit der Normalit\u00e4t und den Umgang der Politik mit Prinzipien der Friedensf\u00f6rderung.   <\/strong><\/p>\n\n<p><strong>Impuls 3\/2020 von Natascha Zupan, FriEnt<br><\/strong>Nichts ist so komplex wie ein Virus. Dabei dachte ich noch bis vor wenigen Wochen, dass das insbesondere auf die Schaffung friedlicher und gerechter Gesellschaften zutrifft. Falsch gedacht &#8211; oder h\u00e4ngt das eine mit dem anderen zusammen? Wohl eher letzteres. Denn ganz unverhofft sind wir in einer Krise nicht mehr Externe, die sich bei aller Solidarit\u00e4t und Verantwortung immer einen R\u00fcckzugsraum vorbehalten k\u00f6nnen, sondern \u201elocals\u201c. Wir wechseln nicht nur die Perspektive, wir erleben den Bruch unserer Normalit\u00e4t. Unsicherheit, Existenzangst, Verlust und Trauer sind unmittelbar und umfassend nach Europa zur\u00fcckgekehrt. Jeder Vergleich mit Krieg verbietet sich \u2013 aber eine leise Ahnung dessen, was der gewaltsame Bruch von Normalit\u00e4t bedeutet, k\u00f6nnen wir dennoch erhalten.       <\/p>\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>\u201eDie Farbe des Virus ist grau\u201c<\/strong><\/p>\n\n<p>In dieser Ahnung liegt eine Chance, nicht nur f\u00fcr unsere Gesellschaft, sondern auch f\u00fcr unser zuk\u00fcnftiges entwicklungs- und friedenspolitisches Engagement. Erst vor kurzem titelte eine Zeitung \u201eDie Farbe des Virus ist grau\u201c. Seit zwei Monaten erleben wir, dass es bei politischen Entscheidungen in einer gelinde gesagt un\u00fcbersichtlichen und dynamischen Situation kein Schwarz oder Wei\u00df, kein Richtig oder Falsch gibt. Politik bewegt sich vorsichtig tastend in einem Grau mit vielen Facetten. Und mit jedem Tag wird deutlicher, dass eine richtige Entscheidung in einem Politikbereich oder f\u00fcr eine soziale Gruppe, negative Auswirkungen auf andere hat. Wir erkennen beim n\u00e4heren Hinsehen immer mehr Zusammenh\u00e4nge &#8211; und im klassischen Do no Harm Prinzip werden Antworten gesucht. Wenn wir diese Erfahrung bewahren und im Umgang mit Komplexit\u00e4t und Dilemmata auf die zuk\u00fcnftige sektor- und akteurs\u00fcbergreifende Gestaltung entwicklungs- und friedenspolitischer Programme \u00fcbertragen ist schon viel gewonnen.      <\/p>\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Je diverser Erfahrungen und Wissen, desto tragf\u00e4higer politische Entscheidungen<\/strong><\/p>\n\n<p>Gewinnen k\u00f6nnen wir auch f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung, wenn wir uns nach der Coronakrise vor Augen halten, dass \u201eNicht-Wissen\u201c schwerwiegende Folgen f\u00fcr viele Menschen haben kann. Im Moment werden wir t\u00e4glich daran erinnert, dass Wissen, Verst\u00e4ndnis und entsprechende Handlungsoptionen nicht auf den ersten oder zweiten Blick verf\u00fcgbar sind. Zeit und Geduld sind erforderlich \u2013 auch daran erinnern uns Wissenschaft und (manche) Politiker*innen. Dies mag Anh\u00e4nger*innen schnellen Handelns als Zumutung erscheinen, Verst\u00e4ndnis und Akzeptanz daf\u00fcr sind aber in der Bev\u00f6lkerung nach wie vor gro\u00df. Darauf lie\u00dfe sich bei zuk\u00fcnftigem politischen Handlungsdruck durchaus verweisen. Und noch etwas wird bei Wissen und Nicht-Wissen offensichtlich: Je interdisziplin\u00e4rer und diverser Erfahrung und Wissen zusammengef\u00fchrt werden, desto tragf\u00e4higer sind politische Entscheidungen und Ma\u00dfnahmen. Vieles spricht daf\u00fcr, diese Erkenntnis systematischer in die friedenspolitische Infrastruktur Deutschlands zu \u00fcbertragen und entsprechende Ressourcen daf\u00fcr zu Verf\u00fcgung zu stellen.      <\/p>\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Wir erkennen, wie Krisen Ungleichheiten versch\u00e4rfen<\/strong><\/p>\n\n<p>Was k\u00f6nnen wir au\u00dferdem aus dem derzeitigen Normalit\u00e4tsbruch lernen? Zum Beispiel, dass Vertrauen ein sehr hohes Gut ist. Dieses in der Friedensf\u00f6rderung so schwer messbare Gut wird nun zu einem Schl\u00fcssel im Umgang mit der Pandemie. Es bleibt auch ein Schl\u00fcssel im friedenspolitischen Engagement und in der Zusammenarbeit mit Partnern in Konfliktregionen. Ein ebenso hohes Gut ist Gerechtigkeit. Wie unter einem Brennglas tritt nun Ungleichheit in unserer Gesellschaft zu Tage \u2013 und es wird deutlich, in welchem Ma\u00df Krisen Ungleichheiten versch\u00e4rfen. Dass sich Gerechtigkeit und Vertrauen in Politik und Mitmenschen wechselseitig bedingen, muss nicht extra betont werden. Um so wichtiger bleibt es, weltweit f\u00fcr friedliche, inklusive und gerechte Gesellschaften einzutreten. Dabei wird uns hoffentlich mit Blick auf die Genderdimension der Coronakrise bewusster sein, wie zentral Geschlechtergerechtigkeit ist. Und wir werden hoffentlich aus eigener Erfahrung verst\u00e4rkt in pr\u00e4ventive Politik investieren.         <\/p>\n\n<p>Noch ist nicht absehbar, welche globalen Auswirkungen die Pandemie haben wird. Schreckens- und Hoffnungsszenarien wechseln sich ab. Was uns mit Menschen in Krisen- und Konfliktregionen bei allen Unterschieden nun st\u00e4rker verbindet, ist die Erfahrung des Normalit\u00e4tsbruchs. Und das birgt Chancen \u2013 nicht nur f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts ist so komplex wie ein Virus. 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