{"id":5872,"date":"2021-10-21T20:06:00","date_gmt":"2021-10-21T18:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/journalistinnen-koennen-frieden\/"},"modified":"2024-11-18T09:41:40","modified_gmt":"2024-11-18T08:41:40","slug":"journalistinnen-koennen-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/journalistinnen-koennen-frieden\/","title":{"rendered":"Journalist*innen k\u00f6nnen Frieden"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In diesem Monat haben die beiden Journalist*innen Maria Ressa und Dimitri Muratov den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie sich f\u00fcr Meinungsfreiheit, Demokratie und dauerhaften Frieden eingesetzt haben. F\u00fcr uns ein Anlass, um die Rolle von Medien in der Friedensf\u00f6rderung zu beleuchten. Wie k\u00f6nnen sie bei der Konflikttransformation konstruktiv mitwirken? Was ist konfliktsensibler Journalismus und kann er die Friedensf\u00f6rderung unterst\u00fctzen?   <\/strong><\/p>\n\n<p>Journalist*innen sind \u00fcblicherweise mitten im Geschehen, wenn Konflikte aufbrechen und sie nehmen, ob sie wollen oder nicht, betr\u00e4chtlich Einfluss. Sie bilden unsere Meinungen \u00fcber un\u00fcberschaubare Ereignisse und reduzieren Komplexit\u00e4t. Das nennen wir gemeinhin Schwarz-Wei\u00df-Malerei. Damit verfestigen sie h\u00e4ufig verh\u00e4rtete Wahrnehmungen und heizen Konflikte an. Aber sie k\u00f6nnen auch Konfliktursachen verst\u00e4ndlich machen und die Augen \u00f6ffnen f\u00fcr diverse Sichtweisen, Interessen und Gef\u00fchle. Dennoch hat es <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kriegsberichterstattung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eine weitaus l\u00e4ngere Tradition<\/a>, dass Berichterstatter*innen in Konflikten eher zur Eskalation beitragen.     <\/p>\n\n<p><strong>Kriegsreportage versus Friedensjournalismus<\/strong><\/p>\n\n<p>Kriegsreportagen geh\u00f6ren zu den \u00e4ltesten journalistischen Formaten. Sie zielen meistens darauf ab, den Kriegsgegner zu desinformieren und das eigene Volk zu manipulieren. Im Kontrast zu diesem Ansatz definierte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung in den 1950er Jahren den \u201eFriedensjournalismus\u201c. Er verstand darunter kritische Berichte aus Kriegsgebieten, die die Situation differenziert beschreiben und sich f\u00fcr den Frieden einsetzen. Journalist*innen , die nach Galtungs Konzept handeln, sollen zwischen Konfliktparteien vermitteln und dabei helfen, Konflikte zu entsch\u00e4rfen.    <\/p>\n\n<p><a href=\"https:\/\/journalistikon.de\/friedensjournalismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommunikations- und Medienwissenschaftler*innen<\/a> verfeinern seit den 90er Jahren das Konzept des Friedensjournalismus. Sie beschreiben Qualit\u00e4tskriterien und Handlungsempfehlungen f\u00fcr die Berichterstattung \u00fcber gewaltsame Konflikte. Rolle und Verantwortung von Journalist*innen stehen im Mittelpunkt. An sie wird der Anspruch gestellt, \u00fcber Konflikte besonders sorgf\u00e4ltig zu berichten und mit ihrer Berichterstattung die Pr\u00e4vention von Konflikten sowie Friedens- und Vers\u00f6hnungsprozesse zu unterst\u00fctzen.   <\/p>\n\n<p><strong>Nachholbedarf in Deutschland<\/strong><br><a href=\"https:\/\/journalistikon.de\/friedensjournalismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der friedensjournalistische Ansatz hat Deutschland bisher kaum erreicht.<\/a> Weder im Redaktionsalltag noch in der Aus- und Fortbildung ist sie besonders relevant; in der Praxis ist mir das Konzept noch nie begegnet. Gleichwohl werden friedensjournalistische oder konfliktsensible Ans\u00e4tze sowohl in Europa und den USA als auch im Globalen S\u00fcden in journalistischen und kommunikationswissenschaftlichen Studieng\u00e4ngen vermittelt. Dies geschieht zum Beispiel am Center for Media, Democracy, Peace and Security der Rongo University in Kenia, an mehreren Hochschulen auf der philippinischen Insel Mindanao und an der Parks University im US-Staat Missouri, die auch die Halbjahreszeitschrift The Peace Journalist ver\u00f6ffentlicht. Auch an wenigen deutschen Hochschulen werden Seminare \u00fcber Konfliktsensitiven Journalismus angeboten, z. B. an der Universit\u00e4t der Bundeswehr in M\u00fcnchen und am Institut f\u00fcr Journalistik der TU Dortmund. In Deutschland dagegen kritisieren Praktiker*innen das Konzept oder halten es f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig, weil die allgemein g\u00fcltigen journalistischen Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4be ihrer Ansicht nach auch zu einer friedensf\u00f6rdernden Konfliktberichterstattung f\u00fchren. Das ist im ersten Moment bestechend, da die journalistischen Qualit\u00e4tskriterien wie Ausgewogenheit, Wahrhaftigkeit, Differenziertheit scheinbar ausreichen, um die Konflikttransformation zu unterst\u00fctzen. Es w\u00e4re immerhin ein Anfang, wenn sich alle Medien, insbesondere auch die Meinungsf\u00fchrer*innen in Sozialen Medien wenigstens an diese Grundregeln halten w\u00fcrden. Und nicht f\u00fcr ein paar Klicks lieber \u00d6l ins Feuer gie\u00dfen w\u00fcrden.       <\/p>\n\n<p><strong>Mehr als sagen, was ist<\/strong><\/p>\n\n<p>Friedensjournalismus meint, nach meinem Verst\u00e4ndnis, aber mehr als Qualit\u00e4tsjournalismus. Letzterer kann, oder muss, nach einer weit verbreiteten Vorstellung \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Augstein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sagen, was ist<\/a>\u201c, wie es der Gr\u00fcnder des \u201eSpiegel\u201c Rudolf Augstein formuliert hat. <\/p>\n\n<p>Um ernsthaft friedensf\u00f6rderlich zu wirken, denke ich, reicht es allerdings nicht aus, den Zustand zu beschreiben. Dazu bedarf es zus\u00e4tzlich der Reflektion von Konfliktbearbeitungs- und L\u00f6sungsans\u00e4tzen. Die Friedensjournalist*in m\u00fcsste sich auch als Katalysator f\u00fcr den Dialog zwischen den Parteien verstehen und das Verst\u00e4ndnis zugrunde legen, dass Frieden eine gesamt-gesellschaftliche Aufgabe ist, die von Medienschaffenden mitzuverantworten ist.  <\/p>\n\n<p>Genau das entspricht allerdings nicht der reinen Lehre des Journalismus, nach der man sich nicht gemein machen darf mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Damit wird gegen das sogenannte \u201eObjektivit\u00e4tsgebot\u201c versto\u00dfen. \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hanns_Joachim_Friedrichs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in \u00f6ffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben<\/a>.\u201c<\/p>\n\n<p>Es ist also nicht damit getan, auf die klassischen journalistischen Tugenden zu verweisen. Ich finde, das Thema Friedens- oder auch konfliktsensibler Journalismus verlangt in der aktuellen Zeit und speziell in Deutschland mehr Aufmerksamkeit. Raum daf\u00fcr w\u00e4re in Fachdebatten, auf<br>Journalistenkongressen sowie in der Aus- und Weiterbildung von Journalist*innen. Hier k\u00f6nnten Bewusstsein und eine Haltung zum Thema geweckt werden. Peacebuilding-Expert*innen k\u00f6nnte es umgekehrt weiterhelfen, wenn sie kommunikationswissenschaftliche Expertise sowie Akteure aus den klassischen und sozialen Medien in ihren Prozessen mitdenken und einbinden, sofern das nicht schon passiert. Das bezieht sich sowohl auf Konfliktanalysen als auch auf Konfliktbearbeitung.     <\/p>\n\n<p><strong>\u201eWhile a dialogue affects dozens, media influences millions.\u201c Search for common ground <br><\/strong>Die US-amerikanisch Peacebuilding Organisation \u201eSearch for Common Ground\u201c nutzt systematisch die Wirkung von Medien f\u00fcr ihre Arbeit: \u201cMedia is a powerful tool to tackle deeply-rooted social issues. Our media production arm works through our country programs and local partners to create content that aims to bridge differences and build peace.\u201d Auch andere Organisationen haben sich dem internationalen Friedensjournalismus verschrieben: <\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.hirondelle.org\/en\/kosovo-en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blue Sky Radio<\/a>, ein Hirondelle-Projekt im Kosovo<a href=\"https:\/\/www.hirondelle.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.hirondelle.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fondation Hirondelle<\/a>, eine Schweizer Stiftung mit unabh\u00e4ngigen Radiosendern in Krisengebieten;<a href=\"https:\/\/www.international-alert.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.international-alert.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">International Alert<\/a>, eine britische NGO mit Projekten im Bereich der Konfliktbew\u00e4ltigung<a href=\"https:\/\/internews.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/internews.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Internews<\/a>, eine international aktive NGO, die Medien zur Konfliktl\u00f6sung einsetzt;<a href=\"https:\/\/www.friedensnews.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.friedensnews.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Friedensnews.at,<\/a> ein \u00f6sterreichisches<br>Onlinemagazin f\u00fcr Friedensjournalismus.<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/magazine.manypeaces.org\/2017\/04\/04\/about-our-magazine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Many Peaces Magazine<\/a> for Conflict Transformation Across Cultures, Innsbruck<\/li>\n<\/ul>\n\n<p>Viele Journalist*innen k\u00f6nnen und wollen sinnvoll f\u00fcr den Frieden arbeiten. Ihre Arbeit<br>kann ein Baustein f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung sein. Eine Zusammenarbeit in Peacebuilding-Projekten ist eine starke Option, um eine gro\u00dfe Hebelwirkung bei der Transformation zu erzielen. In Deutschland d\u00fcrfte dies f\u00fcr viele eine Neuigkeit sein.   <\/p>\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Monat haben die beiden Journalist*innen Maria Ressa und Dimitri Muratov den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie sich f\u00fcr Meinungsfreiheit, Demokratie und dauerhaften Frieden eingesetzt haben. F\u00fcr uns ein Anlass, um die Rolle von Medien in der Friedensf\u00f6rderung zu beleuchten. Wie k\u00f6nnen sie bei der Konflikttransformation konstruktiv mitwirken? 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