{"id":5886,"date":"2022-06-28T02:40:00","date_gmt":"2022-06-28T00:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/augen-zu-und-durch\/"},"modified":"2024-12-10T23:14:41","modified_gmt":"2024-12-10T22:14:41","slug":"augen-zu-und-durch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/augen-zu-und-durch\/","title":{"rendered":"Augen zu und durch"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Korruption verhindert h\u00e4ufig die Demokratisierung und Stabilisierung von Post-Konflikt-Gesellschaften. Dennoch ignorieren viele Friedensakteure Korruption. Sie versuchen Gewalt zun\u00e4chst zu beenden, ohne \u201akorruptionssensibel\u2018 vorzugehen. Joshua Rogers argumentiert, dass Friedensakteure nicht nur konfliktsensibel, sondern auch korruptionssensibel vorgehen sollten und tritt daf\u00fcr ein, Antikorruptions- und Friedensarbeit zusammen zu bringen.   <\/strong><\/p>\n\n<p>Expert*innen aus den Bereichen Antikorruptions- und Friedensarbeit arbeiten selten zusammen, um dauerhaften Frieden zu sichern. J\u00fcngste Erfahrungen in Afghanistan und anderswo haben (wieder) gezeigt, dass ein solches Vorgehen zu kurz greift. Zusammen haben das norwegische <a href=\"\">Anti-Corruption Resource Centre<\/a> (U4) und die deutsche <a href=\"\">Berghof Foundation<\/a>, die auf die transformative Unterst\u00fctzung von Friedensprozessen spezialisiert ist, ein Mapping vorgelegt. Es zeigt, wo Ansatzpunkte liegen k\u00f6nnten, um <a href=\"\">Anti-Korruptions-Ma\u00dfnahmen sensibel in Konflikttransformationsprozesse<\/a> zu integrieren.   <\/p>\n\n<p><strong>Altbekannte Teufelskreise\u2026 aber keine \u00c4nderung in der Praxis<\/strong><\/p>\n\n<p>Gewaltsame Konflikte schaffen oft ein <a href=\"https:\/\/ti-defence.org\/security-sector-reform-west-africa-corruption-conflict\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">g\u00fcnstiges Umfeld<\/a> f\u00fcr Betrug, Bestechung und Unterschlagung. Im Westbalkan, im Irak, in Afghanistan und anderswo haben unzureichende Antikorruptionsbem\u00fchungen in Friedensprozessen und in Post-Konflikt-Situationen dazu beigetragen, fragile Friedensabkommen durch <a href=\"https:\/\/thediplomat.com\/2021\/10\/how-corruption-played-a-role-in-the-demise-of-the-afghan-government\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Instabilit\u00e4t, Ausgrenzung und Ausbeutung<\/a> zu untergraben. <\/p>\n\n<p>W\u00e4hrend diese und andere Krisen in den letzten Jahrzehnten immer wieder Interesse an Korruptionsbek\u00e4mpfung in Friedensprozessen und Post-Konflikt-Situationen geweckt haben, hat sich in der Praxis wenig ge\u00e4ndert. Das hat eine Reihe von (guten) Gr\u00fcnden: \u201eschmutzige Abmachungen\u201c werden manchmal als notwendig angesehen, um Gewalt zu beenden; unvorsichtig umgesetzte Anti-Korruptionsma\u00dfnahmen k\u00f6nnen<a href=\"\"> Post-Konflikt-Kontexte destabilisieren<\/a>; und Mediator*innen bef\u00fcrchten h\u00e4ufig, dass ihre Beziehungen zu Konfliktparteien Schaden nehmen k\u00f6nnten, wenn sie Korruption direkt ansprechen. Gleichzeitig bevorzugen Antikorruptionsakteure h\u00e4ufig technische L\u00f6sungen und scheuen \u201epolitische\u201c Friedensverhandlungen.  <\/p>\n\n<p><strong>Wir brauchen mehr Interaktion und Integration<br><\/strong>U4 und die Berghof Foundation haben sich zusammengetan, um Praktiker*innen Wege aufzuzeigen diese \u201eArbeitsteilung\u201c zu \u00fcberwinden. Dabei zielen Mediator*innen zun\u00e4chst darauf ab, ein Friedensabkommen zu erreichen. Erst danach versuchen Anti-Korruptions-Akteure, Transparenz herzustellen und Verantwortlichkeiten zu kl\u00e4ren.<br>Anti-Korruption in Konfliktkontexten bedeutet zuallererst, keinen Schaden anzurichten (<a href=\"https:\/\/www.u4.no\/topics\/gender\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">do no harm)<\/a>. Praktiker*innen m\u00fcssen anerkennen, dass die Arbeit in Konfliktkontexten h\u00e4ufig auch ein Arbeiten in korrupten Kontexten bedeutet. Daher sollten sie ber\u00fccksichtigen, wie sich ihre Arbeit auf Korruption und Korruption auf ihre Arbeit auswirkt.<br>Idealerweise beschlie\u00dfen sie auch, an Korruption zu arbeiten, das hei\u00dft, Wege zu finden, Korruptionsbek\u00e4mpfung in Friedensprozesse einzubeziehen oder Friedenskonsolidierung zu unterst\u00fctzen. Damit werden Rechenschaftspflichten, Integrit\u00e4t und integrative Regierungsf\u00fchrung.     <\/p>\n\n<p><strong>Arbeiten IN Korruption und Konflikten<\/strong><\/p>\n\n<p>Um in Kontexten, die von gewaltvollen Konflikten und Korruption gekennzeichnet sind, erfolgreich zu agieren, bedarf es einer Analyse der politischen \u00d6konomie. Gleichzeitig m\u00fcssen die Akteure verstehen, wie Macht- und Konfliktdynamiken darauf einwirken, wie Korruption organisiert und aufrechterhalten wird. Da die Beteiligten Korruption sehr unterschiedlich wahrnehmen, sollte eine <a href=\"\">Multi-Stakeholder-Perspektive<\/a> einflie\u00dfen. Diese sollte <a href=\"\">geschlechtsspezifische Dimensionen<\/a> besonders in den Blick nehmen.   <\/p>\n\n<p>Es ist n\u00f6tig, nicht nur \u201ekonfliktsensibel\u201c zu agieren, sondern auch \u201ekorruptions-sensibel\u201c zu sein. Das kann helfen zu vermeiden, dass Patronagenetzwerke, die aus dem Konflikt hervorgegangen sind, <a href=\"\">Demobilisierungs- und Wiedereingliederungsprogramme<\/a> untergraben. Korruptionssensibles Vorgehen zeigt aber auch auf, wie <a href=\"\">Patronage und damit einhergehende soziale Erwartungen<\/a> ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen, um bewaffneten Gruppen den \u00dcbergang zur Gewaltlosigkeit zu erm\u00f6glichen. Eine solche Analyse kann auch beleuchten, welche Formen der Korruption den Frieden l\u00e4ngerfristig am st\u00e4rksten bedrohen, zum Beispiel wenn sie die Legitimit\u00e4t der Friedensordnung durch Exklusion und Selbstbereicherung unterminieren. In korrupten Kontexten arbeitsf\u00e4hig zu sein bedeutet auch, Integrit\u00e4tsprinzipien zu entwickeln, die definieren, wie Ressourcen nach Konflikten bereitgestellt werden. Diese Prinzipien sollten die \u201e<a href=\"\">Rechenschaftspflicht nach unten<\/a>\u201c betonen und direkt f\u00fcr diejenigen \u00fcberpr\u00fcfbar sein, die von den Interventionen betroffen sind.<br>Geber sollten auch ihren <a href=\"\">Null-Toleranz-Ansatz<\/a> \u00fcberdenken, da dieser dazu f\u00fchren kann, dass Korruptionsherausforderungen strategisch ignoriert werden. Denn jede Anschuldigung kann sofort zum Stillstand von Aktivit\u00e4ten und dem Einfrieren von Budgets f\u00fchren. \u201eGood enough\u201c-Ans\u00e4tze f\u00fcr die Sorgfaltspflicht k\u00f6nnten Organisationen mehr Raum geben, um offen und offensiv mit Korruption umzugehen und korruptionssensible Ma\u00dfnahmen zu entwickeln.       <\/p>\n\n<p><strong>Arbeiten AN Korruption und Konflikten<br><\/strong>Korruptionssensibilit\u00e4t ist das n\u00f6tige Minimum f\u00fcr die Friedensarbeit in korrupten Kontexten. Idealerweise zielt Friedensarbeit aber darauf ab, Ansatzpunkte f\u00fcr Antikorruptionsma\u00dfnahmen in Friedensprozesse und in Friedenskonsoliderung einzubauen.<br>Mit politischen oder milit\u00e4rischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten k\u00f6nnen Friedensakteure einen schrittweisen Ansatz verfolgen, der im Laufe der Zeit an politischem Ehrgeiz und technischer Raffinesse gewinnen kann. Ein m\u00f6glicher Ausgangspunkt ist die Zusammenarbeit mit Konfliktparteien, um eine Anti-Korruptionsagenda in Friedensprozesse aufzunehmen und Grundprinzipien, Mechanismen und Zukunftsversprechen auszuarbeiten. Dabei kann auch an das \u201erichtig verstandene Eigeninteresse\u201c der Konfliktparteien appelliert werden, um mit Ma\u00dfnahmen wie der <a href=\"\">Offenlegung von Verm\u00f6genswerten<\/a> die Legitimit\u00e4t von Friedensgespr\u00e4chen zu st\u00e4rken und die Kontrolle von Gegner*innen zu erleichtern.   <\/p>\n\n<p>Mit gesellschaftlichen oder regionalen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten k\u00f6nnen Friedensakteure Antikorruptionsbem\u00fchungen unterst\u00fctzen, indem sie darauf dr\u00e4ngen, Akteure mit einer Antikorruptionsagenda in Friedensgespr\u00e4che einzubeziehen. Das kann helfen, Korruption auf die Agenda zu setzen. Dabei ist es wichtig, sichere R\u00e4ume f\u00fcr den Dialog zu schaffen und die <a href=\"https:\/\/www.c-r.org\/accord\/inclusion-peace-processes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Risiken f\u00fcr lokale Akteure<\/a> mitzudenken und zu minimieren.  <\/p>\n\n<p>Auf dieser Ebene sollten Friedensf\u00f6rderungs- und Antikorruptionsakteure versuchen, ihre <a href=\"https:\/\/www.ictj.org\/publication\/truth-accountability-and-asset-recovery-how-transitional-justice-can-fight-corruption\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anliegen wechselseitig aufzugreifen<\/a> und sie gemeinsam zu verfolgen. Zum Beispiel k\u00f6nnten spezialisierte \u201e<a href=\"https:\/\/peacemaker.un.org\/sites\/peacemaker.un.org\/files\/Basics%20of%20Mediation.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Korruptions-Wahrheitskommissionen<\/a>\u201c ein Mittel sein, um vergangenen Machtmissbrauch zu untersuchen und \u00f6ffentlich zu machen. <\/p>\n\n<p>In ihrer Arbeit jenseits gesellschaftlicher Eliten haben Friedensakteure damit begonnen, <a href=\"https:\/\/www.u4.no\/topics\/civil-society\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mechanismen zur sozialen Rechenschaft<\/a> mit einzubeziehen, wie in der <a href=\"https:\/\/www.c-r.org\/accord\/inclusion-peace-processes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Friedensbarometer-Initiative in Kolumbien<\/a>, die das Friedensabkommen von 2016 \u00fcberwacht. Solche Mechanismen k\u00f6nnen eine M\u00f6glichkeit sein, Anti-Korruptionsma\u00dfnahmen in die Friedensf\u00f6rderung zu integrieren. Auch Programme zur politischen Bildung und Friedenserziehung und Instrumente wie B\u00fcrgerhaushalte bieten \u00dcberschneidungs- und Ansatzpunkte, um Friedens- und Antikorruptionsthemen wechselseitig aufzugreifen und dadurch die Wirksamkeit von Ma\u00dfnahmen zu erh\u00f6hen.  <\/p>\n\n<p><strong>Nur ein (vielversprechender) Anfang\u2026<br><\/strong>Korruptionsbek\u00e4mpfung und Friedenskonsolidierung haben viele Gemeinsamkeiten, von ihrer transformativen, in sozialer Gerechtigkeit verwurzelten Agenda, bis hin zu ihrem Fokus auf lokales und kollektives Handeln. Beide profitieren \u00fcberdies von einer <a href=\"https:\/\/www.corruptionjusticeandlegitimacy.org\/corruption-as-a-system\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">systemischen Perspektive<\/a> auf Ver\u00e4nderung. Die in diesem Mapping skizzierten Vorschl\u00e4ge stellen nur einen Anfang dar. Wir hoffen, dass es die Grundlage f\u00fcr einen Dialog bietet. Ein regelm\u00e4\u00dfiger Austausch, gemeinsames Nachdenken \u00fcber neue Ideen und Ans\u00e4tze und gemeinsames Agenda-Setting gegen\u00fcber Geber*innen und anderen externen Akteuren kann dazu beitragen, nachhaltigen Frieden zu sichern.    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Korruption verhindert h\u00e4ufig die Demokratisierung und Stabilisierung von Post-Konflikt-Gesellschaften. Dennoch ignorieren viele Friedensakteure Korruption. Sie versuchen Gewalt zun\u00e4chst zu beenden, ohne \u201akorruptionssensibel\u2018 vorzugehen. Joshua Rogers argumentiert, dass Friedensakteure nicht nur konfliktsensibel, sondern auch korruptionssensibel vorgehen sollten und tritt daf\u00fcr ein, Antikorruptions- und Friedensarbeit zusammen zu bringen. Expert*innen aus den Bereichen Antikorruptions- und Friedensarbeit arbeiten selten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":2693,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[448],"autor":[498],"blog-serie":[],"fokusthema":[],"organisation":[480],"region":[822],"thema_artikel":[668],"class_list":["post-5886","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-impuls-en","autor-joshua-rogers-en","organisation-berghof-foundation-en","region-uberregional-en","thema_artikel-konfliktsensibilitaet-en"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5886"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5886\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8772,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5886\/revisions\/8772"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2693"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5886"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=5886"},{"taxonomy":"blog-serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-serie?post=5886"},{"taxonomy":"fokusthema","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/fokusthema?post=5886"},{"taxonomy":"organisation","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/organisation?post=5886"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=5886"},{"taxonomy":"thema_artikel","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/thema_artikel?post=5886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}