{"id":5894,"date":"2022-11-24T02:27:00","date_gmt":"2022-11-24T01:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/klimaretter-im-gasrausch\/"},"modified":"2024-11-18T10:36:26","modified_gmt":"2024-11-18T09:36:26","slug":"klimaretter-im-gasrausch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/klimaretter-im-gasrausch\/","title":{"rendered":"Klimaretter im Gasrausch"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Europa kauft weltweit fossile Brennstoffe, um die Versorgung von Wirtschaft und Gesellschaft zu sichern. Steigende Energiepreise treffen besonders L\u00e4nder im Globalen S\u00fcden. Die ohnehin schon prek\u00e4re Lage wird weiter versch\u00e4rft und das Konfliktpotential steigt. Doch auch ein Fokus auf erneuerbare Energien schafft hier keine Abhilfe, denn auch die Energiewende bringt einen ansteigenden Ressourcenbedarf mit sich. Der Wettbewerb um diese Ressourcen sorgt bereits jetzt f\u00fcr bewaffnete Konflikte.    <\/strong><\/p>\n\n<p>Der Winter steht bevor. Das Gas aus Russland bleibt aus. Auf der Suche nach Ersatz kaufen Europa und Deutschland nun den Weltmarkt leer. Mit einschneidenden Folgen f\u00fcr den Globalen S\u00fcden und entgegen der Selbstverpflichtung zu den bestehenden Klimaabkommen. Doch auch die Energiewende Europas w\u00fcrde an dieser ungerechten Kostenverteilung nichts \u00e4ndern.    <\/p>\n\n<p>Noch am 9. November 2021 schloss sich Deutschland im Rahmen der COP26 Klimakonferenz in Glasgow 24 anderen Staaten der Initiative an die <a href=\"https:\/\/ukcop26.org\/statement-on-international-public-support-for-the-clean-energy-transition\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>\u00f6ffentliche Finanzierung fossiler Brennstoffe im Ausland bis Ende 2022 zu beenden<\/strong><\/a>. Ausnahmen seien nur m\u00f6glich sofern sie mit dem Erw\u00e4rmungslimit von 1,5 \u00b0C und den Zielen des Pariser Klimaabkommens vereinbar sind. Doch der russische Angriff auf die Ukraine und die folglich von Bundeskanzler Scholz bekundete \u201eZeitenwende\u201c lie\u00dfen die vorherigen Verpflichtungen verblassen. Bisher galt Gas als \u201eBr\u00fcckentechnologie\u201c zwischen Kohle- und Atomausstieg und Energiewende. Dieses kam 2020 vor Beginn des Ukraine-Krieges zu <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/507243\/deutschlands-abhaengigkeit-von-russischem-gas\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>95% aus Russland<\/strong><\/a><strong>. <\/strong>Da Russland kein Gas mehr an Europa liefert, kauft Europa nun weltweit fieberhaft fossile Brennstoffe, um die Versorgung von Wirtschaft und Gesellschaft insbesondere f\u00fcr den kommenden Winter zu sichern. Zudem will sich Europa unabh\u00e4ngiger von russischen Ressourcen machen, um Russlands Ziele im Ukraine-Krieg so wenig wie m\u00f6glich finanziell zu unterst\u00fctzen. Neben kurzfristigen Gaslieferungen aus anderen L\u00e4ndern sollen gezieltes Energiesparen und ein schnellerer Ausbau erneuerbarer Energien den Ausweg aus Energie- und Klimakrise ebnen. Auch die Verl\u00e4ngerung der Atomenergie und des Braunkohletagebaus werden wieder in Betracht gezogen.       <\/p>\n\n<p><strong>\u201eHauptsache Wir frieren nicht\u201c<br><\/strong>Frans Timmermans, Vize-Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Kommission und Verantwortlicher f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/info\/strategy\/priorities-2019-2024\/european-green-deal_de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>EU Green Deal<\/strong><\/a>, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/environment\/2022\/jul\/08\/risk-of-conflict-and-strife-in-europe-over-energy-crisis-eu-deputy-warns\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>betonte<\/strong><\/a>, dass Europa in Folge der Ukraine-Krise besonders hart von den gestiegenen Energiepreisen betroffen sei. Starke zivile Unruhen und Konflikte seien aufgrund dessen zu bef\u00fcrchten. Die kurzfristige R\u00fcckkehr zu fossilen Brennstoffen und weitere Erschlie\u00dfung dieser sei vertretbar, denn die Energiekrise habe nicht nur Priorit\u00e4t, sondern ist auch Voraussetzung, um die Klimaziele zu erreichen.  <\/p>\n\n<p>Entgegen der Annahme, dass vor allem Europa unter den hohen Energiepreisen leidet, treiben gerade reiche europ\u00e4ische L\u00e4nder die Energiekosten durch den Einkauf fossiler Energietr\u00e4ger aus anderen L\u00e4ndern in die H\u00f6he, auf Kosten weniger finanzstarker L\u00e4nder. Insbesondere L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens, <a href=\"https:\/\/www.worldbank.org\/en\/publication\/africa-pulse\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>die aufgrund der multiplen Krisen bereits hochverschuldet sind<\/strong><\/a>, treffen die hohen Energiepreise deutlich st\u00e4rker als Europa. Die gestiegenen <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2022\/04\/08\/weg-vom-russischem-gas-statt-fossiler-abhaengigkeiten-muessen-deutschland-und-europa-auf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Gaspreise feuern<\/strong><\/a> nicht nur die fossile Produktion mit risikoreichen Technologien wie <a href=\"https:\/\/www.investigate-europe.eu\/en\/2022\/europes-energy-crisis-is-reviving-the-fracking-industry\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Fracking<\/strong><\/a> an. Da Gaslieferanten besser zahlende europ\u00e4ische L\u00e4nder als Kunden vorziehen, k\u00f6nnen sich L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens die gestiegenen Gaspreise nun nicht mehr leisten. In <a href=\"https:\/\/qz.com\/power-hungry-europe-is-leaving-developing-countries-sta-1849624921\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Bangladesch, Pakistan und Indien haben diese Energieengp\u00e4sse bereits zu stundenlangen Stromausf\u00e4llen <\/strong><\/a>gef\u00fchrt. F\u00fcr L\u00e4nder, die wie Pakistan bereits stark von den Folgen des Klimawandels und anderen Krisen betroffen sind, sorgen die Energieausf\u00e4lle und steigenden Strompreise f\u00fcr zus\u00e4tzliche \u201eStresspunkte\u201c in Gesellschaft und Wirtschaft, <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/hauptsache-wir-frieren-nicht-gas-fuer-europa-auf-kosten-des-globalen-suedens-dlf-kultur-81d82360-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>so <\/strong><\/a>Prof. Andreas Goldthau. Die Energieausf\u00e4lle wirken sich auch auf Nahrungsmittelpreise, Transport, Kommunikation und viele weitere essenzielle Bereiche des t\u00e4glichen Lebens aus. Kommen mehrere Krisen gleichzeitig zusammen, birgt dies ein hohes Konfliktpotential. Zum Ausgleich steigen diese L\u00e4nder nun teilweise wieder auf Kohle und \u00d6l um, da diese trotz gestiegener Preise weiterhin verf\u00fcgbar sind. Haben stark wachsende Schwellenl\u00e4nder kein Gas zum \u00dcbergang f\u00fcr ihre eigene Energiewende zur Verf\u00fcgung, f\u00fchrt deren Fokus auf Kohle langfristig zum Emissionsproblem, betont Prof. Andreas Goldthau.         <\/p>\n\n<p><strong>Afrikas Gas \u2013 Nur f\u00fcr den \u00dcbergang?<br><\/strong>Neben dem Import fossiler Energiequellen aus anderen L\u00e4ndern wollen Deutschland und Europa nun doch wieder in die Erschlie\u00dfung neuer fossiler Energien investieren &#8211; zu Lasten von Umwelt und lokaler Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n<p>So s<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/afrika\/scholz-besuch-senegal-erdgas-101.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>agte Bundeskanzler Scholz bei seiner Afrikareise im Mai 2022 Senegals Pr\u00e4sident Macky Sall die Unterst\u00fctzung bei der Gaserschlie\u00dfung wie auch bei der F\u00f6rderung erneuerbarer Energien zu<\/strong><\/a>. Klimasch\u00fctzer werten diesen Schritt als klaren <a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/22521\/5359040\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Versto\u00df gegen das Pariser Klimaabkommen<\/strong><\/a>. Die Gaserschlie\u00dfung vor der senegalesischen und mauretanischen K\u00fcste w\u00fcrde die Natur und die von der Fischerei lebende, lokale Bev\u00f6lkerung <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/klimasch%C3%BCtzer-wegen-deutscher-gas-pl%C3%A4ne-im-senegal-alarmiert\/a-62630774\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>zus\u00e4tzlich belasten<\/strong><\/a>. <a href=\"https:\/\/gpinvestigations.pri.org\/overfished-in-senegal-empty-nets-lead-to-hunger-and-violence-e3b5d0c9a686\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Knappheiten an Fisch<\/strong><\/a> haben bereits in der Vergangenheit zu Streit und Gewalt zwischen Fischern an Senegals K\u00fcsten gef\u00fchrt. Der durch den Klimawandel gestiegene Meeresspiegel macht die Lebensbedingungen umso schwieriger. Durch die Infrastruktur zur Gasf\u00f6rderung k\u00f6nnte nicht nur das weltweit gr\u00f6\u00dfte Kaltwasserkorallenriff sowie UNESCO Meereskr\u00f6ten-Schutzgebiet vor der K\u00fcste Senegals ma\u00dfgeblich gesch\u00e4digt werden, sondern auch die Lebensgrundlage der Bewohner.    <\/p>\n\n<p>Deutschland will die Gasf\u00f6rderung in anderen L\u00e4ndern wie dem Senegal nur als \u00dcbergangsl\u00f6sung nutzen bis den Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden kann. Doch bis das gesamte deutsche Energiesystem auf regenerativen Energietr\u00e4gern fu\u00dft wird es voraussichtlich bis <a href=\"https:\/\/www.quarks.de\/technik\/energie\/wann-wir-endlich-unseren-strom-zu-100-prozent-aus-erneuerbaren-quellen-beziehen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>2045<\/strong><\/a> dauern. Andere Prognosen halten fr\u00fchestens 2050 f\u00fcr realistischer. Die F\u00f6rderung fossiler Infrastrukturen r\u00fcckt die Erreichung der Klimaziele in die weite Ferne. Bei maximaler Auslastung m\u00fcssen diese eine Laufzeit von mehreren Jahrzehnten haben, um rentabel zu sein. Das erzeugt ungewollte Pfadabh\u00e4ngigkeiten, sogenannte <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/deutschland\/fossile-pfade-der-prima-klimaklub-und-das-warten-auf-den-energiegipfel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Carbon Lock-Ins<\/strong><\/a>. Kurzfristige Engp\u00e4sse k\u00f6nnen so gel\u00f6st werden, aber <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/deutschland\/fossile-pfade-der-prima-klimaklub-und-das-warten-auf-den-energiegipfel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>mittel- und langfristig wird die Klimakrise dadurch verst\u00e4rkt.<\/strong><\/a> Fl\u00fcssigerdgas, sogenanntes Liquified Natural Gas <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/finanzen\/gas-wasserstoff-ammoniak-erneuerbare-energien-das-sind-deutschlands-energie-partner-der-zukunft_id_146021877.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>(LNG), wird als schnelle L\u00f6sung angepriesen<\/strong><\/a>, um die Energiesicherheit f\u00fcr Europas Wirtschaft und Gesellschaft akut insbesondere diesen Winter zu sichern. Im Falle Senegals w\u00e4re eine geringe Menge des fossilen Fl\u00fcssigerdgases aber fr\u00fchestens Ende 2023 verf\u00fcgbar. \u201eMit Energiesicherheit und nachhaltiger Entwicklung haben die Pl\u00e4ne der Bundesregierung im Senegal nichts zu tun. [\u2026] Die Energiel\u00fccke im kommenden Winter schlie\u00dfe man damit nicht.\u201c, <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Gasvorkommen-im-Senegal-Auch-Deutschland-will-ein-Stueck-vom-Kuchen-7188057.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>sagte Sascha M\u00fcller-Kraenner<\/strong><\/a>, Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Deutschen Umwelthilfe (DUH).        <\/p>\n\n<p><strong>\u201eZuverl\u00e4ssige Energie\u201c aus dem Golf und Aserbaidschan<br><\/strong>Um die Abh\u00e4ngigkeit von russischem Gas zu \u00fcberwinden und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/vonderleyen\/status\/1548981194578182145?lang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Energiesicherheit auf dem Weg zu Klimaneutralit\u00e4t<\/strong><\/a> zu garantieren, begr\u00fcndet die EU auch zahlreiche \u201estrategische Energiepartnerschaften\u201c mit angeblich zuverl\u00e4ssigeren Gaslieferanten als Russland, darunter Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Aserbaidschan. Dabei schien es keine Rolle zu spielen, dass Kooperationen mit Autokratien eingegangen wurden, die <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/regionen\/europa\/artikel\/aserbaidschan-gas-realpolitik-6092\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Menschenrechten<\/strong><\/a> im eigenen Land keinen Wert beimessen, an blutigen Kriegen im Jemen oder der Berg-Karabach Region beteiligt sind und wie Saudi-Arabien <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/scholz-golfstaaten-energie-101.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>\u00d6l aus Russland<\/strong><\/a> beziehen. Zu wichtig seien die harmonischen Gesch\u00e4ftsbedingungen, um Europas fossilen Durst zu l\u00f6schen. Durch den Austausch der Lieferl\u00e4nder werden die <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2022\/04\/08\/weg-vom-russischem-gas-statt-fossiler-abhaengigkeiten-muessen-deutschland-und-europa-auf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Abh\u00e4ngigkeiten zudem nicht reduziert<\/strong><\/a>, ebenso wenig die mit fossiler Energie verbundenen <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2022\/04\/08\/weg-vom-russischem-gas-statt-fossiler-abhaengigkeiten-muessen-deutschland-und-europa-auf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Umwelt-, Klima- und Menschenrechtsprobleme.<\/strong><\/a> Greenpeace EU-Direktor Jorgo Riss <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.org\/eu-unit\/issues\/climate-energy\/46112\/europe-goes-despot-shopping-ukraine-war\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hebt hervor<\/strong><\/a>, dass der Austausch der Energielieferanten und das Auslassen von russischem Uranium-Exporten von den EU-Sanktionen nicht zu Frieden und Sicherheit f\u00fchren wird. Fossile Brennstoffe, die schon seit jeher mit Konflikt und Krieg in Verbindung stehen, m\u00fcssten abgel\u00f6st werden. Energieeffizienz und Erneuerbare m\u00fcssen, so Riss, vorangetrieben werden, ohne die verletzlichsten Bev\u00f6lkerungsgruppen dabei zu gef\u00e4hrden.     <\/p>\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>(Un-)just Transition<br><\/strong>Investitionen in erneuerbare Energien, um den fairen und langfristigen \u00dcbergang weg von fossilen Brennstoffen zu schaffen, verschreibt sich auch die deutsche Regierung. Bis 2030 will sie die <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/rohstoffe-energiewende-recycling-umwelt-ressourcen-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Leistungsf\u00e4higkeit von Windkraftanlagen<\/strong><\/a> verdoppeln. Windr\u00e4der auf dem Meer sowie Solaranlagen sollen sogar viermal mehr Strom generieren als aktuell.  <\/p>\n\n<p>Oft wird durch den Fokus auf erneuerbare Energien als Ausweg aus Klima- und Energiekrise und nachhaltige Alternative aus den Augen gelassen, dass f\u00fcr die Energiewende die Ausbeutung gro\u00dfer Mengen mineralischer Rohstoffe n\u00f6tig ist. Darunter fallen insbesondere Lithium, Kupfer, Kobalt sowie seltene Erdmetalle, welche f\u00fcr die Solar-, Hydrogen und Windenergie, aber auch vor allem f\u00fcr Stromnetze, Elektromobilit\u00e4t und die Energiespeicherung gebraucht werden. <\/p>\n\n<p>Nach dem <a href=\"https:\/\/www.iea.org\/reports\/the-role-of-critical-minerals-in-clean-energy-transitions\/executive-summary\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) 2021 <\/strong><\/a>wird sich der Bedarf von Mineralen f\u00fcr klimaneutrale Technologien bis 2040 vervierfachen, um die Pariser Klimaziele mit maximaler Erderw\u00e4rmung von 2\u00b0C zu erreichen. In einem solchen Szenario w\u00fcrde der Bedarf an Kupfer und seltenen Erden \u00fcber die n\u00e4chsten 20 Jahre um 40% ansteigen, um 60-70% f\u00fcr Nickel und Kobalt sowie um fast 90% f\u00fcr Lithium. Aktuelle und geplante Bergwerke decken bisher nur die H\u00e4lfte des voraussichtlichen Lithium- und Kobaltbedarfs bis 2030 ab sowie 80% des Kupferbedarfs. Da der zuk\u00fcnftige Bedarf die derzeitige Produktion bei weitem \u00fcbersteigt, m\u00fcssen neue Bodensch\u00e4tze erschlossen werden mit dramatischen Folgen f\u00fcr Umwelt und Menschen. Auch der EU Green Deal, mit dem Ziel 2050 frei von Emissionen zu sein, ben\u00f6tigt nach einer <a href=\"https:\/\/eurometaux.eu\/media\/jmxf2qm0\/metals-for-clean-energy.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Studie der KU Leuven<\/strong><\/a> 35-mal mehr Lithium und 26-mal mehr seltene Erden als Europa heute verbraucht. Bei beschleunigter Energiewende steigen Ressourcenbedarf und demnach Preise rasant an, sodass Materialengp\u00e4sse die Energiewende verz\u00f6gern werden.     <\/p>\n\n<p>Die f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/energiesysteme-zukunft.de\/themen\/metalle-fuer-die-energiewende\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Energiewende essenziellen Ressourcen konzentrieren sich auf eine kleine Anzahl von L\u00e4ndern<\/strong><\/a>. So kommen 89% der seltenen Erden aus China, Kobalt zu 59% aus der Demokratischen Republik Kongo und Lithium wird vor allem in Lateinamerika und Australien abgebaut. Einige Stoffe, welche unter anderem f\u00fcr die Elektromobilit\u00e4t und Stromnetze gebraucht werden, werden auch aus Russland bezogen. Zuk\u00fcnftig kann die steigende Nachfrage zu geopolitischen Spannungen und zu Konflikten in den Abbaugebieten, die nur gering reguliert sind, f\u00fchren. In der rohstoffreichen Demokratischen Republik Kongo sorgt der Wettbewerb um die wertvollen Ressourcen bereits seit Jahrzehnten f\u00fcr<a href=\"https:\/\/www.planet-wissen.de\/natur\/fluesse_und_seen\/kongo\/pwiekampfumdiekongoschaetze100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong> bewaffnete Konflikte<\/strong><\/a> zwischen Bev\u00f6lkerung, Rebellengruppen, Staaten und Unternehmen.    <\/p>\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Aber auch im <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/wirtschaft-und-oekologie\/artikel\/schon-wieder-ausgebeutet-5531\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Lithium Dreieck von Bolivien, Chile und Argentinien<\/strong><\/a> verursacht der Ressourcenabbau gesellschaftliche Konflikte und Umweltsch\u00e4den. So erzeugt der starke Wasserverbrauch des Abbaus Wasserknappheit. \u00d6kosysteme werden zudem verdreckt und die Lebensgrundlage indigener, von Landwirtschaft lebender Gruppen gef\u00e4hrdet. Durch das wirtschaftliche Interesse des Staates an der Ressourcenausbeutung werden Standards f\u00fcr Umweltschutz und Menschenrechte oft nicht eingehalten. Die lokale Bev\u00f6lkerung wird von ihrem Land vertrieben oder unzureichend an Entscheidungen und Gewinn des Abbaus beteiligt, obwohl sie die wirtschaftlichen, sozialen und \u00f6kologischen Konsequenzen tragen m\u00fcssen. Proteste gegen die Abbauma\u00dfnahmen und Gewalt sind die Folge. Insbesondere Menschen im Globalen S\u00fcden, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, sind den Folgen von Klimawandel und Ressourcenausbeutung schutzlos ausgesetzt.      <\/p>\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Umdenken \u2013 f\u00fcr mehr Umweltgerechtigkeit und Konfliktsensibilit\u00e4t<br><\/strong>Obwohl sich Deutschland und die EU als Vorreiter f\u00fcr den Klimaschutz und einen <a href=\"https:\/\/www.bmz.de\/de\/themen\/klimawandel-und-entwicklung\/just-transition\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>gerechten \u00dcbergang (Just Transition) zu einem klimaneutralen Leben und Wirtschaften gemeinsam mit Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern<\/strong><\/a> positionieren, hat der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus folgende Energiekrise gezeigt, dass die Kosten f\u00fcr den Abbau fossiler und mineraler Ressourcen disproportional auf den globalen S\u00fcden ausgelagert werden. Klimawandel, Umweltsch\u00e4den, Menschenrechtsverletzungen und Gewaltkonflikte werden dabei f\u00fcr Europas enormen Rohstoffdurst in Kauf genommen. Dass Europas und Deutschlands hoher <a href=\"https:\/\/ak-rohstoffe.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/AK-Rohstoffe-Forderungen-Rohstoffe-131022.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Rohstoffverbrauch nicht nur die Klimakrise weiter anfeuert, sondern \u00f6kologische, soziale und menschenrechtliche Konflikte entlang der Rohstofflieferketten versch\u00e4rft<\/strong><\/a>, bleibt in der Debatte um die Energiesicherheit und Unabh\u00e4ngigkeit von russischem Gas au\u00dfer Acht.  <\/p>\n\n<p>Wenn aus einem Notstand heraus kurzfristig zu fossilen Brennstoffen zur\u00fcckgekehrt werden muss, so muss dies koh\u00e4rent und transparent begr\u00fcndet werden. Insbesondere d\u00fcrfen die gesetzten Klima- und Umweltziele dabei nicht in den Hintergrund r\u00fccken. Die F\u00f6rderung neuer fossiler Infrastruktur stellt dabei eine langfristige Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Energien dar, welche im klaren Widerspruch mit der Erreichung eben dieser Ziele steht. L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens, die bereits heute die meisten Folgen des Klimawandels tragen m\u00fcssen und oft von politischer Instabilit\u00e4t gepr\u00e4gt sind, d\u00fcrfen nicht zus\u00e4tzlich belastet werden, sondern sollten unterst\u00fctzt werden sich Rohstoffe weiterhin leisten zu k\u00f6nnen und ihre eigene Energiewende voranzutreiben.   <\/p>\n\n<p>Der aktuelle Fokus darauf, dass erneuerbare Energien durch ihre klimaneutrale Stromerzeugung als gr\u00fcne Alternative zu fossilen Brennstoffen gelten, verkennt die Tatsache, dass auch erneuerbare Technologien ressourcenintensiv sind. Die aktuellen Vorkommen werden bei weitem nicht f\u00fcr die Energiewende Europas ausreichen, geschweige denn f\u00fcr die Klimaneutralit\u00e4t der ganzen Welt. Neue mineralische Rohstoffe zu erschlie\u00dfen, ginge mit erheblichen Umweltsch\u00e4den und einem hohen Konfliktpotential einher. Mit dem Ziel des Klima- und Umweltschutzes im Hinterkopf, macht es zudem wenig Sinn ein klimaneutrales Europa zu haben, w\u00e4hrend der Globale S\u00fcden im Zuge dieser Energiewende wieder mehr Treibhausgase ausst\u00f6\u00dft und Umweltsch\u00e4den zu verzeichnen hat.   <\/p>\n\n<p>Insgesamt bedarf es einer Energiewende, die den globalen S\u00fcden mit einbezieht und Technologien wie Ressourcen danach bewertet, wie umweltschonend, menschenrechtskonform und konfliktsensibel sie entlang der gesamten Lieferkette sind. Zudem muss die gerechte Verteilung der Kosten f\u00fcr den Umgang mit den Ressourcen gew\u00e4hrleistet und durch internationale Standards reguliert werden. Dazu geh\u00f6rt, dass betroffene Gruppen objektiv informiert, in Entscheidungsprozesse miteinbezogen und f\u00fcr den entstehenden Sch\u00e4den kompensiert werden. W\u00e4hrend das deutsche Lieferkettengesetz und die <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/info\/law\/better-regulation\/have-your-say\/initiatives\/12018-Financial-benchmarking-building-in-environmental-social-governance-criteria_en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>EU-Richtlinie, welche Umwelt-, soziale und Regierungsfaktoren mit in Unternehmensaktivit\u00e4ten zu ber\u00fccksichtigt<\/strong><\/a>, sowie die <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/sites\/default\/files\/documents\/publications\/guidingprinciplesbusinesshr_en.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>UN-Leitprinzipien f\u00fcr Wirtschaft und Menschenrechte<\/strong><\/a> bereits einen verbindlichen rechtlichen Rahmen f\u00fcr Unternehmen und ihre Lieferanten darstellen, m\u00fcssen Kriterien f\u00fcr mehr Konfliktsensibilit\u00e4t noch mehr rechtliche Wirksamkeit bekommen.   <\/p>\n\n<p>Der zuk\u00fcnftig steigende Ressourcenbedarf f\u00fcr die Energiewende wird den Druck auf relevante nat\u00fcrliche Ressourcen und deren Herkunftsregionen weiter erh\u00f6hen. Um geopolitische Spannungen und Ressourcenkonflikte in den Abbaugebieten nicht noch st\u00e4rker anzuheizen, muss der aktuell hohe und zuk\u00fcnftig steigende Bedarf an fossilen wie auch mineralischen und metallischen Ressourcen begrenzt werden. Auch Europas angestrebte Versorgungssicherheit, welche durch den Austausch der Rohstofflieferanten nur zu neuen Abh\u00e4ngigkeiten von autokratischen Staaten gef\u00fchrt hat, k\u00f6nnte auf diese Weise adressiert werden.  <\/p>\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Obwohl wir seit der <a href=\"https:\/\/www.un.org\/depts\/german\/conf\/agenda21\/rio.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Klimakonferenz 1992 in Rio de Janeiro<\/strong><\/a> und sp\u00e4testens seit der <a href=\"https:\/\/www.bmz.de\/de\/agenda-2030\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Agenda 2030<\/strong><\/a> wissen, dass die planetarischen Grenzen endlich sind und wir keinen weiteren Raubbau an der Natur betreiben d\u00fcrfen, setzt die Wirtschaft weiterhin auf Wachstum. Die damit einhergehende Zerst\u00f6rung von \u00d6kosystemen bedroht menschliche Lebensgrundlagen. Zudem erzeugt und versch\u00e4rft sie Konflikte. Kreislaufwirtschaft erscheint Vielen inzwischen als die L\u00f6sung, verkennt aber die Notwendigkeit, dass insgesamt Energie und Rohstoffe eingespart werden m\u00fcssen. Ein Umdenken hin zu neuen Wirtschafts- und Lebenskonzepten, welche sich an den planetarischen Grenzen, Umweltschutz, Frieden und globaler Gerechtigkeit orientieren, ist n\u00f6tig.    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa kauft weltweit fossile Brennstoffe, um die Versorgung von Wirtschaft und Gesellschaft zu sichern. Steigende Energiepreise treffen besonders L\u00e4nder im Globalen S\u00fcden. Die ohnehin schon prek\u00e4re Lage wird weiter versch\u00e4rft und das Konfliktpotential steigt. Doch auch ein Fokus auf erneuerbare Energien schafft hier keine Abhilfe, denn auch die Energiewende bringt einen ansteigenden Ressourcenbedarf mit sich. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":2689,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[448],"autor":[512],"blog-serie":[],"fokusthema":[],"organisation":[],"region":[822],"thema_artikel":[667,680],"class_list":["post-5894","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-impuls-en","autor-michelle-simon-en","region-uberregional-en","thema_artikel-klimawandel-en","thema_artikel-umwelt-en"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5894"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5894\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5915,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5894\/revisions\/5915"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5894"},{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=5894"},{"taxonomy":"blog-serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-serie?post=5894"},{"taxonomy":"fokusthema","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/fokusthema?post=5894"},{"taxonomy":"organisation","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/organisation?post=5894"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=5894"},{"taxonomy":"thema_artikel","embeddable":true,"href":"https:\/\/frient.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/thema_artikel?post=5894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}