{"id":6178,"date":"2023-09-28T22:15:00","date_gmt":"2023-09-28T20:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/bergkarabach-exodus-der-armenierinnen\/"},"modified":"2025-01-21T16:05:37","modified_gmt":"2025-01-21T15:05:37","slug":"bergkarabach-exodus-der-armenierinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/bergkarabach-exodus-der-armenierinnen\/","title":{"rendered":"Bergkarabach \u2013 Exodus der Armenier*innen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Monatelang wurde die armenischst\u00e4mmige Bev\u00f6lkerung in Bergkarabach durch eine Blockade ausgehungert. Nach der Eroberung der Enklave durch Aserbaidschan fl\u00fcchteten jetzt Zehntausende. Die Angst vor Pogromen w\u00e4chst. Wie realistisch ist die Hoffnung auf einen gerechten, anhaltenden Frieden?   <\/strong><\/p>\n\n<p><strong>Die aktuelle Lage &#8230;<\/strong><\/p>\n\n<p>Ein zentraler Konflikt in der europ\u00e4ischen Nachbarschaftsregion, der bereits in Sowjetzeiten schwelte und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu zwei Kriegen 1991\u201394 und 2020 f\u00fchrte, brach am Morgen des 19. September 2023 erneut aus. Aserbaidschan startete eine milit\u00e4rische Offensive gegen die abtr\u00fcnnige Region Bergkarabach, die mehrheitlich von Armenier:innen bewohnt wird. Bergkarabach hatte sich bereits in den Neunzigerjahren unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker f\u00fcr unabh\u00e4ngig erkl\u00e4rt, wurde aber nie international anerkannt. Aserbaidschan setzte seine Anspr\u00fcche nun mit massiver milit\u00e4rischer Gewalt durch, verstie\u00df dabei gegen die Vereinbarungen des 2020 erzielten Waffenstillstandsabkommens, nahm Tote und Verletzte unter der Zivilbev\u00f6lkerung in Kauf.   <\/p>\n\n<p>Am 21. September 23 erkl\u00e4rte der aserbaidschanische Pr\u00e4sident Aliev den Sieg und verk\u00fcndete die Entwaffnung und \u201eWiedereingliederung\u201c der Bev\u00f6lkerung. Aber bis heute verweigert Aserbaidschan den etwa 60\u201390.000 Karabach-Armenier:innen Sicherheitsgarantien. Vor dem historischen Hintergrund beidseitiger ethnischer S\u00e4uberungen und dem darin begr\u00fcndeten gegenseitigen Misstrauen und Hass stellt dies eine akute Bedrohung f\u00fcr die menschliche Sicherheit der Armenier:innen in Bergkarabach dar. Rechtsstaatliche Verfahren und die Achtung der Menschenrechte sind in Aserbaidschan nicht gew\u00e4hrleistet, die Handlungsspielr\u00e4ume f\u00fcr die Zivilgesellschaft komplett geschlossen (s. a. Brot f\u00fcr die Welt <a href=\"\">Atlas der Zivilgesellschaft 2023<\/a>, S.11). Tausende Karabach-Armenier:innen haben die Region verlassen. Wer konnte, sucht Schutz in Armenien. Aber Fahrzeuge und Treibstoff fehlen und die Zukunft der Zur\u00fcckbleibenden ist unklar. Die Angst vor gewaltsamen \u00dcbergriffen und Verfolgung w\u00e4chst.        <\/p>\n\n<p><strong>Gewalt muss verurteilt werden<\/strong><\/p>\n\n<p>Schon zu Beginn des Jahres erhoben sich viele Stimmen, die ethnische S\u00e4uberungen bef\u00fcrchteten. So warnte etwa Luis Moreno Ocampo, ehemaliger Chefankl\u00e4ger am Internationalen Strafgerichtshof, in einer im August 2023 ver\u00f6ffentlichten Studie vor einem Genozid an der armenischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung Bergkarabachs. <\/p>\n\n<p>Die Gewalt in Bergkarabach und das massive milit\u00e4rische Vorgehen Aserbaidschans sind zu verurteilen. So haben es auch die Evangelische Kirche in Deutschland, die Deutsche Bischofskonferenz und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in ihrer <a href=\"\">gemeinsamen Pressemitteilung vom 20.09.2023<\/a> ausgedr\u00fcckt. <\/p>\n\n<p><strong>\u2026 und Bef\u00fcrchtungen f\u00fcr die Zukunft<\/strong><\/p>\n\n<p>Die ersten Schutzsuchenden haben Armenien bereits erreicht und schon jetzt zeichnet sich ab, dass dort noch viel mehr Menschen aus Bergkarabach stranden werden. Die Hilfsbereitschaft ist gro\u00df, aber die demokratisch orientierte Regierung des 2018 gew\u00e4hlten Regierungschefs Nikol Pashinian steht innenpolitisch bereits unter gro\u00dfem Druck und droht nun noch weiter destabilisiert zu werden. <\/p>\n\n<p>Zivilgesellschaftliche und kirchliche Partnerorganisationen von Brot f\u00fcr die Welt bereiten sich so gut es geht auf Gefl\u00fcchtete aus Bergkarabach und deren Versorgung vor. Die Gefl\u00fcchteten, die jetzt t\u00e4glich in Armenien ankommen, m\u00fcssen versorgt werden. Hinzu kommen die Menschen, die bereits w\u00e4hrend des Kriegs 2020 und der letzten gewaltsamen Auseinandersetzungen vom September 2022 gefl\u00fcchtet sind \u2013 auch deren humanit\u00e4re Situation ist prek\u00e4r. Die Herausforderung, weitere Kapazit\u00e4ten f\u00fcr neue Fl\u00fcchtlinge zu schaffen, die dann vermutlich auch langfristig in Armenien bleiben werden, ist gro\u00df.   <\/p>\n\n<p><strong>Angst vor Racheakten<\/strong><\/p>\n\n<p>Ferner ist zu bef\u00fcrchten, dass es in Bergkarabach zu Racheakten an den Armenier:innen kommen wird. Schon jetzt wird laut Berichten aus der Region deutlich, dass die eingerichteten humanit\u00e4ren Korridore keine sicheren Fluchtwege darstellen. Inwieweit Aserbaidschan der Bev\u00f6lkerung einen freien Abzug gew\u00e4hrt, ist ungewiss. In den sozialen Medien kursieren aserbaidschanische Hassreden, Aufrufe zu Frauen- und Kindersch\u00e4ndung und Mord an den verhassten Armenier:innen.   <br><br>Mit dem Exodus der Karabach-Armenier:innen droht auch eine weitere Destabilisierung in Armenien, die sich auf die gesamte Region auswirkt.<\/p>\n\n<p><strong>Das Risiko eines Fl\u00e4chenbrands: geostrategische Gemengelage und Handlungskorridore<\/strong><\/p>\n\n<p>In Armenien rechnet man dar\u00fcber hinaus damit, dass Aserbaidschan m\u00f6glicherweise in n\u00e4chster Zeit einen weiteren Angriffskrieg f\u00fchren wird, dieses Mal direkt auf dem Territorium Armeniens, um einen Verbindungskorridor zur aserbaidschanischen Exklave Nachitchevan und schlie\u00dflich auch einen direkten Handelsweg in die T\u00fcrkei durchzusetzen.<br><br>Internationale Expert:innen \u00e4u\u00dferten bereits im Vorfeld der Offensive die Bef\u00fcrchtung, dass sich ein milit\u00e4rischer Konflikt auf das souver\u00e4ne Hoheitsgebiet Armeniens ausweiten k\u00f6nnte \u2013 wie bereits im September 2022 geschehen \u2013 und zugleich ethnische S\u00e4uberungen an Armenier:innen in Bergkarabach m\u00f6glich w\u00e4ren. Um dies zu verhindern, m\u00fcsse die internationale Gemeinschaft im Konfliktfall rasch und entschieden reagieren, ansonsten drohe ein Fl\u00e4chenbrand. Denn die Region ist geostrategisch auch f\u00fcr die T\u00fcrkei und den Iran interessant.  <\/p>\n\n<p><strong>Was ist zu tun?<\/strong><\/p>\n\n<p>Die Sorge um anhaltende Gewalt und Menschenrechtsverletzungen an den Karabach-Armenier:innen wie auch ein \u00dcbergreifen der milit\u00e4rischen Eskalation durch Aserbaidschan auf das armenische Territorium ist weiterhin gro\u00df. Uns erreichen t\u00e4glich Hilferufe unserer Partnerorganisationen aus Armenien und von zivilgesellschaftlichen Gruppen in Bergkarabach. <\/p>\n\n<p>In diesen Apellen fordern sie die internationale Gemeinschaft und Deutschland sehr konkret dazu auf, die aserbaidschanische Regierung an weiterer Anwendung von milit\u00e4rischer Gewalt zu hindern, die Friedensverhandlungen zwischen Aserbaidschan und den Vertreter:innen aus Bergkarabach, die in dem Ort Yevlax begonnen haben, zu begleiten und durch Vermittlung zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n<p><strong>Menschenrechtsverletzungen m\u00fcssen verhindert werden<\/strong><\/p>\n\n<p>Sie fordern, sollte sich die Vertreibung und Zwangsumsiedlung nicht verhindern lassen, die aserbaidschanische Regierung zu verpflichten, eine sichere Passage f\u00fcr die armenische Bev\u00f6lkerung zu gew\u00e4hrleisten und dies umfassend zu \u00fcberwachen. Dies m\u00fcsse auch die systematische Meldung und Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen durch die aserbaidschanische Regierung beinhalten. <\/p>\n\n<p>Die Bundesregierung darf in ihrem Engagement f\u00fcr den Schutz der Karabach-Armenier:innen und Friedensbem\u00fchungen nicht nachlassen. Sie sollte mit allen Kr\u00e4ften darauf hinwirken, dass die Energiepartnerschaft der EU mit Aserbaidschan \u00fcberpr\u00fcft und gemachte Zusagen f\u00fcr Gasvertr\u00e4ge ausgesetzt werden. Deutschland, die EU und alle Verb\u00fcndeten sollten die Reformbem\u00fchungen und Westorientierung der demokratisch orientierten Regierung Pashinians unbedingt weiter unterst\u00fctzen und eine langfristige F\u00f6rderung von Frieden und Entwicklung sowie Perspektiven f\u00fcr die armenische Bev\u00f6lkerung sichtbar machen.  <\/p>\n\n<p>Dieser Artikel erschien urspr\u00fcnglich am 28.09. auf der <a href=\"\">Website von Brot f\u00fcr die Welt<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monatelang wurde die armenischst\u00e4mmige Bev\u00f6lkerung in Bergkarabach durch eine Blockade ausgehungert. Nach der Eroberung der Enklave durch Aserbaidschan fl\u00fcchteten jetzt Zehntausende. Die Angst vor Pogromen w\u00e4chst. Wie realistisch ist die Hoffnung auf einen gerechten, anhaltenden Frieden? 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