{"id":6256,"date":"2023-06-01T16:51:00","date_gmt":"2023-06-01T14:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/ueber-frieden-sprechen-aber-wie\/"},"modified":"2025-01-21T16:06:58","modified_gmt":"2025-01-21T15:06:58","slug":"ueber-frieden-sprechen-aber-wie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/ueber-frieden-sprechen-aber-wie\/","title":{"rendered":"\u00dcber Frieden sprechen, aber wie?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wir sind deutsche Organisationen der zivilen Konfliktbearbeitung und Friedensarbeit, die seit vielen Jahren auch in der Ukraine oder im ukrainisch-russischen Dialog aktiv sind. Wir sind solidarisch mit unseren Partner*innen aus der Ukraine, die sich im Widerstand gegen den Angriff der Russischen F\u00f6deration befinden. Unsere Solidarit\u00e4t gilt auch jenen Menschen in Russland und Belarus, die sich gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine engagieren.  <\/strong><\/p>\n\n<p>Uns verbindet die Sorge, dass Solidarit\u00e4t und Hilfsbereitschaft f\u00fcr die Menschen in der Ukraine schwinden, in der hochgradig polarisierten deutschen Debatte \u00fcber den Krieg der gegenseitige Respekt f\u00fcr unterschiedliche Perspektiven verloren geht und Engagement f\u00fcr Frieden zunehmend diskreditiert wird, der Fokus auf das Milit\u00e4rische dazu f\u00fchrt, dass andere Handlungsoptionen zu wenig Aufmerksamkeit erhalten, die Zivilgesellschaft im Krieg kaum Beachtung findet und Spielr\u00e4ume f\u00fcr Diplomatie nicht ausreichend genutzt werden.<br>In der deutschen Gesellschaft sind unterschiedlichste Positionen und Perspektiven zum Krieg vertreten. Waffenlieferungen und Verhandlungen werden h\u00e4ufig als gegens\u00e4tzliche Alternativen dargestellt. Diese Engf\u00fchrungen helfen unserer Ansicht nach nicht weiter, denn sie blenden wesentliche Handlungsoptionen aus, die zu einer Minderung der Gewalt und ihrer Folgen, der Beendigung des Krieges und langfristigen Friedensperspektive beitragen k\u00f6nnen.  <\/p>\n\n<p><strong>Mit dieser Erkl\u00e4rung wollen wir Impulse f\u00fcr eine konstruktive und respektvolle Diskussionskultur \u00fcber Solidarit\u00e4t im Krieg und Wege zum Frieden geben.<\/strong><\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Es beginnt mit Empathie.<\/strong> Das Gespr\u00e4ch \u00fcber Krieg und Frieden muss von einer empathischen Haltung getragen werden. Die K\u00e4mpfe dauern an, jeden Tag sterben Menschen. Es ist jetzt f\u00fcr Ukrainer*innen enorm wichtig, dass wir ihr Leid anerkennen, dass sie Geh\u00f6r und Unterst\u00fctzung finden. Auch Russ*innen, die sich der Kriegslogik entgegenstellen, verdienen unsere Solidarit\u00e4t. Einen generellen Boykott russischer Kultur und Menschen in Deutschland lehnen wir ab. Wir halten auch die an Menschenrechten und Demokratie orientierte russische und belarussische Zivilgesellschaft bei allen Bem\u00fchungen um Deeskalation und Frieden f\u00fcr wichtige Akteure. Gro\u00dfe Teile der ukrainischen Zivilgesellschaft sehen ukrainisch-russische Dialoge in der aktuellen Situation kritisch oder lehnen sie ab. Wir respektieren diese Haltung. Zugleich k\u00f6nnen vorhandene oder von allen Beteiligten gew\u00fcnschte Gespr\u00e4chskan\u00e4le, Dialoge oder Zusammenarbeit auch aktuell helfen, Kriegsfolgen zu mindern und Zukunftsperspektiven zu entwickeln.        <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Mit Ukrainer*innen reden statt \u00fcber sie<\/strong>. Wenn wir in Deutschland \u00fcber den Krieg sprechen oder Forderungen formulieren, dann sollten wir den ernsthaften Dialog mit Menschen aus der Ukraine suchen. Sie sind dem Krieg ausgesetzt und ihre Stimmen m\u00fcssen Geh\u00f6r finden, wenn dar\u00fcber gesprochen wird, wie dieser Krieg beendet werden k\u00f6nnte. Einen dauerhaften Frieden kann es nicht \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschen des Landes hinweg geben, die jetzt von diesem russischen Angriffskrieg betroffen sind.   <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Zivilgesellschaft muss st\u00e4rker in den Fokus r\u00fccken<\/strong>. Sie ist eine unverzichtbare Akteurin, sowohl jetzt im Krieg als auch f\u00fcr eine Friedensperspektive. Der starke Zusammenhalt der ukrainischen Gesellschaft ist beeindruckend und entscheidend daf\u00fcr, dass die Menschen in der Ukraine seit mehr als einem Jahr dem russischen Angriffskrieg widerstehen k\u00f6nnen. Der Geist der Solidarit\u00e4t und Freiwilligkeit sollte unbedingt bewahrt werden. Daher steht die ukrainische Zivilgesellschaft weiterhin im Mittelpunkt unserer Unterst\u00fctzung. Die aktive Beteiligung zivilgesellschaftlicher Gruppen ist zudem entscheidend f\u00fcr jegliche zuk\u00fcnftige Verhandlungs- und Friedensprozesse. Das gilt ebenso f\u00fcr das internationale Engagement beim Wiederaufbau der Ukraine: Auch hier muss die ukrainische Zivilgesellschaft substantiell beteiligt werden.      <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ungeh\u00f6rte Perspektiven in der Debatte \u00fcber den Krieg einbeziehen<\/strong>. Unser Bild des Krieges ist zwangsl\u00e4ufig einseitig und ausschnitthaft. Die Logik des Krieges dominiert l\u00e4ngst auch den \u00f6ffentlichen Diskurs in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen das Milit\u00e4rische, die Gewalt und ausgrenzende Dichotomien von Gut und B\u00f6se, Freund und Feind. Wir halten es f\u00fcr wichtig, in der Debatte die Aufmerksamkeit auf die Menschen zu lenken, die nicht sichtbar sind und kaum Geh\u00f6r finden. Das gilt zum Beispiel f\u00fcr ukrainische M\u00e4nner, die geflohen sind oder den Kriegsdienst verweigern. Dazu z\u00e4hlen Ukrainer*innen, die vor den K\u00e4mpfen in die Russische F\u00f6deration geflohen sind oder dorthin verschleppt wurden. Und es gilt f\u00fcr Menschen, die unter russischer Besatzung leben. Aus diesen Gebieten gibt es kaum Berichte, ihre Perspektiven auf den Krieg finden kaum Geh\u00f6r.        <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Russland hat diesen Krieg begonnen und kann ihn beenden.<\/strong> Dies sagen wir unmissverst\u00e4ndlich: Russland hat diesen Krieg 2014 begonnen. Die Entscheidung f\u00fcr den Angriff auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 hat allein die Regierung der Russischen F\u00f6deration getroffen. Sie hat die M\u00f6glichkeit, diesen Krieg zu beenden, indem sie alle Angriffe einstellt und ihre Truppen vom gesamten Staatsgebiet der Ukraine in ihren international anerkannten Grenzen zur\u00fcckzieht.  <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Es ist Aufgabe der Diplomatie, Wege aus der Eskalationsspirale und zur Beendigung des Krieges auszuloten<\/strong>. Zu ausgew\u00e4hlten humanit\u00e4ren Fragen fanden und finden bereits Verhandlungen statt, etwa zu Gefangenenaustauschen, Schutzzonen f\u00fcr Atomkraftwerke oder Getreideexporten. Die Bundesregierung sollte solche Verhandlungsformate unterst\u00fctzen. Auch wenn noch keine Friedensverhandlungen stattfinden, ist es Aufgabe der Diplomatie, diese bestm\u00f6glich vorzubereiten und mit Partner*innen abzustimmen. Langfristig werden dabei auch Fragen einer zuk\u00fcnftigen europ\u00e4ischen Sicherheits- und Friedensarchitektur zu verhandeln sein, die \u00fcber den aktuellen Krieg gegen die Ukraine hinausgehen.    <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Gefahr einer Ausweitung und nuklearen Eskalation des Krieges ernst nehmen. <\/strong>Dieses Risiko muss im \u00f6ffentlichen Diskurs besprechbar sein und darf nicht zur weiteren Polarisierung der Debatte genutzt werden \u2013 etwa durch den Vorwurf des unsolidarischen Handelns oder der \u00dcbernahme russischer Propaganda. Es gibt keine moralisch einwandfreien Antworten auf die Frage, wie sehr dieses Eskalationsrisiko das Handeln des Westens bestimmen darf. Vielmehr spielen ethische Dilemmata eine Rolle, die als solche benannt werden sollten.  <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Wende in der deutschen Sicherheitspolitik weiter kritisch hinterfragen. <\/strong>Seit der \u201eZeitenwende-Rede\u201c des Bundeskanzlers am 27.02.2022 vollzieht sich mit gro\u00dfer Geschwindigkeit ein Kurswechsel in der deutschen Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik, die Aufr\u00fcstung und Abschreckung in den Mittelpunkt stellt. Wir f\u00fcrchten, dass Diplomatie und zivile Handlungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frieden, in der Ukraine und in anderen Konflikten, zu wenig unterst\u00fctzt und eingesetzt werden. Als Friedensorganisationen werden wir das Handeln der Bundesregierung und ihrer Verb\u00fcndeten weiter kritisch hinterfragen.  <\/li>\n<\/ul>\n\n<p>HERAUSGEBENDE<br>Berlin Center for Integrative Mediation e. V.<br>www.cssp-mediation.org<\/p>\n\n<p>Forum Ziviler Friedensdienst e. V. (forumZFD)<br>www.forumZFD.de<\/p>\n\n<p>inmedio peace consult ggmbh<br>www.inmedio.de<\/p>\n\n<p>KURVE Wustrow \u2013 Bildungs- und Begegnungsst\u00e4tte f\u00fcr gewaltfreie Aktion e.V.<br>www.kurvewustrow.org<\/p>\n\n<p>OWEN \u2013 Mobile Akademie f\u00fcr Geschlechterdemokratie und Friedensf\u00f6rderung e. V.<br>www.owen-berlin.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind deutsche Organisationen der zivilen Konfliktbearbeitung und Friedensarbeit, die seit vielen Jahren auch in der Ukraine oder im ukrainisch-russischen Dialog aktiv sind. Wir sind solidarisch mit unseren Partner*innen aus der Ukraine, die sich im Widerstand gegen den Angriff der Russischen F\u00f6deration befinden. 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