{"id":6268,"date":"2023-04-27T17:51:00","date_gmt":"2023-04-27T15:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/schweigen-ist-nicht-gold\/"},"modified":"2025-01-21T16:07:35","modified_gmt":"2025-01-21T15:07:35","slug":"schweigen-ist-nicht-gold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/schweigen-ist-nicht-gold\/","title":{"rendered":"Schweigen ist nicht Gold"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bei einer Friedensaktion des ZFD-Partners Centre for Nonviolent Action (CNA) besuchten \u00dcberlebende und Veteranen aller ehemaligen Konfliktparteien gemeinsam mit Friedensaktivistinnen und Journalisten Orte in Bosnien und Herzegowina, an denen im Krieg schreckliche Verbrechen geschahen. Es ging um Gedenken, Aufarbeitung und Vers\u00f6hnung in dem Land, in dem Veranstaltungen dieser Art nicht immer gern gesehen, aber wichtige Voraussetzungen f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Frieden sind. <\/strong><\/p>\n\n<p>Fast 30 Jahre nach seiner Freilassung betritt Marijan Krajina zum ersten Mal wieder die verlassene Lagerhalle in Ka\u0107uni, einem kleinen Ort in der Gemeinde Busova\u010da mitten in Bosnien und Herzegowina. 76 Tage war er w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs Anfang der 90er-Jahre in dem heruntergekommenen Geb\u00e4ude gefangen. Marijan Krajina hat hier unvorstellbares Leid erfahren. Er und sein Sohn wurden als kroatische Zivilisten grundlos von bosniakischen Soldaten festgenommen. In dem alten Getreidelager in Ka\u0107uni hat man sie brutal misshandelt. Sichtlich aufgew\u00fchlt berichtet Krajina von seinen Erlebnissen. \u201eDas Schlimmste war, dass ich mit anh\u00f6ren musste, wie in der Zelle nebenan mein Sohn geschrien hat\u201c, erinnert sich der ehemalige Grundschullehrer. Er habe nur noch sterben wollen. Es sind haarstr\u00e4ubende Geschichten, die an diesem unwirtlichen Ort zu h\u00f6ren sind. Und eigentlich wollte Marijan Krajina hier nie wieder herkommen.         <\/p>\n\n<p><strong>&#8220;Ich m\u00f6chte, dass sich das Schreckliche nicht wiederholt.&#8221;<\/strong><\/p>\n\n<p>\u201eAber ich habe es doch gemacht\u201c, sagt er nach dem Verlassen seines ehemaligen Gef\u00e4ngnisses und eine gro\u00dfe Last scheint von ihm zu fallen. \u201eIch m\u00f6chte, dass alle wissen, was hier geschehen ist. Ich m\u00f6chte, dass sich so etwas Schreckliches nie wiederholt.\u201c<br>Mit Krajina sind etwa 50 Menschen nach Ka\u0107uni gekommen. Es sind Kriegsveteranen und \u00dcberlebende aller einstigen Konfliktparteien, die von Friedensaktivistinnen und -aktivisten, lokalen und internationalen Journalistinnen und Journalisten begleitet werden. Der Besuch des ehemaligen Lagers in Ka\u0107uni ist Teil einer Friedensaktion des Centre for Nonviolent Action (CNA), mit dem der Zivile Friedensdienst (\u00fcber die KURVE Wustrow) seit mehr als zwanzig Jahren in Bosnien und Herzegowina und in Serbien eng zusammenarbeitet.<br>Ka\u0107uni ist eine von f\u00fcnf Stationen (neben Tar\u010din, \u017dep\u010de, Derventa und Doboj), die an diesem Wochenende im M\u00e4rz 2023 besucht werden. Die Teilnehmenden legen Rosen nieder, h\u00f6ren die entsetzlichen Geschichten, trauern und sprechen sich Mut zu. Und dann befestigen sie ein blaues Schild mit der Inschrift: \u201eUngekennzeichneter Ort des Leidens \u2013 an diesem Ort, im vergangenen Krieg, wurden unmenschliche Taten begangen. Wir wollen diese Ereignisse nicht dem Vergessen \u00fcbergeben. Wir zeigen Solidarit\u00e4t mit den Opfern. Es soll sich nie wiederholen.\u201c CNA hat in der Vergangenheit bereits mehr als 130 solcher Orte gekennzeichnet (http:\/\/onms.nenasilje.org). Die Markierungen zollen den Opfern und ihren Angeh\u00f6rigen Respekt und setzen zugleich ein sichtbares Zeichen f\u00fcr Gerechtigkeit, Vers\u00f6hnung und Frieden.      <\/p>\n\n<p><strong>Er bittet um Entschuldigung<\/strong><\/p>\n\n<p>Nachdem Marijan Krajina seine Erinnerungen geschildert hat, l\u00f6st sich ein Mann aus der Menge. Es ist Edin Ramuli\u0107, Veteran der bosniakischen Armee, deren Soldaten Marijan Krajina an diesem Ort gequ\u00e4lt haben. Er bittet ihn stellvertretend f\u00fcr sie um Entschuldigung. \u201eIch habe nicht gewusst, dass hier solche schrecklichen Dinge passiert sind\u201c, sagt Ramuli\u0107 sp\u00e4ter. \u201eMarijan hat mich an meinen Vater erinnert, der \u00c4hnliches erlebt hat. Ich bin der einzige m\u00e4nnliche \u00dcberlebende meiner Familie. Ich habe die Schrecken des Kriegs als Soldat, als Gefangener, als Angeh\u00f6riger erlebt. Gleich nach dem Krieg habe ich mich als Friedensaktivist engagiert.\u201c    <\/p>\n\n<p>Bei der n\u00e4chsten Station, im Dorf Tar\u010din, etwa 30 Autominuten von Sarajevo entfernt, erinnert der Serbe Slobodan Mrkaji\u0107 an sein Martyrium. Zwei Jahre hat er in insgesamt sechs Lagern verbracht. In Tar\u010din zogen ihm seine Peiniger mit Hufzangen Z\u00e4hne. Die Verletzungen sind f\u00fcr immer sichtbar. Dass er die Torturen \u00fcberlebt hat, grenzt an ein Wunder. Nach seiner Erz\u00e4hlung herrscht Schweigen. Viele der Anwesenden sind fassungslos, manche weinen. Gemeinsam heften die Menschen rote Rosen an den Zaun des ehemaligen Lagers.<br>\u201eWir kommen an diese Orte. Wir sagen `Wir kommen in Frieden`, um der Opfer des Kriegs zu gedenken und damit grenz\u00fcbergreifend Solidarit\u00e4t zu zeigen. Ehemals verfeindete Veteranen und \u00dcberlebende setzen gemeinsam ein Zeichen f\u00fcr Vers\u00f6hnung und Dialog\u201c, sagt Nenad Vukosavljevi\u0107, Mitgr\u00fcnder von CNA. \u201eSie erkennen an, dass auf allen Seiten schreckliches Leid geschehen ist.\u201c        <\/p>\n\n<p><strong>Die Gesellschaft hat sich von den Grausamkeiten noch nicht erholt<\/strong><\/p>\n\n<p>Die Friedensaktion von CNA und ZFD f\u00f6rdert eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die in Bosnien und Herzegowina selten, f\u00fcr eine friedliche Zukunft aber vonn\u00f6ten ist. Die Gesellschaft hat sich von den Gr\u00e4ueltaten des Kriegs bis heute nicht erholt. Von 1991 bis 1995 bek\u00e4mpften sich die drei gr\u00f6\u00dften Bev\u00f6lkerungsgruppen Bosniaken, Kroaten und Serben aufs Blutigste. Die Verletzungen sitzen auf allen Seiten tief. So kommt es, dass die Menschen auch heute noch \u00fcberwiegend ethnisch, religi\u00f6s und r\u00e4umlich voneinander getrennt leben. Selbst die Kinder werden separat unterrichtet. Jede Gruppe pflegt ihre Version der Vergangenheit und bestreitet dabei h\u00e4ufig Kriegsverbrechen der eigenen Seite. Der Rest ist Schweigen. Dadurch halten sich die die Feindbilder der jeweils \u201eanderen\u201c und werden an die n\u00e4chste Generation weitergegeben. Die Spaltung der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Politik, die sich in vielen Fragen gegenseitig blockiert. So werden die Spannungen im Land weiter versch\u00e4rft. Die Wirtschaft kommt durch komplizierte Regulierungen und weitverbreitete Korruption auf keinen gr\u00fcnen Zweig. All das f\u00fchrt auch dazu, dass immer mehr junge Menschen auswandern.            <\/p>\n\n<p>Die letzte Station der Friedensaktion ist die eiserne Br\u00fccke \u00fcber dem Fluss Bosna, am Stadtrand von Doboj im Nordosten von Bosnien und Herzegowina. Hier wurden im Juni 1992 13 Zivilisten grundlos erschossen. Ihre toten K\u00f6rper warf man in die Bosna. Es gibt keine \u00dcberlebenden, die davon erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Umso wichtiger, dass die Erinnerung aufrechterhalten wird.    <\/p>\n\n<p><strong>Einander mit offenem Herzen zuh\u00f6ren<\/strong><\/p>\n\n<p>Nach Abschluss des Treffens wenden sich die Teilnehmenden der Aktion mit einem emotionalen Appell an die \u00d6ffentlichkeit. Darin hei\u00dft es: \u201eIn der tiefen \u00dcberzeugung, dass alle Opfer den gleichen Respekt verdienen, wollen wir mit unserem gemeinsamen Besuch von Orten des Leidens den Schmerz teilen und uns gegenseitig ermutigen und unterst\u00fctzen.\u201c Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen warnen sie vor den tragischen Folgen eines Kriegs und werben f\u00fcr Verst\u00e4ndigung. \u201eOhne unsere Unterschiede zu verleugnen, glauben wir, dass gegenseitiger Respekt und Verst\u00e4ndnis einen Raum f\u00fcr Dialog schaffen k\u00f6nnen, in dem wir einander mit offenem Herzen zuh\u00f6ren (\u2026) k\u00f6nnen\u201c, hei\u00dft es in der Erkl\u00e4rung. \u201eWir glauben, dass unser Recht auf Freiheit und Frieden nur durch Zusammenarbeit, durch die \u00dcberwindung der Grenzen, die uns seit dem Krieg trennen, und durch das Lernen aus unserer schmerzhaften Vergangenheit erreicht werden kann.\u201c    <\/p>\n\n<p>Dass ehemals verfeindete Menschen sich an Orten von Kriegsverbrechen die Hand reichen k\u00f6nnen, zeigt, dass ein Weg in Richtung Vers\u00f6hnung eingeschlagen werden kann, so steinig er auch sein mag. \u201eEs hilft uns, miteinander \u00fcber das Geschehene zu reden\u201c, sagt einer der Veteranen, \u201eaber sie wollen nicht, dass wir hier zusammen sind\u201c, und meint damit die Politik. Von den eingeladenen lokalen Politikerinnen und Politikerinnen ist niemand erschienen. Die Friedensaktionen von CNA werden toleriert, aber nicht unterst\u00fctzt.  <\/p>\n\n<p>Wenige Wochen nach der Aktion geht eine Beschwerde bei CNA ein. F\u00fcnf Vereine aus Busova\u010da behaupten darin, dass in Ka\u0107uni kein Lager existiert habe, in dem Menschen zu Schaden gekommen seien, aber an anderen Orten in der Gemeinde habe es Folter und Mord gegen Bosniaken gegeben. CNA reagierte mit dem Hinweis auf bestehende Opferaussagen und dem Angebot eines Gespr\u00e4chs, bei dem auch gekl\u00e4rt werden k\u00f6nne, welche unmarkierten Orte des Leidens die Verfasserinnen und Verfasser der Beschwerde gerne kennzeichnen wollen. Nur im Dialog, so die \u00dcberzeugung von CNA, k\u00f6nnen Ressentiments ausger\u00e4umt werden.   <\/p>\n\n<p><strong>Damit die Vorstellung von einem gemeinsamen Staat entstehen kann<\/strong><\/p>\n\n<p>CNA setzt sich seit 1997 f\u00fcr die Aufarbeitung der Vergangenheit und den Dialog zwischen den Bev\u00f6lkerungsgruppen ein. In den beiden B\u00fcros in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) und Belgrad (Serbien) arbeiten insgesamt elf Mitarbeitende in multiethnischen Teams, darunter zwei Fachkr\u00e4fte des Zivilen Friedensdienstes. Es geht darum, Wunden zu verarbeiten, Vers\u00f6hnung zu erlangen und eine integrative Erinnerungskultur zu entwickeln. Und die braucht es, damit die Vorstellung von einem gemeinsamen Staat \u00fcberhaupt entstehen kann. Neben den Gedenkaktionen arbeitet CNA daran, die gesammelten Erkenntnisse systematisch zu dokumentieren, zu erforschen und regelm\u00e4\u00dfig in B\u00fcchern, Ausstellungen, Websites und Seminaren \u00f6ffentlich zu machen.    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einer Friedensaktion des ZFD-Partners Centre for Nonviolent Action (CNA) besuchten \u00dcberlebende und Veteranen aller ehemaligen Konfliktparteien gemeinsam mit Friedensaktivistinnen und Journalisten Orte in Bosnien und Herzegowina, an denen im Krieg schreckliche Verbrechen geschahen. 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