{"id":6274,"date":"2023-04-26T17:55:00","date_gmt":"2023-04-26T15:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/kenia-hat-keinen-tee-fuer-kenia\/"},"modified":"2025-01-21T16:07:37","modified_gmt":"2025-01-21T15:07:37","slug":"kenia-hat-keinen-tee-fuer-kenia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/kenia-hat-keinen-tee-fuer-kenia\/","title":{"rendered":"Kenia hat keinen Tee f\u00fcr Kenia"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Schon vor der Covid-Pandemie hat der Hunger in der Welt wieder zugenommen. Seit einem Jahr spitzt sich durch den Ukraine-Krieg, die Weltern\u00e4hrungssituation noch weiter zu. Sarah Schneider, Referentin f\u00fcr Weltern\u00e4hrung bei Misereor, hat mit Sefu Sanni vom Weltern\u00e4hrungsrat \u00fcber die wachsende Hungerkrise und m\u00f6gliche politische L\u00f6sungsans\u00e4tze gesprochen.  <\/strong><\/p>\n\n<p><strong>Wie sehen Sie die aktuelle Krise und wer ist am meisten davon betroffen?<\/strong><\/p>\n\n<p>Sanni: Wissen Sie, wir hatten schon einmal eine Krise wie diese \u2013 es ist nicht das erste Mal, dass wir eine Hungerkrise haben. In den Jahren 2007 und 2008 gab es eine sehr gro\u00dfe Hungerkrise in der Welt, und wir haben auf internationaler und teils auch auf nationaler Ebene Pr\u00e4ventivma\u00dfnahmen entwickelt. Aber was wir nicht entwickelt haben sind langfristige Ma\u00dfnahmen, so dass wir in der Lage sind, mit einer solchen Krise umzugehen, wenn sie eintritt. Zurzeit erleben wir eine weitere Krise.   <\/p>\n\n<p><strong>Wo sehen Sie die Ursachen?<\/strong><\/p>\n\n<p>Sanni: F\u00fcr uns beim CSIPM (Ausschuss der Zivilgesellschaft und indigenen V\u00f6lker \u2013 Civil Society and Indigenous Peoples\u2018 Mechanism) ist es besonders wichtig, die zu Wort kommen zu lassen, die am st\u00e4rksten betroffen sind. Wir h\u00f6ren den Bauern zu, den Frauen, der Jugend, den Fischern, den Hirtenv\u00f6lkern, der Zivilgesellschaft. Wir konnten dabei einige Dinge feststellen. Da sind zum einen die Auswirkung der Covid 19 Pandemie, dar\u00fcber brauche ich nicht viel zu sagen. Und es gibt das Problem der Importabh\u00e4ngigkeit bei Nahrungsmitteln und anderen Produkten, das ist besonders in der afrikanischen Region zu beobachten. Ein gro\u00dfes Problem ist auch die Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen. Aber auch die Ungleichheiten, die wir weltweit haben. Wenn man sich zum Beispiel Afrika anschaut, dann hat es im weltweiten Vergleich eine geringe Wirtschaftskraft und begrenzten politischen Einfluss.       <\/p>\n\n<p><strong>Und dann ist da der Krieg in der Ukraine.<\/strong><\/p>\n\n<p>Sanni: Wie Sie wissen, haben die aktuellen Ereignisse in der Ukraine Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise, sowie die D\u00fcngemittel- und Kraftstoffpreise. Nach meiner Einsch\u00e4tzung wird dem Krieg in der Ukraine eine sehr gro\u00dfe Plattform gegeben. Wir sehen das, wenn wir zu den Vereinten Nationen gehen, wenn wir zu den meisten internationalen Plattformen gehen, um \u00fcber die Ern\u00e4hrungslage zu diskutieren. Es gibt seit Jahren Krieg in Afrika \u2013 seit \u00fcber 20 Jahren in Somalia, und es gibt Krieg in der Demokratischen Republik Kongo, es gibt viele Kriege, die in Afrika stattfinden, die leider keine solche internationale Plattform bekommen. Ausl\u00e4ndische L\u00e4nder kommen, um die Ressourcen dieser Gebiete in Afrika auszubeuten und zu pl\u00fcndern, und auch das bekommt nicht so viel Aufmerksamkeit wie die russische Aggression in der Ukraine.    <\/p>\n\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel daf\u00fcr nennen?<\/strong><\/p>\n\n<p>Sanni: Beispielsweise blockierte die Politik des ukrainisch-russischen Krieges die 5o. Sitzung des Weltern\u00e4hrungsrats. Es war nicht m\u00f6glich, wichtige multilaterale Entscheidungen zu treffen \u2013 und dies, w\u00e4hrend Menschen hungern und sterben. Deshalb haben wir in der Arbeitsgruppe f\u00fcr Globale Ern\u00e4hrungspolitik eine Kampagne gestartet: \u201eIhr macht Politik, wir hungern\u201c. Ern\u00e4hrung sollte nicht als politische Waffe eingesetzt werden, sondern ist in erster Linie ein Menschenrecht. Eine solche Politik bringt bestehende Ungleichheiten ans Licht, beispielsweise, dass wir \u00fcber den Krieg in der Ukraine sprechen, aber nicht \u00fcber den Krieg in Somalia. Selbst wenn wir also \u00fcber international abgestimmte politische Ma\u00dfnahmen angesichts der Ern\u00e4hrungskrise sprechen \u2013 wie k\u00f6nnen wir diese Ungleichheiten \u00fcberbr\u00fccken, wenn die Europ\u00e4ische Union und die Afrikanische Union so gro\u00dfe Unterschiede aufweisen?      <\/p>\n\n<p><strong>Was w\u00e4ren die notwendigen Reaktionen auf die Krise?<\/strong><\/p>\n\n<p>Sanni: Das beste Mittel, auf die Krise zu reagieren, ist mit international abgestimmten politischen Ma\u00dfnahmen durch eine multisektorale Plattform, wie dem Weltern\u00e4hrungsrat (CFS). Denn dort sind nicht nur die Mitgliedstaaten, sondern zum Beispiel auch die Zivilgesellschaft inklusive sozialer Bewegungen vertreten. Ein weiterer Punkt ist, dass die Menschen, die am st\u00e4rksten betroffen sind, bei der Politikgestaltung an vorderster Stelle mitreden k\u00f6nnen. Die Hauptrolle sollten nicht die Investoren spielen und auch nicht die Akteure, die Nahrungsmittelhilfe leisten. Wenn wir \u00fcber \u00f6ffentliche Investitionen sprechen, dann sollten zum Beispiel 10 Prozent der Staatshaushalte aller L\u00e4nder f\u00fcr die Landwirtschaft bereitgestellt werden, denn dies ist der Sektor, der die meisten Menschen besch\u00e4ftigt, der Sektor, der die Menschen mit Nahrung versorgt.    <\/p>\n\n<p><strong>Welche Rolle spielen die Ungleichheiten im Kampf gegen Hunger und Unterern\u00e4hrung?<\/strong><\/p>\n\n<p>Sanni: Es gilt, die Ungleichheiten zu bek\u00e4mpfen \u2013 warum? In meinem Land, Kenia, gab es lange Zeit ein Verbot f\u00fcr gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen (GMO), aber mit der neuen Regierung wurde das Verbot von GMO aufgehoben. Warum haben sie dieses Verbot aufgehoben? Wegen der Verschuldung, in der sich das Land befindet. Wenn ein anderer Staat Ihnen Hilfe anbietet und mit Geld kommt und sagt: Wir werden die Schulden des Landes bezahlen, aber im Gegenzug wollen wir, dass Sie bestimmte Gesetze zulassen. Angesichts der niedrigen eigenen Wirtschaftskraft k\u00f6nnten die Politiker*innen darauf eingehen.     <\/p>\n\n<p>Wie Sie sehen gibt es strukturelle Ungleichheiten. Es gibt zum Beispiel Pestizide, die in der EU verboten sind, aber nach Kenia, S\u00fcdafrika oder Ghana exportiert werden \u2013 warum passiert das? Mein Land, Kenia, ist bekannt f\u00fcr seinen Tee. Wir haben so guten Tee, dass mich \u00fcberall, wo ich hinkomme, die Leute nach kenianischem Tee fragen. Aber ich habe noch nie den hochwertigen kenianischen Tee getrunken, den die Leute in Amerika oder in Europa trinken. Und dann m\u00fcssen wir unsere Produkte zur\u00fcckkaufen, nachdem sie verarbeitet worden sind. Das ist wirklich eine gro\u00dfe Ungleichheit. Wenn wir also die Krise bew\u00e4ltigen wollen, m\u00fcssen wir diese Ungleichheiten \u00fcberwinden.       <\/p>\n\n<p>Das Interview wurde von der Redaktion gek\u00fcrzt. Den vollst\u00e4ndigen Texten finden Sie <a href=\"https:\/\/blog.misereor.de\/2023\/04\/20\/machtinteressen-und-ungleichheit-verhindern-die-noetige-politische-antwort-auf-die-hungerkrise-ein-interview-mit-sefu-sanni\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier.<\/strong><\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon vor der Covid-Pandemie hat der Hunger in der Welt wieder zugenommen. Seit einem Jahr spitzt sich durch den Ukraine-Krieg, die Weltern\u00e4hrungssituation noch weiter zu. Sarah Schneider, Referentin f\u00fcr Weltern\u00e4hrung bei Misereor, hat mit Sefu Sanni vom Weltern\u00e4hrungsrat \u00fcber die wachsende Hungerkrise und m\u00f6gliche politische L\u00f6sungsans\u00e4tze gesprochen. 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