{"id":6462,"date":"2022-03-30T03:13:00","date_gmt":"2022-03-30T01:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/maennliche-staaten\/"},"modified":"2025-01-21T16:12:38","modified_gmt":"2025-01-21T15:12:38","slug":"maennliche-staaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/maennliche-staaten\/","title":{"rendered":"M\u00e4nnliche Staaten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs ist von \u201eZeitenwende\u201c die Rede, vom Versagen der Diplomatie und dem Ende vertrauensvoller Beziehungen zu Russland. In dem Entsetzen dar\u00fcber, dass der russische Pr\u00e4sident Putin einen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland f\u00fchrt, ist der Reflex, nun die eigene \u201eWehrhaftigkeit\u201c st\u00e4rken zu wollen, nachvollziehbar, aber fehl am Platz. <\/strong><\/p>\n\n<p>Es w\u00e4re jedoch verfehlt, wenn wir in dieser Situation lediglich wieder in alte Denk- und Handlungsmuster von \u201eEinflusssph\u00e4ren\u201c, \u201eM\u00e4chtegleichgewicht\u201c oder unregulierter milit\u00e4rischer Aufr\u00fcstung verfallen w\u00fcrden. Wenn wir aus der jetzigen Situation Lehren f\u00fcr eine andere, friedlichere Zukunft ziehen wollen, dann ist auch ein Blick darauf notwendig, wie es so weit kommen konnte, dass die Ukraine und \u201eder Westen\u201c nicht nur vom russischen Pr\u00e4sidenten Putin so geringgesch\u00e4tzt werden, sondern diese Sichtweise auch von vielen innerhalb und au\u00dferhalb Russlands geteilt wird. Eine Antwort liegt in der Instrumentalisierung von Geschlechterstereotypen. Diesen liegt die Vorstellung eines bin\u00e4ren Geschlechtersystems von \u201em\u00e4nnlich\u201c und \u201eweiblich\u201c zugrunde, die in einem hierarchischen Verh\u00e4ltnis zueinanderstehen. Gleichzeitig wird Heterosexualit\u00e4t als soziale Norm gesetzt und alle anderen Formen sexueller Orientierung oder sexueller Identit\u00e4t als \u201eunnormal\u201c abgelehnt.    <\/p>\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Geschlechterstereotype definieren Machtverh\u00e4ltnisse<\/h6>\n\n<p>Wir wissen, dass Prozesse der Identit\u00e4tsstiftung nicht lediglich auf Selbstzuschreibung beruhen. \u201eIdentit\u00e4t\u201c ist immer auch mit der Konstruktion sozialer Kategorien und Rollen durch andere verbunden, wodurch sozialer Druck entsteht. Identit\u00e4tszuweisungen vollziehen sich daher in bestimmten Machtstrukturen und begr\u00fcnden gleichzeitig bestimmte Machtverh\u00e4ltnisse. Die soziale Praxis der Geschlechterhierarchien wird aber auch kulturell durch die symbolische Zuweisung des \u201eM\u00e4nnlichen\u201c in eine \u00f6ffentliche Sph\u00e4re und des \u201eWeiblichen\u201c in eine private Sph\u00e4re abgesichert. Dabei steht das M\u00e4nnliche f\u00fcr ein handelndes Subjekt, das rational denkt und produktiv f\u00fcr eine Gemeinschaft t\u00e4tig ist. Demgegen\u00fcber wird das Weibliche mit einem sch\u00fctzenswerten Objekt gleichgesetzt, das emotional ist und dem die Aufgabe der Reproduktion zuf\u00e4llt. Mit der Zuschreibung derartiger geschlechtskodierter Eigenschaften wird eine Geschlechterdifferenz zwischen \u201em\u00e4nnlich\u201c und \u201eweiblich\u201c festgelegt, wodurch gleichzeitig m\u00e4nnliche Eigenschaften eindeutig gegen\u00fcber weiblichen Eigenschaften privilegiert werden. So konnten \u00fcber Jahrhunderte patriarchale Vorstellungen entstehen, die die \u00dcberlegenheit von M\u00e4nnern gegen\u00fcber Frauen (und anderen Geschlechteridentit\u00e4ten) festschreiben und somit auch Machtungleichgewichte zwischen heterosexuellen M\u00e4nnern und \u201eden anderen\u201c rechtfertigen.       <\/p>\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Gendernormen als Instrumente politischer Autorit\u00e4tsstiftung<\/h6>\n\n<p>Der Gebrauch von Genderstereotypen zur Abwertung politischer Gegner*innen und zur Festigung des eigenen Machtanspruchs ist nicht neu. Besonders auff\u00e4llige Beispiele f\u00fcr \u201ehypermaskulines\u201c Auftreten liefern der ehemalige US-Pr\u00e4sident Donald Trump, Brasiliens Pr\u00e4sident Bolsonaro oder der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdogan. Aber auch im Kreis der EU-Staaten finden sich viele Beispiele f\u00fcr den R\u00fcckgriff auf Genderstereotypen in den Strategien politischer Parteien.  <\/p>\n\n<p>Wie Valerie Sperling bereits 2015 in einem vielbeachteten Buch aufgezeigt hat, wurden heteronormative Konzepte von \u201etraditioneller\u201c M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit insbesondere in Russland unter Wladimir Putin \u00fcber nunmehr zwei Jahrzehnte systematisch als Instrumente im Kampf um politische Legitimit\u00e4t eingesetzt (Sperling 2015). In diesem Kampf ging Putin als unumstrittener F\u00fchrer eines wiedererstarkenden russischen Imperiums hervor. Diese Strategie, Gendernormen gezielt einzusetzen, um den eigenen F\u00fchrungsanspruch zu untermauern und den politischen Gegner zu diffamieren, hat deshalb Erfolg, weil normative Vorstellungen von Geschlechterrollen gesellschaftlich breit akzeptiert sind. Vielfach werden diese auch religi\u00f6s begr\u00fcndet, sei es unter R\u00fcckgriff auf \u201etraditionelle\u201c christliche (Katholische Kirche in Polen oder Russisch-Orthodoxe Kirche in Russland) oder islamische Werte (T\u00fcrkei). In den letzten Jahren gingen in den genannten L\u00e4ndern damit ebenfalls eine Beschneidung der Rechte von Frauen und\/oder sexueller Minderheiten (LGBTQI*) einher.    <\/p>\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">\u201eM\u00e4nnliche Staaten\u201c in der internationalen Politik und der Krieg um die Ukraine<\/h6>\n\n<p>Feministische Forscher*innen haben insbesondere seit den 1990er Jahren herausgearbeitet, wie stark die internationale Politik von Hierarchien und einer Dominanz von Werten und Verhaltensweisen gepr\u00e4gt ist, die als \u201em\u00e4nnlich\u201c gelten. Russland unter Wladimir Putins langj\u00e4hriger Regentschaft ist ein (historisch weiterer) Fall, in dem sehr spezifische M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen mit Vorstellungen \u00fcber die eigene Nation einhergehen. Wie einige Forscher*innen argumentieren, verstanden sich russische B\u00fcrger*innen in den letzten Jahren (wieder) zunehmend nicht mehr als Teil Europas, sondern als eine einzigartige eurasische Zivilisation, die der degenerierten europ\u00e4ischen Zivilisation des \u201eGayropa\u201c \u00fcberlegen ist. Der \u201cdekadente Westen\u201d wird dabei beschuldigt, \u00fcber die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen, aufgrund des Einflusses feministischer Bewegungen und durch die Abschaffung traditioneller Familien die \u201enormale\u201c Geschlechterordnung zu zerst\u00f6ren (vgl. ebd.).<\/p>\n\n<p>Diese Degeneration wird von zahlreichen politischen Kommentator*innen in Russland auch als nahezu integraler Bestandteil einer Entwicklung hin zu westlich gepr\u00e4gten liberalen Demokratien angesehen. Insofern verwundert es nicht, dass die ukrainische Demokratiebewegung, die sich mit den Protesten auf dem Maidan ab Ende 2013 formierte, von russischer Seite als Gefahr f\u00fcr die \u201erussische Identit\u00e4t\u201c der Ukraine angesehen wurde. Damit wurde bereits 2014 die Annexion der Krim sowie seither auch die Unterst\u00fctzung der Separatistenbewegungen in der Ost-Ukraine begr\u00fcndet (Romanets 2017). Der Macho-Kult um Putin ist Bestandteil und Ausfluss einer hypermaskulin konnotierten nationalen russischen Identit\u00e4t (Sperling 2016).   <\/p>\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Der Abbau von (Geschlechter-) Ungerechtigkeiten als Ziel feministischer (Au\u00dfen-) Politik<\/h6>\n\n<p>Es stellt sich also die Frage, wie Politik und damit auch Au\u00dfenpolitik auf diese Wirkm\u00e4chtigkeit von Geschlechterstereotypen reagieren kann. Die Friedens- und Konfliktforschung zeigt: Gewaltpr\u00e4vention verlangt den Abbau von Ungleichheiten und damit einhergehenden Ungerechtigkeiten. Ungleichheiten speisen sich stark aus tief verankerten Machtgef\u00e4llen auf politischer, sozialer, rechtlicher und \u00f6konomischer Ebene. Insbesondere feministische Ans\u00e4tze thematisieren diese Machtgef\u00e4lle, die sich aus Unterscheidungen aufgrund von Geschlecht, Sexualit\u00e4t, Religion, Herkunft oder Nationalit\u00e4t ergeben.<br>Der gegenw\u00e4rtige Krieg in der Ukraine zeigt, wie notwendig es ist, neue au\u00dfen- und sicherheitspolitische Ans\u00e4tze zu entwickeln und umzusetzen. Die R\u00fcckkehr zu einer M\u00e4chtepolitik des 19. Jahrhunderts oder gar der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts ist nicht der Garant daf\u00fcr, Frieden dauerhaft zu sichern und Konflikte gewaltfrei zu l\u00f6sen. Dass wir in der Lage sein m\u00fcssen, kriegerischen Aggressionen wirksam zu begegnen, ist relativ unumstritten. Aber aufgrund des hohen Blutzolls, der damit verbunden ist, k\u00f6nnen die Instrumente daf\u00fcr nicht nur und nicht vorrangig milit\u00e4rische sein.        <\/p>\n\n<p>Wir sollten daher den Mut haben, uns auf neue Konzepte und einen damit verbundenen Perspektivwechsel einzulassen. Feministische Au\u00dfenpolitik kann dies mit dem Fokus auf soziale Gerechtigkeit und Geschlechtergleichheit erm\u00f6glichen. Damit erweitern wir unseren Blick auf die gesellschaftlichen Machtungleichgewichte. Die Rechte von Frauen und deren Repr\u00e4sentation in politischen (Entscheidungs-) Prozessen zu st\u00e4rken, ist Ziel feministischer Au\u00dfenpolitik, ebenso wie deren Zugang zu Ressourcen zu verbessern und deren Lebensrealit\u00e4ten in den Mittelpunkt politischer Probleml\u00f6sungen zu stellen. Neuere Forschungen haben gezeigt, wie nachteilig sich Geschlechterungleichheiten in zahlreichen Bereichen wie politische Stabilit\u00e4t und Regierungsf\u00fchrung, Sicherheit, Wirtschaft, Gesundheit, Bildung, aber auch bei sozialem Fortschritt und sogar im Umweltschutz auswirken (Hudson\/Bowen\/Nielsen 2020).    <\/p>\n\n<p>Mit Blick auf gewaltsam ausgetragene Konflikte reicht es allerdings nicht, nur aufzuzeigen, wie als typisch \u201em\u00e4nnlich\u201c apostrophierte Verhaltensweisen dazu f\u00fchren, dass Gewalt als Mittel zwischenmenschlicher oder zwischenstaatlicher Interaktion akzeptiert wird. Es gilt, darauf hinzuarbeiten, dass Geschlechterstereotype nicht st\u00e4ndig reproduziert werden \u2013 wie durch die Stilisierung von Frauen als \u201eOpfer\u201c, wozu die derzeitige Berichterstattung \u00fcber die Fluchtbewegungen aus der Ukraine geradezu einl\u00e4dt. Letztendlich muss es darum gehen, das Denken und Bewerten in bin\u00e4ren Kategorien von \u201em\u00e4nnlich\u201c und \u201eweiblich\u201c zu \u00fcberwinden und die patriarchalischen Strukturen zu hinterfragen, die hierarchische Beziehungen nicht nur zwischen Geschlechtern, sondern auch zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Staaten festschreiben.  <\/p>\n\n<p>Der Beitrag wurde zuerst ver\u00f6ffentlicht als Blog-Beitrag des INEF: <a href=\"https:\/\/eur01.safelinks.protection.outlook.com\/?url=https%3A%2F%2Fwww.uni-due.de%2Finef%2Fblog%2Fmaennliche-staaten-was-hypermaskulinitaet-mit-dem-ukraine-krieg-zu-tun-hat.php&amp;data=04%7C01%7Ckirsten.jantke%40frient.de%7C3b27ae31aacd42ca150f08da193a6fb6%7C5bbab28cdef3460488225e707da8dba8%7C0%7C0%7C637850036126346463%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJWIjoiMC4wLjAwMDAiLCJQIjoiV2luMzIiLCJBTiI6Ik1haWwiLCJXVCI6Mn0%3D%7C3000&amp;sdata=gIft10DybigH%2FH12G171Kjd8u1x7WMWg7wNr2MSnAlI%3D&amp;reserved=0\">https:\/\/www.uni-due.de\/inef\/blog\/maennliche-staaten-was-hypermaskulinitaet-mit-dem-ukraine-krieg-zu-tun-hat.php<\/a>.<\/p>\n\n<p><br>Zitierte Quellen:<br>Hudson, Valerie M.\/Bowen Donna Lee\/Nielsen Perpetua Lynne 2020: The First Political Order: How Sex Shapes Governance and National Security Worldwide, New York.<br>Romanets, Maryna 2017: Virtual Warfare: Masculinity, Sexuality, and Propaganda in the Russio-Ukrainian War, in: East\/West: Journal of Ukrainian Studies, IV: 1, 159-177.<br>Sperling, Valerie 2015: Sex, Politics and Putin: Political Legitimacy in Russia, Oxford.<br>Sperling, Valerie 2016: Putin\u2019s Macho Personality Cult, in: Communist and Post-Communist Studies, 49: 1, 13-23.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs ist von \u201eZeitenwende\u201c die Rede, vom Versagen der Diplomatie und dem Ende vertrauensvoller Beziehungen zu Russland. 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