{"id":6496,"date":"2022-01-26T01:27:00","date_gmt":"2022-01-26T00:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/journalistinnen-als-friedensbringerinnen\/"},"modified":"2025-01-21T16:14:04","modified_gmt":"2025-01-21T15:14:04","slug":"journalistinnen-als-friedensbringerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/journalistinnen-als-friedensbringerinnen\/","title":{"rendered":"Journalist*innen als Friedensbringer*innen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nach Massengewalt und systematischen Menschenrechtsverletzungen m\u00fcssen die<\/strong><br><strong>betroffenen Menschen Kraft f\u00fcr neue Perspektiven entwickeln. Die Imagination <\/strong><br><strong>zukunftsorientierter Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu vergegenw\u00e4rtigen,<\/strong><br><strong>zu artikulieren und im \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber gesellschaftliche Umgestaltung anzubieten,<\/strong><br><strong>ist entscheidend f\u00fcr gelingendes Peacebuilding. Medien k\u00f6nnen zu diesen Entw\u00fcrfen <\/strong><br><strong>beitragen.<\/strong><\/p>\n\n<p>\u201eSchlie\u00dfen Sie f\u00fcr einen Moment Ihre Augen und stellen Sie sich die Welt vor, wie sie sein<br>sollte: eine Welt des Friedens, des Vertrauens und der Empathie, um das Beste in uns<br>hervorzubringen.\u201c<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=m1w3rRRBoq8.\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>So beendet Maria Ressa ihre Rede<\/strong><\/a><strong>, <\/strong>als sie den Friedensnobelpreis 2021 in Empfang nimmt. Mit Dmitry Muratov und ihr waren es zwei Journalist*innen, die in diesem<br>Jahr die international viel beachtete Auszeichnung erhielten. <\/p>\n\n<p>Die Preisverleihung an Medienschaffende erkennt ihre lebenslange journalistische Arbeit<br>und ihren daraus abzuleitenden Beitrag zum Frieden an und ist nat\u00fcrlich auch repr\u00e4sentativ<br>f\u00fcr die vielen tausend Kolleg*innen, die weltweit tagt\u00e4glich in und aus Konflikten Bericht<br>erstatten. Gleichzeitig stellt sich wieder einmal die alte Frage: sind Journalist*innen<br>Friedensbringer*innen? <\/p>\n\n<p>Egal ob die Antwort \u201eJa\u201c oder \u201eNein\u201c lautet, die damit verbundenen Erwartungen und ihre<br>Begr\u00fcndungen bewegen sich oft zwischen Euphorie und Def\u00e4tismus. Weder das eine noch<br>das andere ist in Bezug auf die Rolle von Medien in Konflikten gerechtfertigt:<br>Journalist*innen k\u00f6nnen einen entscheidenden Beitrag zu einer konstruktiven<br>Konflikttransformation leisten, dabei werden sie allerdings durch politische, sozio-<br>\u00f6konomische und kulturelle Konfliktkontexte eingerahmt. <\/p>\n\n<p>Sie konstruieren \u2013 h\u00e4ufig unter pers\u00f6nlichem Druck &#8211; journalistisch geschaffene Realit\u00e4ten.<br>Auch in den Diskurslandschaften gesellschaftlich fragmentierter Konfliktl\u00e4nder. Tagt\u00e4glich<br>liefern sie Interpretationsangebote und Lesarten aktueller Ereignisse. Damit beeinflussen sie<br>die Wahrnehmung von Millionen Leserinnen, Zuschauern, Zuh\u00f6rern und Internetnutzern.<br>Die Arbeit von Medienschaffenden entscheidet insofern mit dar\u00fcber, ob und inwiefern<br>Konfliktakteure die Vielzahl verschiedener konstruktiver L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten der<br>Interessensgegens\u00e4tze wahrnehmen.  <\/p>\n\n<p><strong>Proaktive Zusammenarbeit und Aufgeschlossenheit sind gefragt!<\/strong><\/p>\n\n<p>Peacebuilder*innen m\u00fcssen deshalb Journalist*innen als politische Akteure anerkennen. Sie<br>d\u00fcrfen sie weder ausschlie\u00dflich als Risikofaktoren sehen noch als PR-Agenturen, geleitet von<br>der Frage: Wie k\u00f6nnen wir Medien nutzen, um unsere eigenen Projekte zu realisieren? Eine<br>solche Funktionalisierung w\u00fcrden sich Medienschaffende verbitten. Bereits in der<br>Designentwicklung des Peacebuildings und in Implementationsprozessen muss proaktiv,<br>nicht reaktiv mit ihnen zusammengearbeitet werden. Denn sie k\u00f6nnen Bed\u00fcrfnisse, Reflektionen und Handlungslogiken lokaler Bev\u00f6lkerungen aufsp\u00fcren und sichtbar machen.<br>Dazu m\u00fcssen sich die Journalist*innen auf Augenh\u00f6he in einen kontinuierlichen Dialog mit<br>allen unterschiedlichen Konfliktakteur*innen begeben, um Ereignisse, Informationen und<br>Handlungslogiken aufzudecken und zu analysieren.    <\/p>\n\n<p>Weder Peacebuilder*innen noch Medien schaffen alleine Frieden. Daher ist es wichtig, ihre<br>jeweiligen Arbeitsfelder in ihrer Wirkungsweise auf Prozesse der Konflikttransformation<br>nicht isoliert zu betrachten. Viel relevanter:<a href=\"https:\/\/accord.edu.so\/course\/material\/peace-and-strategic-studies-326\/pdf_content\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Die Herstellung sinnvoller und zielorientierter<br>Verkn\u00fcpfungen mit anderen Bem\u00fchungen im Feld, um Erreichtes zu st\u00e4rken und zu<br>multiplizieren.<\/strong><\/a>  <\/p>\n\n<p>Allerdings <a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/jahresbilanz\/2021\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>arbeiten Journalist*innen h\u00e4ufig unter lebensbedrohlichen Bedingungen<\/strong><\/a>und<br>vielerorts im Prekariat. Es reicht aber nicht, allein ihre \u00f6konomischen Bedingungen zu<br>\u00e4ndern. Mindestens genauso wichtig ist es, dass sie selbst bestrebt sind, ihr Wissen st\u00e4ndig<br>zu erweitern und ihre Aufmerksamkeit, ihre Sensibilit\u00e4t zu schulen. Die selbstverliebte<br>Auffassung, gerade sie w\u00fcssten, was ihre Audiences interessiert und welche Informationen<br>sie f\u00fcr ihre Entscheidungsprozesse brauchen, ist fehl am Platze. Es geht vielmehr darum,<br>Dialoge zu schaffen, in denen allen Aufmerksamkeit gewidmet wird, konstruktive Kritik<br>herauszuh\u00f6ren, unterdr\u00fcckte Diskurse ans Licht zu bringen.    <\/p>\n\n<p>Dazu ist es notwendig, vielf\u00e4ltige Quellen einzubeziehen. Das verlangt von Journalist*innen<br>und Medien aber auch die Sorge um jene, die mit ihnen zusammenarbeiten. Dies bezieht<br>sich auf direkt von Gewalt Betroffene, aber ebenso auf Expert*innen zum Beispiel<br>aus der Wissenschaft, die zu sehr sensiblen Themen in hoch polarisierten Kontexten<br>arbeiten. Journalist*innen m\u00fcssen sich dieser Umst\u00e4nde bewusst sein, sie im Vorfeld von<br>Interview-Anfragen und Gespr\u00e4chen ber\u00fccksichtigen und ihre Protagonist*innen sensibel<br>begleiten. Eine \u00fcbereilte und unsaubere Handhabe von Interviewergebnissen kann im<br>Nachhinein gravierende Folgen f\u00fcr die interviewten Forscher*innen in ihrer praktischen<br>Arbeit bis hin zur Lebensgefahr bedeuten. Zu beachten sind ebenfalls Retraumatisierungen,<br>die bei Gewalt-Opfern ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnen.     <\/p>\n\n<p><strong>Zukunftsorientierter Journalismus braucht Mut zur Ver\u00e4nderung<\/strong><\/p>\n\n<p>Konzepte wie \u2018peace journalism\u2019, \u2018conflict-sensitive journalism\u2019, \u2018problem-solving<br>journalism\u2019, \u2018solution journalism\u2019 verweisen auf Bestrebungen, das eigene<br>journalistische Handeln anders zu denken und umzusetzen. Bei aller W\u00fcrdigung dieses<br>ver\u00e4nderten Berufsverst\u00e4ndnisses sollte kritisch festgehalten werden, dass die darin<br>enthaltenen Forderungen bereits seit Jahrzehnten bestehen. Oder anders gesagt: Lange Zeit<br>war der politische Ver\u00e4nderungswille f\u00fcr das Neudenken der eigenen Arbeit in der<br>journalistischen Zunft nicht besonders ausgepr\u00e4gt. Und neue Label oder ein \u2018fancy jargon\u2019<br>sind nicht unbedingt aussagekr\u00e4ftig, wenn journalistische Stile und Arbeitsweisen auf ihre<br>Sinnhaftigkeit als Beitrag zur Friedensarbeit bewertet werden sollen.   <\/p>\n\n<p>Grund f\u00fcr die schleppende Ver\u00e4nderungsf\u00e4higkeit mag ein verengter Ansatz sein, der in der<br>Vergangenheit Entscheidungstr\u00e4ger*innen in Redaktionen, Verlagsh\u00e4usern und<br>Medienunternehmen zu selten ausreichend integrierte.<\/p>\n\n<p>Die Rolle von Medien in der Friedenskonsolidierung kritisch weiterzudenken und in der<br>Konflikttransformation zu st\u00e4rken, erfordert <a href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/wigaw\/Downloads\/content-analysis-measuring-the-success-of-journalism-capacity-building%20(1).pdf\"><strong>Qualit\u00e4tsnachweise<\/strong><\/a>, den Mut zu einer<br>konstruktiven Fehlerkultur und die enge Verzahnung von Praxis und Wissenschaft.<\/p>\n\n<p>Und Action bitte!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Massengewalt und systematischen Menschenrechtsverletzungen m\u00fcssen diebetroffenen Menschen Kraft f\u00fcr neue Perspektiven entwickeln. 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