{"id":6508,"date":"2022-01-25T04:58:00","date_gmt":"2022-01-25T03:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/traumasensibilitaet-inmitten-der-krise\/"},"modified":"2025-01-21T16:14:12","modified_gmt":"2025-01-21T15:14:12","slug":"traumasensibilitaet-inmitten-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/traumasensibilitaet-inmitten-der-krise\/","title":{"rendered":"Traumasensibilit\u00e4t inmitten der Krise"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Am 1. Februar 2021 putschte sich in Myanmar das Milit\u00e4r zur\u00fcck an die Macht. Seitdem gab es landesweit Proteste und gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen, bei denen mindestens 1.300 Menschen get\u00f6tet wurden. Der Putsch und die folgenden Wellen von Gewalt stellen f\u00fcr die Menschen in Myanmar nicht nur das Ende einer hoffnungsvollen Entwicklung zu Freiheit und Demokratie dar. Sie bedeuten eine kollektive Retraumatisierung aufgrund der Erfahrung von Jahrzehnten der Milit\u00e4rherrschaft.   <\/strong><\/p>\n\n<p>Misereor unterst\u00fctzt seit vielen Jahren in Partnerorganisationen in Myanmar, die unter anderem im Kachin-Staat arbeiten. Dort haben bereits seit 2011 K\u00e4mpfe ethnischer Armeen gegen das burmesische Milit\u00e4r (Tatmadaw) zu Gewalt und Vertreibung von Tausenden von Menschen gef\u00fchrt. <\/p>\n\n<p>2019 hatte ich als Beraterin zun\u00e4chst Myanmar besucht, um eine psychosoziale Bed\u00fcrfnisanalyse der Partnerorganisationen durchzuf\u00fchren und einen Workshop zur Traumasensibilit\u00e4t im Norden zu gestalten. Besonders deutlich waren damals die unterschiedlichen ineinanderflie\u00dfenden Ebenen historischer und aktueller Traumata. 2020 sollte ein vertiefter Beratungsprozess, vor allem f\u00fcr die Leitung der Partnerorganisationen stattfinden. Durch die Corona-Pandemie und den Putsch wurde die Begleitung ab 2021 online organisiert.   <\/p>\n\n<p><strong>Auf einer Reise ohne feste Koordinaten \u2013 und was der Prozess uns lehrte<\/strong><\/p>\n\n<p>Welche Rolle kann psychosoziale Begleitung angesichts einer aktuellen Krise spielen, in der sich so viele existentielle Fragen zeigen, die das schiere \u00dcberleben betreffen? K\u00f6nnten Zoom Sitzungen zu Fragen von Krisenbew\u00e4ltigung, Umgang mit Hoffnungslosigkeit und Resilienzbildung im schlimmsten Fall wie Zynismus wirken? W\u00fcrden sie den Anschein erwecken als ob die einzige Unterst\u00fctzung darin best\u00fcnde, Menschen zu helfen, sich mit Hilfe von Psychotechniken mit einem menschenunw\u00fcrdigen Zustand zu arrangieren?  <br>Diese und \u00e4hnliche Fragen standen f\u00fcr uns am Beginn des Prozesses. Um Sicherheit und Vertrauen zu erm\u00f6glichen, die zentral f\u00fcr traumasensible Arbeit sind, brauchte es nicht nur eine sichere Zoom-Verbindung. Genauso bedeutsam war die Entscheidung der Partnerorganisationen, w\u00e4hrend der Sitzungen unter sich bleiben zu k\u00f6nnen.  <br><br>Durchschnittlich einmal pro Monat fanden die Treffen per Zoom statt, die mit einer einfachen K\u00f6rper- oder Zentrier\u00fcbung und mit einer Sharing-Frage begannen: Was st\u00e4rkt euch?<br>Dann erfolgte ein zuvor gemeinsam verabredeter inhaltlicher Input zu einem Thema, der diskutiert wurde. Den Abschluss der Sitzung bildeten eine Sharing- oder Atem\u00fcbung und die Festlegung des n\u00e4chsten Themas. <\/p>\n\n<p>Manche der gew\u00e4hlten Themen waren in allen Organisationen \u00e4hnlich, wie beispielsweise die Frage nach st\u00e4rkenden Alltagsroutinen mitten im zeitlosen doppelten Chaos von Covid-Lockdown und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen. Andere Fragen waren individuelle Anliegen, die mit den Zielgruppen der unterschiedlichen Organisationen zu tun hatten: Mit einem Team beispielsweise gingen wir Fragen nach, wie traumatische Reaktionen der Kinder in den Binnenfl\u00fcchtlingslagern aufgefangen werden k\u00f6nnen. F\u00fcr eine andere Organisation stand das Verstehen von Belastungsreaktionen von Jugendlichen im Zentrum. Andere Kolleg*innen besch\u00e4ftigte mehrere Sitzungen lang, wie ein fachlich hilfreicher und selbstf\u00fcrsorglicher Umgang mit der massiven Trauer aussehen konnte, die Menschen angesichts der politischen Gewalt und dem Tod vieler an Covid-19 verstorbener Menschen in Myanmar erlebten.   <\/p>\n\n<p><strong>Ein Zwischenfazit:<\/strong><\/p>\n\n<p>1. Psychosoziale Begleitung in einer anhaltenden traumatisierenden Erfahrung von Menschenrechtsverletzungen und Ohnmacht ist kein \u201eOpium\u201c f\u00fcrs (engagierte) Volk, sondern kann ein Akt des Widerstandes gegen Entwertung, Entmachtung und Entw\u00fcrdigung sein. Sie kann nicht die physische Not, Hunger und Krankheit lindern und auch keine humanit\u00e4ren Aktivit\u00e4ten ersetzen. Aber die St\u00e4rkung derer, die diese humanit\u00e4re Arbeit leisten, und ihre Sensibilisierung f\u00fcr Traumadynamiken erm\u00f6glicht, dass diese Arbeit mit ganzheitlicher Unterst\u00fctzung und W\u00fcrdigung der Not einhergehen kann.  <\/p>\n\n<p>2. Psychosoziale Begleitung, wie sie in diesem Prozess stattfand, bedeutet ein Mitgehen in Mitgef\u00fchl und St\u00e4rkung. Sie hilft, wenn Organisationen Trauer und Ohmacht bew\u00e4ltigen m\u00fcssen, um handlungsf\u00e4hig zu bleiben, wenn Eltern bef\u00e4higt werden sollen, in Vertriebenencamps ihre Kinder zu st\u00e4rken und ihnen Sicherheit zu geben, wenn humanit\u00e4re Helfer*innen die Reaktionen von rebellierenden und drogenabh\u00e4ngigen Jugendlichen in Camps verstehen sollen und mit den Eltern und Verantwortlichen reden. F\u00fcr all dies braucht es den Verzicht auf one-size-fits-all- Angebote mit standardisierten Zuschreibungen von Verletztlichkeit &#8211; und stattdessen ein konsequentes Herausarbeiten der Themen mit den Betroffenen und aus deren aktueller Lebenssituation heraus.  <\/p>\n\n<p>3. Trauma bedeutet \u201edisconnection\u201c (Judith Herman) \u2013 Abkapselung von anderen Menschen, Verh\u00e4rtung, um den Schmerz nicht mehr sp\u00fcren zu m\u00fcssen, und Dumpfwerden. Aus allen Konflikten weltweit kennen wir die Zunahme von Gewalt in Familien und nahen Beziehungen w\u00e4hrend bewaffneter Auseinandersetzungen. Psychosoziale Arbeit, die der Dauerhaftigkeit von traumatischen Beziehungs\u201cerfrierungen\u201c vorbeugt, ist implizit hoch friedensrelevant. Gleichwohl darf diese Arbeit nicht mit der Intention von \u201eBefriedung\u201c getan werden: Wenn Menschen sich gegen eine aktuelle Bedrohung wehren, wenn sie ihr Leben an Checkpoints, bei Demonstrationen oder bei humanit\u00e4rer Arbeit riskieren, dann ist K\u00e4mpfen-Wollen und Hassen eine verst\u00e4ndliche und physiologisch h\u00f6chst angepasste \u00dcberlebensreaktion. \u201eFriedensarbeit\u201c bedeutet in diesem Kontext m\u00f6glicherweise viel mehr dieses: die Beziehungsf\u00e4higkeit in communities und Familien zu erhalten, das Absterben von Mitgef\u00fchl zu verhindern, kollektiven und intergenerationellen Traumadynamiken Selbstreflexion und Beziehungsarbeit entgegenzusetzen. Und in all dem \u00fcberaus kreativ und mutig zu sein, ausgetretene Wege zu verlassen und Neuland zu versuchen.     <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. Februar 2021 putschte sich in Myanmar das Milit\u00e4r zur\u00fcck an die Macht. Seitdem gab es landesweit Proteste und gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen, bei denen mindestens 1.300 Menschen get\u00f6tet wurden. Der Putsch und die folgenden Wellen von Gewalt stellen f\u00fcr die Menschen in Myanmar nicht nur das Ende einer hoffnungsvollen Entwicklung zu Freiheit und Demokratie dar. 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