{"id":6602,"date":"2021-06-29T04:02:00","date_gmt":"2021-06-29T02:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/covid-19-als-bedrohung-menschlicher-sicherheit\/"},"modified":"2025-01-21T16:16:27","modified_gmt":"2025-01-21T15:16:27","slug":"covid-19-als-bedrohung-menschlicher-sicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/covid-19-als-bedrohung-menschlicher-sicherheit\/","title":{"rendered":"COVID-19 als Bedrohung menschlicher Sicherheit"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Friedensgutachten 2021 fordert unter dem Titel \u201eEuropa kann mehr!\u201c eine pro-aktivere Rolle der EU auf der weltpolitischen B\u00fchne ein. Das Kapitel \u201eNachhaltiger Frieden\u201c buchstabiert diesen Anspruch f\u00fcr den Umgang mit der COVID-19-Pandemie aus und pl\u00e4diert f\u00fcr globale Solidarit\u00e4t. Diese kann jedoch nur wirksam werden, wenn staatliche Strukturen vor Ort funktionieren. Dieser Beitrag fasst einige wichtige Ergebnisse zusammen.   <\/strong><\/p>\n\n<p>COVID-19 l\u00f6st nicht unmittelbar kollektive Gewaltkonflikte aus. Aber die Pandemie ist eine Gefahr f\u00fcr die menschliche Sicherheit, also die Unversehrtheit und W\u00fcrde der Menschen. \u201eLeave no one behind\u201c \u2013 die Leitlinie der SDG-Umsetzung, niemanden zur\u00fcckzulassen \u2013 steht aktuell vor neuen Herausforderungen. COVID-19 bedroht dabei nicht allein die Gesundheit, sondern zeigt negative Auswirkungen auf die meisten SDGs. So ist die Bek\u00e4mpfung von Armut und Ern\u00e4hrungsunsicherheit gef\u00e4hrdet; die prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten am Anfang der globalen Lieferketten sind unmittelbar von der Krise betroffen; es gibt zudem Anzeichen, dass geschlechtsbezogene Gewalt insbesondere im privaten Bereich in der Pandemie zugenommen hat. Viele Frauen haben \u2013 gerade auch gegen\u00fcber gewaltbereiten Partnern \u2013 an Schutz und Ausweichm\u00f6glichkeiten verloren. Eine Studie der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz bezeichnete die Situation folgerichtig als \u201ePolypandemie\u201c (Eisentraut et al. 2020).      <\/p>\n\n<p>Pandemiebek\u00e4mpfung beginnt zuallererst vor Ort. F\u00fcr alle Staaten, ob demokratische oder autokratische, gilt gleicherma\u00dfen: Schwache staatliche Institutionen sind neben schlechten Politiken ein zentrales Hindernis. Insbesondere sind l\u00e4ndliche und schwer erreichbare Regionen seit Jahren gegen\u00fcber urbanen Regionen beim Zugang zu staatlichen Basisdienstleistungen (z.B. sauberes Wasser, Energie, Sicherheit) benachteiligt. Aber auch der Zugang zum Gesundheitssystem steht nicht allen Gruppen gleicherma\u00dfen offen. Beispielhaft hierf\u00fcr stehen indigene Volksgruppen in Bolivien, Peru, Bangladesch oder Tansania, die oft keinen Zugang zu Informationen haben und staatliche Gesundheitsinstitutionen nur schwer erreichen.    <\/p>\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Misstrauen in den Staat erschwert Pandemie-Bek\u00e4mpfung<\/h5>\n\n<p>Ein weiteres schweres Hindernis f\u00fcr eine erfolgreiche Pandemiebek\u00e4mpfung ist das Misstrauen, das die Bev\u00f6lkerung dem Staat entgegenbringt. Eine m\u00f6gliche Folge sind nur schleppende oder gar ausbleibende Informationen \u00fcber das Infektionsgeschehen vor Ort, was die Bek\u00e4mpfung der Pandemie erschwert. Es gibt jedoch M\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Staat, gemeinsam mit lokalen Autorit\u00e4ten das Vertrauen (teilweise) zur\u00fcckzugewinnen, wie etwa eine Studie f\u00fcr die Philippinen zeigt (Haim et al. 2021).  <\/p>\n\n<p>Die Reaktionen auf die Pandemie bed\u00fcrfen zugleich einer weltweiten Kraftanstrengung. Die EU ist gefordert, im Sinne globaler Solidarit\u00e4t nennenswerte Finanztransfers f\u00fcr den Globalen S\u00fcden auf den Weg zu bringen, die den vulnerablen Teilen der Bev\u00f6lkerung zugutekommen. Schuldenerleichterungen sind die Voraussetzung, dass arme L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens zus\u00e4tzliche Mittel f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der direkten und indirekten Pandemiefolgen mobilisieren k\u00f6nnen.  <\/p>\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Internationale Unterst\u00fctzung ist dringend notwendig<\/h5>\n\n<p>Die COVID-19-Pandemie hat in den SDGs zu neuen Herausforderungen gef\u00fchrt, die es gilt in den kommenden Monaten und Jahren gemeinsam in einer vernetzten Welt anzugehen. Im Gesundheitsbereich geht es darum, die Grundversorgung in vielen L\u00e4ndern aufrechtzuerhalten und den Zugang zu den staatlichen Gesundheitssystemen f\u00fcr alle Bev\u00f6lkerungsgruppen auszuweiten. F\u00fcr die notwendigen Investitionen sind die Regierungen im Globalen S\u00fcden auf internationale Unterst\u00fctzung angewiesen. Es gilt daher, bestehende Initiativen, wie etwa die Zusammenarbeit der EU mit der Afrikanischen Union (AU), weiter auszubauen. Auch bei der Versorgung mit COVID-19 Impfstoffen ist der Globale S\u00fcden auf internationale Solidarit\u00e4t angewiesen.    <\/p>\n\n<p>Aber auch \u00fcber das Gesundheitssystem hinaus, hat die Pandemie erkennbar negative Auswirkungen auf das bislang Erreichte bei der Umsetzung der SDGs gehabt. Es gilt hier aktiv nachzusteuern, um einen dauerhaften Abw\u00e4rtstrend zu verhindern. Ein R\u00fcckschlag in der Armutsbek\u00e4mpfung l\u00e4sst sich im Zeichen der Pandemie nur abfedern, wenn die Marginalisierten im urbanen Raum mitber\u00fccksichtigt werden und soziale Sicherungssysteme sowie arbeitsmarktpolitische Instrumente ausgebaut werden. Die Pandemie hat nicht zuletzt die Gefahr internationaler Abh\u00e4ngigkeiten und die Krisenanf\u00e4lligkeit globalisierter Lieferketten aufgezeigt. Eine partielle Entkopplung der Lebensmittelm\u00e4rkte, k\u00fcrzere Lieferketten, vermehrt lokale Produktion und das Prinzip der Nahrungsmittel-Souver\u00e4nit\u00e4t k\u00f6nnen helfen, zuk\u00fcnftigen Krisen vorzubeugen. Die Industriel\u00e4nder m\u00fcssen auch jenseits der Landwirtschaft die Lieferketten umgestalten und regulieren.     <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Friedensgutachten 2021 fordert unter dem Titel \u201eEuropa kann mehr!\u201c eine pro-aktivere Rolle der EU auf der weltpolitischen B\u00fchne ein. Das Kapitel \u201eNachhaltiger Frieden\u201c buchstabiert diesen Anspruch f\u00fcr den Umgang mit der COVID-19-Pandemie aus und pl\u00e4diert f\u00fcr globale Solidarit\u00e4t. Diese kann jedoch nur wirksam werden, wenn staatliche Strukturen vor Ort funktionieren. 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