{"id":6622,"date":"2021-05-01T17:04:00","date_gmt":"2021-05-01T15:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/corona-katastrophe-auf-dem-dach-der-welt\/"},"modified":"2025-01-21T16:17:06","modified_gmt":"2025-01-21T15:17:06","slug":"corona-katastrophe-auf-dem-dach-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/corona-katastrophe-auf-dem-dach-der-welt\/","title":{"rendered":"Corona-Katastrophe auf dem Dach der Welt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In Nepal w\u00fctet die Corona-Pandemie seit einigen Wochen unerbittlich, t\u00e4glich gibt es zwischen sieben- und neuntausend Neuinfektionen. 35 bis 50 Prozent der PCR-Tests sind positiv. Nepal ist damit aktuell das vielleicht am h\u00e4rtesten von der Pandemie getroffene Land der Welt ist. Hintergrund ist auch eine anhaltende politische Krise, die daf\u00fcr sorgte, dass die Pandemiebek\u00e4mpfung zur Nebensache geriet.   <\/strong><\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfang Mai machte die zweite Corona-Welle in Nepal zum ersten Mal internationale Schlagzeilen, mit Berichten \u00fcber best\u00e4tigte Covid-19 Infektionen im Everest Basecamp. Schlechte Presse f\u00fcr die nepalesische Tourismusbranche, die seit einem Jahr komplett am Boden gelegen und auf bessere Zeiten gehofft hatte. Nachdem sich das Infektionsgeschehen Anfang des Jahres beruhigt hatte, hatte das Land begonnen, sich wieder f\u00fcr Touristen zu \u00f6ffnen und eine Rekordzahl von mehr als 400 Lizenzen f\u00fcr die Besteigung des h\u00f6chsten Berges der Welt ausgestellt.  <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile befindet sich Nepal wieder in einem strikten Lockdown, der einzige internationale Flughafen des Landes ist geschlossen und \u2013 wie vor einem Jahr \u2013 sitzen Touristen und Bergsteiger fest. Doch all das sind nur Symptome einer Katastrophe, die in Anbetracht der gigantischen Ausma\u00dfe der indischen Corona Krise, erst sp\u00e4t und bislang noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. <\/p>\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Ruhe vor dem Sturm<\/h5>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei schien sich vor kurzen noch alles zum Guten zu wenden. Indien hatte Nepal gro\u00dfz\u00fcgig im Rahmen seiner diplomatischen Impfstoffoffensive unterst\u00fctzt und die Impfkampagne war vielversprechend angelaufen. Die Fallzahlen waren selbst \u00fcber den Winter niedrig geblieben und es gab immer mehr Tage ohne offizielle Todesopfer. So konnte man im M\u00e4rz in Nepals Hauptstadt Kathmandu das Gef\u00fchl bekommen, die Pandemie sei bereits Geschichte. Gesch\u00e4fte waren ohne Einschr\u00e4nkungen ge\u00f6ffnet, Bars und Restaurants gut gef\u00fcllt und die t\u00e4glichen Staus hatten Vorpandemie-Niveau erreicht. Religi\u00f6se Feierlichkeiten wurden wieder aufgenommen und die Luftverschmutzung verzeichnete Rekordwerte.     <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regierung hatte nahezu alle Einschr\u00e4nkungen aufgehoben und war ohnehin anderweitig besch\u00e4ftigt. Das Ende der Pandemie hatte zwar auch politische Gr\u00fcnde \u2013 die Zahl der Tests war deutlich reduziert worden \u2013 aber sehr vieles deutete auf eine tats\u00e4chliche Entspannung der Lage hin. \u00c4hnlich wie in Indien machten Ger\u00fcchte \u00fcber die besondere Widerstandsf\u00e4higkeit der nepalesischen Bev\u00f6lkerung die Runde und \u00fcber den Grad der Durchseuchung wurde spekuliert. Immerhin hatte eine <a href=\"https:\/\/kathmandupost.com\/health\/2020\/12\/03\/one-in-eight-individuals-exposed-to-virus-until-september-seroprevalence-survey-shows\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Antik\u00f6rper-Studie im September<\/a> \u2013 noch bevor die erste Welle richtig Fahrt aufgenommen hatte \u2013 festgestellt, dass 13 Prozent der Bev\u00f6lkerung bereits mit dem Virus infiziert gewesen waren. In der Konsequenz agierte die Bev\u00f6lkerung zusehends sorglos und ber\u00fccksichtigte Abstands- und Sicherheitsregeln immer weniger.    <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All dies trug dazu bei, dass die neue Corona-Welle, die im April sehr schnell aus Indien \u00fcber Nepal hereinbrach, das Land v\u00f6llig unvorbereitet traf. Dabei war abzusehen gewesen, dass sich die schrecklichen Bilder aus Indien in Nepal wiederholen w\u00fcrden. Die Grenze zwischen beiden L\u00e4ndern ist offen und viele Menschen migrieren auf der Suche nach Arbeit in die eine oder andere Richtung. Die politische Krise, die das Land seit Monaten in Atem h\u00e4lt, trug das ihrige bei.   <\/p>\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Ohne R\u00fccksicht auf Verluste<\/h5>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem langen Konflikt zwischen maoistischen Aufst\u00e4ndischen und der Zentralregierung zwischen 1996 und 2006, waren mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung im Jahr 2015 und den folgenden Wahlen gro\u00dfe Hoffnungen auf die Demokratisierung Nepals verbunden. Die Nepal Communist Party (NCP), die aus der Vereinigung der Communist Party of Nepal \u2013 Unified Marxist-Leninist (CPN-UML) und der Communist Party of Nepal \u2013 Maoist Centre (CPN-MC) hervorgegangen war, hatte nahezu eine Zweidrittel-Mehrheit erringen k\u00f6nnen. Die Voraussetzungen f\u00fcr die lang erhoffte politische Stabilit\u00e4t schienen gut. Allein die internen Machtk\u00e4mpfe in der NCP konnten nie beigelegt werden und wurden bereits in der erster Corona Welle mit erbitterter H\u00e4rte ausgetragen.   <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Ende des letzten Jahres gipfelte die Auseinandersetzung schlie\u00dflich in der Aufl\u00f6sung des Repr\u00e4sentantenhauses, auf Antrag von Premierminister K.P. Sharma Oli. Der Premierminister, ehemals CPN-UML, war von seinen parteiinternen Gegenspielern \u00fcber Monate hinweg unter Druck gesetzt worden und hatte zum Befreiungsschlag ausgeholt. Doch auch wenn das Oberste Gericht die Entscheidung sp\u00e4ter als verfassungswidrig erkl\u00e4rte und die Wiedereinsetzung des Parlaments anordnete, hat sich die nepalesische Demokratie von diesem Schlag bislang nicht wieder erholt. Zumal ein weiteres Gerichtsurteil wenig sp\u00e4ter das politische Chaos perfekt machte: Der Zusammenschluss von CPN-UML und CPN-MC wurde f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt, da der Parteiname \u201eNepal Communist Party\u201c bereits 2013 von einer anderen Partei registriert worden war.   <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seitdem wird in Kathmandu mit allen Mitteln um politische Mehrheiten gek\u00e4mpft, ohne dass sich gro\u00dfe Fortschritte verzeichnen lassen. Premierminister Oli und seine politischen Konkurrenten stehen sich dabei in ihrer Unnachgiebigkeit in nichts nach \u2013 trotz Pandemie-Notlage. Seit Anfang des Jahres wurden vielfach Massenkundgebungen organisiert, um St\u00e4rke zu zeigen und\/oder gegen die Aufl\u00f6sung des Parlaments zu demonstrieren.  <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 10. Mai stellte Premierminister Oli schlie\u00dflich erfolglos die Vertrauensfrage. Da die Opposition ebenfalls nicht in der Lage war, eine eigene Mehrheit zu organisieren, wurde Oli mittlerweile wieder als Premierminister vereidigt und das Parlament abermals aufgel\u00f6st \u2013 zum zweiten Mal innerhalb von f\u00fcnf Monaten. Von Olis Gegnern wird wiederum die Verfassungswidrigkeit beklagt und die Wiedereinsetzung des Parlaments gefordert. Auch Pr\u00e4sidentin Bidya Devi Bhandari ger\u00e4t zunehmend in die Kritik. Ihr wird Parteinahme f\u00fcr den Premierminister vorgeworfen und tats\u00e4chlich vergeht zumeist kaum Zeit, bevor sie seinen Antr\u00e4gen stattgibt. Es bleibt abzuwarten, ob die Neuwahlen, wie verk\u00fcndet im November stattfinden werden oder doch erst turnusgem\u00e4\u00df im n\u00e4chsten Jahr gew\u00e4hlt werden wird.     <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicher ist, Oli steht weiterhin unter Druck: Selbst innerhalb seiner Partei, der CPN-UML, hat sich eine einflussreiche Gruppe von ihm abgewendet und alle weiteren im Parlament vertretenen Parteien scheinen mehr und mehr geeint durch den Wusch, seiner Amtszeit ein Ende zu setzen. Doch Oli hat sich wiederholt als \u00e4u\u00dferst flexibel erwiesen und war seinen Gegnern bislang immer einen Schritt voraus. Dass bei einem solchen politischen Chaos die Pandemiebek\u00e4mpfung allerdings zur Nebensache ger\u00e4t, kann kaum verwundern. Dies hat wohl seinen Teil dazu beigetragen, dass Nepal aktuell das vielleicht am h\u00e4rtesten von der Corona Pandemie getroffene Land der Welt ist.   <\/p>\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Verzweifelte Suche nach Sauerstoff<\/h5>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 10. Mai \u2013 dem Tag der Vertrauensfrage \u2013 registrierte das Land 9.127 neue Corona-Infektionen (ein weiterer trauriger Rekord) und 139 Covid-19 Tote. Seit einigen Wochen sind es zwischen sieben und neuntausend Neuinfektionen t\u00e4glich, mehr als doppelt so viele wie in der Spitze der ersten Welle Ende 2020. Der totale Kollaps des Gesundheitssystem ist deutlich daran abzulesen, dass die t\u00e4glichen Todeszahlen von etwa 50 auf mittlerweile 150 bis 200 sprunghaft angestiegen sind. Viele Betroffene sterben zu Hause oder auf der Suche nach Hilfe, weil es an medizinischem Sauerstoff mangelt und die meisten Krankenh\u00e4user keine neuen Patienten mehr aufnehmen. <a href=\"https:\/\/kathmandupost.com\/valley\/2021\/05\/13\/chief-coordinator-of-pashupati-crematorium-says-he-had-never-seen-so-many-bodies\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Krematorien kommen mit den Ein\u00e4scherungen kaum noch nach<\/a>.   <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den sozialen Medien suchen Menschen nach Hilfe f\u00fcr ihre Angeh\u00f6rigen. In Anbetracht der Tatsache, dass der Staat l\u00e4ngst die Kontrolle verloren hat, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/global-development\/2021\/may\/18\/urgent-oxygen-needed-nepalis-mobilise-to-take-charge-in-covid-crisis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">versuchen Freiwillige zu unterst\u00fctzen<\/a>, so gut es geht. Derweil fiel die Reaktion von Premierminister Oli in Anbetracht der Katastrophe einmal mehr irritierend aus: Noch am 8. Mai erkl\u00e4rte er in einem CNN Interview, dass die <a href=\"https:\/\/www.msn.com\/en-us\/news\/world\/nepal-pm-covid-situation-is-under-control\/vi-BB1gvCGD\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pandemie in Nepal unter Kontrolle sei<\/a>, um nur zwei Tage sp\u00e4ter einen bemerkenswerten <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2021\/may\/10\/nepal-covid-uk-g7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hilferuf im Guardian<\/a> zu platzieren.  <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Vergleich zu mehreren hunderttausend Neuinfektionen t\u00e4glich im benachbarten Indien und auch den teilweise aus Europa gewohnten Spitzenwerten, erscheinen die Zahlen aus Nepal vielleicht wenig beeindruckend. Aber die Lage k\u00f6nnte kaum schlimmer sein. Das Gesundheitssystem des 30 Millionen Einwohner Landes an den H\u00e4ngen des Himalayas ist noch schlechter entwickelt als im benachbarten Indien und insbesondere die Versorgung der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung ist in Anbetracht der Topografie schwierig.  <\/p>\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Bis zu 50 Prozent positive Tests!<\/h5>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und auch wenn die absoluten Zahlen weniger beeindruckend sind, muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei den offiziellen Zahlen in Nepal nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Bei 16.000 &#8211; 20.000 PCR Tests t\u00e4glich liegt die Positivrate bei astronomischen 35 bis 50 Prozent! Zum Vergleich: In der Spitze lag diese in Indien in den letzten Wochen maximal bei 20-25 Prozent. Ohne Zweifel, w\u00fcrde in Nepal mehr getestet, die Zahlen w\u00fcrden eine deutlichere Sprache sprechen. Und um es abermals zu veranschaulichen: Rechnet man die offiziellen(!) nepalesischen Zahlen auf eine Gesamtbev\u00f6lkerung von 1,2 Milliarden hoch \u2013 ein ungef\u00e4hrer Vergleichswert zu Indien \u2013 w\u00fcrde dies bedeuten, dass t\u00e4glich zwischen 6.000 und 8.000 Menschen sterben.    <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es werden sich sicherlich einige Lehren aus der nepalesischen Erfahrung ziehen lassen: Dar\u00fcber wie Machtpolitik in Pandemiezeiten zur Katastrophe f\u00fchren kann oder wie die ewig zitierten Zahlen nur die halbe Geschichte in dieser Pandemie erz\u00e4hlen. Oder auch dar\u00fcber, dass S\u00fcdasien insgesamt eine katastrophale Corona-Welle bevorstehen k\u00f6nnte. Doch im Moment scheint es in Anbetracht der Situation dringlicher zu sein, auf das immense und vermeidbare Leid in Nepal aufmerksam zu machen: Die nepalesische Bev\u00f6lkerung braucht gerade jede Unterst\u00fctzung, die es kriegen kann!  <\/p>\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Alte Wunden k\u00f6nnten wieder aufbrechen<\/h5>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perspektivisch hat die aktuelle politische Krise das Potenzial, alte Konflikte wieder zu entflammen. Die Demokratisierung des Landes war bislang sehr erfolgreich darin, den Konflikt mit den aufst\u00e4ndischen Maoisten zu befrieden. Allerdings wurde die CPN-MC von Premierminister Oli auf sehr fragw\u00fcrdige Weise politisch ausman\u00f6vriert. Hinzu kommt, dass der Konflikt zwischen Zentralstaat und der Bev\u00f6lkerung im s\u00fcdlichen Terrai, der in der Vergangenheit immer wieder zu blutigen Zusammenst\u00f6\u00dfen gef\u00fchrt hat, weiter schwelt. Je nachdem wie sich die politische Situation weiterentwickelt, k\u00f6nnten diese Konflikte wieder aufbrechen.    <\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und schlie\u00dflich ist es keineswegs ausgeschlossen, dass im Kontext der n\u00e4chsten Wahlen \u2013 \u00e4hnlich wie die letzte Corona-Welle \u2013 der Hindunationalismus aus Indien nach Nepal hin\u00fcberschwappt. Zuletzt wurden Premierminister Oli immer wieder Sympathien nachgesagt. F\u00fcr das zwar mehrheitlich hinduistisch gepr\u00e4gte, aber dennoch \u00e4u\u00dferst diverse Nepal k\u00f6nnte sich eine solch religi\u00f6s-nationalistische Ideologie als gef\u00e4hrlicher Z\u00fcndstoff erweisen.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Nepal w\u00fctet die Corona-Pandemie seit einigen Wochen unerbittlich, t\u00e4glich gibt es zwischen sieben- und neuntausend Neuinfektionen. 35 bis 50 Prozent der PCR-Tests sind positiv. 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