{"id":6644,"date":"2021-05-04T01:45:00","date_gmt":"2021-05-03T23:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/schutz-im-kollektiv\/"},"modified":"2025-01-21T16:16:36","modified_gmt":"2025-01-21T15:16:36","slug":"schutz-im-kollektiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/schutz-im-kollektiv\/","title":{"rendered":"Schutz im Kollektiv"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bereits zum achten Mal luden Brot f\u00fcr die Welt und das Deutsche Institut f\u00fcr Menschenrechte am 20. April 2021 zur Werner Lottje Lecture ein. In Erinnerung an den gro\u00dfen Vision\u00e4r der Menschenrechtsarbeit in Deutschland werden hier jedes Jahr aktuelle Herausforderungen des Schutzes von Menschenrechtsverteidiger*innen diskutiert. Zudem werden mit der Veranstaltungsreihe auch couragierte Menschenrechtsaktivist*innen ausgezeichnet.  <\/strong><\/p>\n\n<p>In diesem Jahr wurde mit der Veranstaltung nicht eine einzelne Person, sondern ein ganzes Kollektiv geehrt. Die indigene Guardia der Kiwe Thegnas verteidigen die angestammten Territorien einzelner Dorfgemeinschaften der indigenen Nasa in der Region Cauca im S\u00fcdwesten Kolumbiens. Die Kiwe Thegnas patrouillieren in ihren angestammten Gebieten und wehren sich friedlich gegen das Eindringen bewaffneter Gruppen. Die Guardia unterst\u00fctzt die traditionellen Autorit\u00e4ten bei der Aus\u00fcbung ihrer Funktionen, sch\u00fctzt die Gemeinden vor bewaffneten Akteuren und koordiniert in Notf\u00e4llen Rettungseins\u00e4tze oder Katastrophenhilfe. Dar\u00fcber hinaus sind ihre Ortsgruppen wichtig f\u00fcr politische Bildung sowie Bewahrung und Wiederbelebung traditioneller kultureller Praktiken. Als Erkennungszeichen tragen sie den \u201eChonta\u201c, einen Holzstab, der hohe symbolische und kulturelle Bedeutung hat. Menschenrechte werden hier im und durch das Kollektiv gesch\u00fctzt.      <\/p>\n\n<p><strong>Kolumbien ist das gef\u00e4hrlichste Land<\/strong><\/p>\n\n<p>Silke Pfeiffer, Leiterin des Referats Menschenrechte und Frieden bei Brot f\u00fcr die Welt, betonte in ihrer Einf\u00fchrung, dass Kolumbien f\u00fcr Menschenrechtsverteidiger*innen weltweit das mit Abstand gef\u00e4hrlichste Land ist. Nach Zahlen der kolumbianischen NGO Indepaz wurden in den letzten f\u00fcnf Jahren \u00fcber 1.100 Aktivist*innen im Land ermordet. Und das obwohl die kolumbianische Regierung und die Revolution\u00e4ren Streitkr\u00e4fte Kolumbien, die FARC vor rund f\u00fcnf Jahren in einem Friedensabkommen vereinbart hatten, die strukturellen Ursachen der Gewalt im Land zu bearbeiten.  <\/p>\n\n<p>Die versprochene Friedensdividende habe ihre Gemeinschaften aber nicht erreicht, betonten die Vertreter*innen der Guardia Ind\u00edgena, Yina Baicue und Arbey Noscue. Zwar sei der Friedenvertrag selbst positiv zu bewerten, aber vor allem die seit 2018 von Iv\u00e1n Duque angef\u00fchrte Regierung h\u00e4tte zu wenig getan, um diesen auch umzusetzen. So sei durch die Demobilisierung der FARC-Truppen ein Machtvakuum in der Region entstanden. Diese wurde schnell durch bewaffnete Gruppen gef\u00fcllt, die in organisierte Kriminalit\u00e4t und dem Drogenhandel verwickelt sind. Auf das Konto dieser Gruppen gingen auch die meisten der Morde an Menschenrechtsaktivist*innen und indigenen Anf\u00fchrer*innen, wenn diese sich gegen die illegalen Machenschaften auf ihrem Gebiet zur Wehr setzten. Vom kolumbianischen Staat k\u00f6nne hingegen kein Schutz erwartet werden. Zu oft steckten korrupte Staatsvertreter*innen mit der organisierten Kriminellen unter einer Decke. Die Corona-Pandemie habe die Lage weiter versch\u00e4rft. W\u00e4hrend die politische Arbeit der Guardia Ind\u00edgena erheblich eingeschr\u00e4nkt sei, k\u00f6nnten sich die bewaffneten Gruppen frei bewegen und ihren Gesch\u00e4ften nachgehen. Angesichts geschlossener Schulen habe die Rekrutierung von Kindersoldat*innen zugenommen.         <\/p>\n\n<p><strong>Bedrohung der Aktivist*innen liegt in der Schw\u00e4che des Staats<\/strong><\/p>\n\n<p>Die UN-Sonderberichterstatterin f\u00fcr die Situation von Menschenrechtsverteidiger*innen, Mary Lawlor, betonte, dass der kolumbianische Staat seiner Schutzverantwortung gegen\u00fcber den bedrohten Aktivist*innen nicht nachkomme. Kolumbien habe viele relevante Menschenrechtsvertr\u00e4ge ratifiziert und sogar ein staatliches Schutzprogramm f\u00fcr Menschenrechtsverteidiger*innen ins Leben gerufen. Allerdings sei das Programm unterfinanziert und leide auch am mangelnden Vertrauen der kolumbianischen Menschenrechtsverteidiger*innen  <\/p>\n\n<p>Laut dem deutschen Botschafter in Kolumbien, Peter Ptassek, sei die massive Bedrohung von Menschenrechtsverteidiger*innen im Land aber weniger auf die Regierung Duque zur\u00fcckzuf\u00fchren sondern liegt in einer strukturellen Schw\u00e4che des kolumbianischen Staats begr\u00fcndet. Denn dieser sei so schwach, dass er in vielen Regionen, wie eben in Cauca, gar nicht die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tte, das durch den Friedensschluss entstandene Machtvakuum zu f\u00fcllen. Trotzdem m\u00fcsste festgehalten werden, dass der Friedenprozess jetzt schon zu einer Verbesserung der Lage gef\u00fchrt habe. Nun m\u00fcsse aber alles daf\u00fcr getan werden, den Friedensvertrag vollst\u00e4ndig umzusetzen. Dabei zu unterst\u00fctzen sei auch die Pflicht der internationalen Gemeinschaft und Deutschlands.    <\/p>\n\n<p><strong>Langfristig muss Vertrauen aufgebaut werden<\/strong><\/p>\n\n<p>Auch die Unterst\u00fctzung von bedrohten Menschenrechtsverteidiger*innen sieht der Botschafter als eine wichtige Aufgabe der deutschen Botschaft vor Ort. Dazu geh\u00f6re auch, in der kolumbianischen \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr Menschenrechtsaktivist*innen und soziale Anf\u00fchrer*innen als wichtigen Motoren sozialen Wandels zu werben. F\u00fcr einen echten Schutz vor allem von indigenen Aktivist*innen sei es aber notwendig, dass langfristig wieder Vertrauen zwischen ihren Gemeinschaften und den staatlichen Institutionen aufgebaut werde.<br>Wie besch\u00e4digt dieses Vertrauen in den Staat im Moment ist, machte zum Ende der Veranstaltung nochmal Alejandro Ramos von der Guardia Ind\u00edgena deutlich: \u201eAlle staatlichen Institutionen sind korrupt. Ich habe gesehen wie 50 Meter neben einer Polizeistation jemand ermordet wurde. Und danach hat der M\u00f6rder die Polizisten gegr\u00fc\u00dft. Wie sollen wir da dem Staat vertrauen?\u201c  <\/p>\n\n<p>Von der internationalen Gemeinschaft und der weltweiten Zivilgesellschaft w\u00fcnscht sich die Guardia Ind\u00edgena eine Begleitung ihrer Arbeit. Besuche von Vertreter*innen aus dem Ausland k\u00f6nnten ihre Sicherheit erh\u00f6hen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits zum achten Mal luden Brot f\u00fcr die Welt und das Deutsche Institut f\u00fcr Menschenrechte am 20. April 2021 zur Werner Lottje Lecture ein. In Erinnerung an den gro\u00dfen Vision\u00e4r der Menschenrechtsarbeit in Deutschland werden hier jedes Jahr aktuelle Herausforderungen des Schutzes von Menschenrechtsverteidiger*innen diskutiert. Zudem werden mit der Veranstaltungsreihe auch couragierte Menschenrechtsaktivist*innen ausgezeichnet. 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