{"id":6704,"date":"2020-11-10T04:54:00","date_gmt":"2020-11-10T03:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/wirtschaft-hilft-dem-frieden-bisher-wenig\/"},"modified":"2025-01-21T16:18:22","modified_gmt":"2025-01-21T15:18:22","slug":"wirtschaft-hilft-dem-frieden-bisher-wenig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/wirtschaft-hilft-dem-frieden-bisher-wenig\/","title":{"rendered":"Wirtschaft hilft dem Frieden bisher wenig"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Seit Jahrzehnten gibt es die These, dass Unternehmen positive Auswirkungen auf den Frieden haben. Unter anderem, weil die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen die wirtschaftliche Situation von Menschen in einer Region stabilisiert. Bisher st\u00fctzt sich dieser Zusammenhang auf eine \u00fcberraschend kleine Evidenzbasis. Auf der Geneva Peace Week initiierten FriEnt, CDA und international Alert Expert*innen eine Diskussion zum Thema mit Expert*innen aus aller Welt.   <\/strong><\/p>\n\n<p>Im Vorfeld der internationalen \u201eGeneva Peace Week\/GPW20\u201c war FriEnt gemeinsam mit CDA und International Alert zu einem Briefing eingeladen, in dem die jahrzehntelangen Erfahrungen mit \u201eWirtschaft und Frieden\u201c gesammelt und er\u00f6rtert wurden. Einerseits berichteten Fachleute von ihrer Arbeit mit extraktiven Industrien, internationalen Akteuren sowie mit kleinen und mittelst\u00e4ndischen lokalen Unternehmen. Andererseits analysierten Vertreter*innen des Climate Action Network (CAN) und der Aston University, Birmingham, ihre Aktivit\u00e4ten zur F\u00f6rderung und wissenschaftlichen Begleitung von lokalen Kleinstunternehmen in Somalia. Die intensive virtuelle Diskussion am 20. Oktober f\u00fchrten Expert*innen aus dem Friedens- und Entwicklungsbereich sowie aus Forschung und multilateralen Institutionen wie dem UN-Peacebuilding Support Office\/PBSO und der Welthandelsorganisation\/WTO. Am 5. November wurden die Ergebnisse im Hauptprogramm der GPW20 in einem gemeinsamen \u201aTown Hall-Meeting\u2018 vorgestellt und mit mehr als 60 Expert*innen aus aller Welt diskutiert.    <\/p>\n\n<p><strong>Privater Sektor und Frieden \u2013 der positive Zusammenhang zeigt bisher erst wenig Evidenz!<\/strong><\/p>\n\n<p>Die zentrale These der Vortragenden: Es kann vorkommen, dass Unternehmen positive Auswirkungen auf den Frieden haben. Diese Szenarien sind jedoch nicht allt\u00e4glich. Die verf\u00fcgbaren Beweise deuten darauf hin, dass es wesentlich zeitaufwendiger und komplizierter ist, dies durch absichtliche Initiativen zu erreichen, als es in der Literatur, die sich f\u00fcr &#8220;Wirtschaft und Frieden&#8221; ausspricht, vielfach behauptet wird. Der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Frieden wird bisher nur durch eine \u00fcberraschend kleine Evidenzbasis gest\u00fctzt. So wertete etwa eine ODI-Studie mehr als 9.000 Studien\/Evaluierungen\/Artikeln \u00fcber Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen in fragilen Staaten aus. Sie kam zu dem Ergebnis, es gebe keine Belege daf\u00fcr, dass die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen konkrete, quantifizierbare Auswirkungen auf die Stabilit\u00e4t hat. Andere Untersuchungen belegen, dass einzelne Gesch\u00e4ftsleute sich pers\u00f6nlich erfolgreich f\u00fcr Frieden engagieren, aber diese Bem\u00fchungen v\u00f6llig au\u00dferhalb des Unternehmens stattfinden und nicht durch die Mitarbeitenden oder die Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit des Unternehmens mitgetragen werden. In fragilen und von Konflikten beeinflussten Kontexten zeigen die Ergebnisse von kapitalintensiven Projekten gro\u00dfer multinationaler Unternehmen, dass Konfliktsensibilit\u00e4t notwendig aber zumeist nicht gegeben ist. Einen wichtigen Schritt in Richtung normativer Erweiterung hin zu Konfliktsensibilit\u00e4t hat die UN Working Group Business and Human Rights mit ihrem aktuellen Abschlussbericht zu ihrem Projekt \u201aWirtschaft und Menschenrechte in Konfliktkontexten\u2018 gemacht.        <\/p>\n\n<p><strong>Kleine, Kleinst- und mittelgro\u00dfe Unternehmen \u2013 Kleine Auswirkungen &#8220;summieren sich nicht zum Frieden&#8221;<\/strong><\/p>\n\n<p>F\u00fcr kleine und mittelst\u00e4ndische lokale Unternehmen (KKMU) stellen sich die Chancen und Herausforderungen des Engagements f\u00fcr Frieden in fragilen Situationen ebenfalls sehr unterschiedlich dar. Auch die Risiken sind hier sehr vielf\u00e4ltig: In Mindanao, Philippinen, etwa konnten lokale Unternehmen gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Gruppen den Friedensprozess durch Dialog mit der Mindanao Befreiungsfront\/MILF unterst\u00fctzen. Oder im S\u00fcdkaukasus hat der \u00fcber Konfliktlinien hinweg gemeinsam produzierte K\u00e4se (\u201aCheese for peace\u2018) als Symbol gewirkt und auf Gemeinsamkeiten verwiesen. Auch die Arbeit mit Kleinstunternehmen in Somalia hat gezeigt, dass es m\u00f6glich ist, mit wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten \u00fcber Clan-Grenzen hinweg einen verbindenden Effekt zu erzielen. Voraussetzung ist, dass die Vorteile der gesamten Gemeinschaft zugutekommen. Aber es bedarf eines langen Friedensengagements mit den lokalen Akteuren, um Potentiale f\u00fcr eine positive Rolle zu erkennen und diese M\u00f6glichkeiten dann auch auf andere Wirtschaftakteure und gesellschaftliche Gruppen auszuweiten. Wichtig ist die Arbeit in Netzwerken oder auch Verb\u00e4nden oder Strukturen, wie etwa Handwerkskammern. Zertifizierungssysteme dagegen schaffen f\u00fcr kleinere Unternehmen weniger Anreize als f\u00fcr gro\u00dfe oder multinationale Unternehmen, die weltweit agieren.       <\/p>\n\n<p><strong>Wege nach vorn:<\/strong><\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Vertiefende St\u00e4rkung der Rolle von KKMU in der Friedensf\u00f6rderung<\/li>\n\n\n\n<li>Interessenvertretung (von Unternehmen und politischen Akteuren), einschlie\u00dflich Unterst\u00fctzung von Wirtschaftsf\u00fchrern, um politische Regelungen zu beeinflussen<\/li>\n\n\n\n<li>Multi-Akteurs-Plattformen in bestimmten L\u00e4ndern ausbauen und aktiv begleiten (u.a. Schutz zivilgesellschaftlicher Menschenrechts-, Friedensakteure)<\/li>\n\n\n\n<li>Umgang mit Grauzonen (z.B. Schattenwirtschaften, Korruption)<\/li>\n\n\n\n<li>Dem Privatsektor darf nicht die Rolle vom Staat zukommen \u2013 der F\u00f6rderung inklusiver Institutionen, Justiz und Rechtsstaatlichkeit kommt gerade dort eine besondere Bedeutung zu, wo mit \u00f6ffentlichen F\u00f6rdergeldern gleichzeitig dem Privaten Sektor eine besondere Rolle f\u00fcr Frieden und Entwicklung zugeschreiben wird.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahrzehnten gibt es die These, dass Unternehmen positive Auswirkungen auf den Frieden haben. Unter anderem, weil die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen die wirtschaftliche Situation von Menschen in einer Region stabilisiert. Bisher st\u00fctzt sich dieser Zusammenhang auf eine \u00fcberraschend kleine Evidenzbasis. 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