{"id":6738,"date":"2020-08-28T18:24:00","date_gmt":"2020-08-28T16:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/der-nexus-sicherheit-entwicklung-frieden-auf-dem-pruefstand\/"},"modified":"2025-01-21T16:19:02","modified_gmt":"2025-01-21T15:19:02","slug":"der-nexus-sicherheit-entwicklung-frieden-auf-dem-pruefstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/der-nexus-sicherheit-entwicklung-frieden-auf-dem-pruefstand\/","title":{"rendered":"Der Nexus Sicherheit-Entwicklung-Frieden auf dem Pr\u00fcfstand"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In Kriegssituationen k\u00f6nnen EZ-Aktivit\u00e4ten im schlimmsten Fall negative Folgen f\u00fcr die Sicherheitslage haben. Positive Wirkungen sind aber m\u00f6glich, wenn die Beitr\u00e4ge den Menschen direkt zugutekommen. Entscheidend daf\u00fcr sind ein reduziertes Ambitionsniveau und kleinr\u00e4umige Ans\u00e4tze mit vertrauensw\u00fcrdigen lokalen Umsetzungspartnern. So lautet die zentrale Erkenntnis eines FriEnt-Fachgespr\u00e4chs zum Nexus Sicherheit, Entwicklung, Frieden.   <\/strong><\/p>\n\n<p>In der politischen Debatte wird der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) h\u00e4ufig eine zentrale Rolle f\u00fcr die Verminderung von Gewalt und die F\u00f6rderung menschlicher Sicherheit zugeschrieben: \u201eKeine Sicherheit ohne Entwicklung, keine Entwicklung ohne Sicherheit\u201c, so die Formel. Dieser Zusammenhang erscheint zun\u00e4chst einleuchtend, st\u00f6\u00dft in Kriegssituationen wie in Afghanistan, Irak oder Mali aber an enge Grenzen. W\u00e4hrend die Wirkungsm\u00f6glichkeiten der EZ bei der Pr\u00e4vention und Friedensf\u00f6rderung jenseits von akuten Gewaltkonflikten inzwischen gut dokumentiert sind, unterliegt das EZ-Engagement in Kriegskontexten besonderen Herausforderungen. Was k\u00f6nnen EZ-Aktivit\u00e4ten in solchen offenen Gewaltkonflikten also tats\u00e4chlich erreichen und was wissen wir \u00fcber das Zusammenspiel von Entwicklung, Frieden und Sicherheit in diesen Kontexten? Diese Kernfragen standen im Mittelpunkt des FriEnt-Fachgespr\u00e4chs am 12. August 2020 mit Vertreter*innen aus Bundesministerien, entwicklungspolitischen Think Tanks und zivilgesellschaftlichen Organisationen.    <\/p>\n\n<p><strong>Hohe Erwartungen der Politik sind in Kriegskontexten nicht erf\u00fcllbar<\/strong><\/p>\n\n<p>In der Diskussion wurde deutlich, dass sich die hohen Erwartungen aus der Politik an die Wirkungs-m\u00f6glichkeiten der Entwicklungszusammenarbeit in Kriegssituationen und akuten Gewaltkonflikten in der Praxis nicht best\u00e4tigen. Im Gegenteil: Aktuelle Forschungsergebnisse und empirische Analysen zeigen, dass die gro\u00dfe Mehrheit der EZ-Aktivit\u00e4ten unter diesen Bedingungen entweder gar keine oder sogar negative Wirkungen auf die Sicherheitslage in Krisen- und Kriegsgebieten hatten. <\/p>\n\n<p>Damit EZ-Ma\u00dfnahmen keine negativen Folgen f\u00fcr die Sicherheit der lokalen Bev\u00f6lkerung entfalten, sollten ambitionierte entwicklungspolitische Ans\u00e4tze in diesen Kontexten grunds\u00e4tzlich \u00fcberdacht werden. \u201eWir brauchen eine Verabschiedung von den ganz gro\u00dfen Zielen, EZ muss kleinr\u00e4umiger agieren und den lokalen Kontext deutlich besser verstehen\u201c, lautete ein zentrales Pl\u00e4doyer aus der Diskussion. Notwendig sei eine ehrliche Bilanz im Hinblick auf die tats\u00e4chlichen Einflussm\u00f6glichkeiten von EZ auf die Sicherheitslage und die Gewaltdynamiken vor Ort und eine deutliche Fokussierung: Wie kann den Menschen vor Ort ganz konkret geholfen werden, ohne dass durch EZ-Aktivit\u00e4ten die Gewaltsituation noch versch\u00e4rft wird?  <\/p>\n\n<p><strong>Entscheidend ist eine konfliktsensible Gestaltung<\/strong><\/p>\n\n<p>Entscheidend ist in diesen Kontexten eine konfliktsensible Gestaltung und konsequente Beachtung des Do-No-Harm Prinzips. Eine zentrale Frage lautet somit, wie EZ in unsicheren R\u00e4umen mit bewaffnetem Konfliktaustrag aussehen kann, um die Lebenssituation der Menschen zu verbessern, ohne Sicherheitsrisiken zu vergr\u00f6\u00dfern. Die Beitr\u00e4ge aus dem Fachgespr\u00e4ch gaben dazu erste Hinweise.  <\/p>\n\n<p>Ausgangspunkt f\u00fcr die Diskussion waren die Ergebnisse aus drei aktuellen Studien, die sich mit dem internationalen Engagement in Krisenkontexten auseinandersetzen und die Erfolgsbilanz von Unterst\u00fctzungsleistungen f\u00fcr \u201eSicherheit und Stabilisierung\u201c untersuchen:<\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die HSFK-Studie<a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/fileadmin\/HSFK\/hsfk_publikationen\/Bericht_FriedenundEntwicklung2020_HSFK.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eFrieden und Entwicklung 2020. Eine Analyse aktueller Erfahrungen und Entwicklungen\u201c<\/a>, vorgestellt von Dr. Jonas Wolff.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Untersuchung zu den Ergebnissen des internationalen Engagements in Afghanistan: <a href=\"https:\/\/www.ez-afghanistan.de\/sites\/default\/files\/Summary%20Paper%20Meta-Review%20of%20Evaluations%20Afghanistan%20March%202020_4.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eMeta-Review of Evaluations of Development Assistance to Afghanistan, 2008-2018\u201c<\/a> im Auftrag des BMZ, vorgestellt von Prof. Dr. Christoph Z\u00fcrcher.<\/li>\n\n\n\n<li>Die ZIF-Analyse <a href=\"https:\/\/www.zif-berlin.org\/sites\/zif-berlin.org\/files\/inline-files\/ZIF_Studie_Stabilisierungsdiskurs_200309_Web__2.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201e25 Jahre Stabilisierungsdiskurs. Zwischen Realpolitik und Normativit\u00e4t\u201c<\/a>, vorgestellt von Sebastian Breuer (GIZ)<\/li>\n<\/ul>\n\n<p>Im Dialog mit etwa 60 Teilnehmer*innen diskutierten die Autoren auch \u00fcber m\u00f6gliche Schlussfolgerungen f\u00fcr die deutsche Politik und f\u00fcr die Umsetzung der Leitlinien \u201eKrisen verhindern, Konflikte bew\u00e4ltigen, Frieden f\u00f6rdern\u201c.<\/p>\n\n<p><strong>Entwicklungszusammenarbeit in Gewaltkonflikten zwischen Anspruch und Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n\n<p>In Wissenschaft und Praxis gibt es einen breiten Grundkonsens dar\u00fcber, dass sich Frieden und Entwicklung wechselseitig und positiv bedingen und dass ein Mindestma\u00df an Sicherheit eine wichtige Grundlage ist. In Kriegssituationen l\u00e4sst sich der von politischer Seite oft vorgegebene Anspruch, dass EZ-Aktivit\u00e4ten unter diesen Vorzeichen auch zu mehr Sicherheit und \u201eStabilisierung\u201c beitragen, jedoch nicht einl\u00f6sen. Noch herausfordernder ist es wiederum, durch EZ-Ma\u00dfnahmen einen Beitrag zu gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen und Friedensf\u00f6rderung zu leisten. In bewaffneten Konflikten k\u00f6nne zu einer besseren Grundversorgung der Bev\u00f6lkerung beigetragen werden, direkte Friedensf\u00f6rderung sei unter diesen Bedingungen jedoch nicht m\u00f6glich.   <\/p>\n\n<p><strong>Die Grundversorgung sicherstellen<\/strong><\/p>\n\n<p>In der Konsequenz ergibt sich daraus zun\u00e4chst ein ambivalentes Fazit: In Kriegssituationen und akuten Gewaltkonflikten, also dort, wo der Bedarf f\u00fcr Friedensf\u00f6rderung durch EZ am gr\u00f6\u00dften scheint, l\u00e4sst sich dieser Anspruch am wenigsten erf\u00fcllen. Das Risiko, dass EZ-Aktivit\u00e4ten in diesen Kontexten eher negative als positive Konsequenzen auf Gewaltdynamiken entfalten, erscheint angesichts der empirischen Befunde deutlich erh\u00f6ht. Unter diesen Bedingungen letztlich ganz auf EZ-Aktivit\u00e4ten zu verzichten, wenn das Do-No-Harm Gebot gef\u00e4hrdet ist, greift jedoch zu kurz. F\u00fcr die EZ gibt es auch in akuten Gewaltkonflikten M\u00f6glichkeiten, Aktivit\u00e4ten zu verfolgen, die den Menschen vor Ort zugutekommen, ohne dass die Spirale von Unsicherheit verst\u00e4rkt wird. Dazu geh\u00f6ren Aktivit\u00e4ten, die sich auf die Grundversorgung der Bev\u00f6lkerung richten \u2013 also die Relief-Dimension der EZ in den Mittelpunkt stellen \u2013 und ambitionierte Ans\u00e4tze zur Transformation von Politik und Gesellschaft zun\u00e4chst zur\u00fcckstellen.    <\/p>\n\n<p><strong>Empfehlungen f\u00fcr die Praxis<\/strong><\/p>\n\n<p>Was sollten entwicklungspolitische Akteure also beachten, wenn sie in akuten Gewaltkontexten arbeiten? Aus der Debatte ergaben sich dazu zwei Ansatzebenen: zum einen die Ausrichtung auf erreichbare positive Effekte \u201c (what works) sowie zum anderen das Vermeiden nachweislich gescheiterter Strategien (what doesn\u2019t work). Die vorgestellten Studien und Analysen geben handlungsleitende Hinweise f\u00fcr beide Dimensionen:  <\/p>\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>What works: positive Effekte haben demnach kleinr\u00e4umige Ans\u00e4tze auf lokaler Ebene, die partizipativ gestaltet werden und mit direktem \u201ekonsumierbaren\u201c Nutzen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung verbunden sind (Relief-Dimension von EZ). Eine weitere Anforderung ist die Zusammenarbeit mit Umsetzungspartnern, die vor Ort anerkannt und legitimiert sind. <\/li>\n\n\n\n<li>What doesn\u2019t work: aus den bisherigen Praxiserfahrungen lassen sich Ausschlusskriterien f\u00fcr das EZ-Handeln in akuten Gewaltkontexten ableiten, um negative Effekte f\u00fcr die Sicherheitslage zu vermeiden. Das gilt f\u00fcr die Auswahl von Aktivit\u00e4ten und lokalen Partnern sowie f\u00fcr Umsetzungsmodalit\u00e4ten. <\/li>\n<\/ol>\n\n<p>Aus beiden Ebenen lassen sich jeweils Orientierungspunkte f\u00fcr die Arbeit in Gewaltkonflikten entwickeln, die ein \u201eMainstreaming\u201c in die Projektaktivit\u00e4ten hinein erm\u00f6glichen. Patentrezepte f\u00fcr eine erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit in Gewaltkontexten gibt es jedoch nicht. <\/p>\n\n<p><strong>Zieldimensionen und Anforderungen an die EZ<\/strong><\/p>\n\n<p>In der Diskussion wurde deutlich, dass die Arbeit in akuten Gewaltkonflikten immer mit Abw\u00e4gungs- und Aushandlungsprozessen verbunden ist \u2013 und kontinuierlich auf Do-No-Harm Kriterien \u00fcberpr\u00fcft werden muss. Auch Aktivit\u00e4ten, die eine Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in den Mittelpunkt stellen, sind nie unpolitisch &#8211; sowohl in der Auswahl der Partner und Umsetzungsakteure als auch bei der Abw\u00e4gung inhaltlicher Priorit\u00e4ten und Gestaltungsprinzipien. <\/p>\n\n<p>Die hohen Erwartungen an die EZ, in akuten Gewaltkonflikten einen direkten Beitrag zu gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen und Friedensf\u00f6rderung leisten zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen \u00fcberdacht werden. Wenn durch EZ-Aktivit\u00e4ten die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort verbessert werden, k\u00f6nnen diese Beitr\u00e4ge jedoch das Fundament f\u00fcr eine aktive Friedensf\u00f6rderung nach Kriegsende bilden. Ausschlaggebend daf\u00fcr ist, dass f\u00fcr die EZ-Leistungen in der akuten Konfliktphase grundlegende Umsetzungskriterien wie der Menschenrechtsansatz, Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe gewahrt werden. Eine zweite wesentliche Bedingung ist die Anschlussf\u00e4higkeit der EZ-Aktivit\u00e4ten f\u00fcr Unterst\u00fctzungsleistungen in weiteren Politikfeldern bzw. zwischen den einzelnen Nexus-Ebenen.   <\/p>\n\n<p><strong>N\u00e4chste Schritte<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine wichtige Erkenntnis \u00fcber die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit in akuten Gewalt-konflikten ist somit: EZ-Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen unter diesen Bedingungen auch positive Effekte generieren, solange die Beitr\u00e4ge den Menschen in Krisensituationen direkt zugutekommen. Entscheidend daf\u00fcr sind ein reduziertes Ambitionsniveau und kleinr\u00e4umige Ans\u00e4tze mit anerkannten lokalen Umsetzungspartnern. <\/p>\n\n<p>Wie sich diese Ausrichtung in handlungsleitende Kriterien f\u00fcr die bi- und multilaterale EZ f\u00fcr unterschiedliche Auspr\u00e4gungen von Gewaltkontexten \u00fcbersetzen und als \u201eMainstreaming\u201c in politische Entscheidungsprozesse \u00fcbertragen lassen, bleibt eine zentrale Frage f\u00fcr den weiteren Dialog. Aus der Diskussion wurde dazu konkretes Interesse an einem weiteren Austausch deutlich. Auch f\u00fcr die FriEnt-Arbeit bleiben diese Fragestellungen weiter aktuell und geben Impulse f\u00fcr den Politikdialog.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Kriegssituationen k\u00f6nnen EZ-Aktivit\u00e4ten im schlimmsten Fall negative Folgen f\u00fcr die Sicherheitslage haben. Positive Wirkungen sind aber m\u00f6glich, wenn die Beitr\u00e4ge den Menschen direkt zugutekommen. Entscheidend daf\u00fcr sind ein reduziertes Ambitionsniveau und kleinr\u00e4umige Ans\u00e4tze mit vertrauensw\u00fcrdigen lokalen Umsetzungspartnern. So lautet die zentrale Erkenntnis eines FriEnt-Fachgespr\u00e4chs zum Nexus Sicherheit, Entwicklung, Frieden. 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