{"id":6754,"date":"2020-06-07T02:35:00","date_gmt":"2020-06-07T00:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/der-ansatz-viel-hilft-viel-ist-gescheitert\/"},"modified":"2025-01-21T16:19:40","modified_gmt":"2025-01-21T15:19:40","slug":"der-ansatz-viel-hilft-viel-ist-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/der-ansatz-viel-hilft-viel-ist-gescheitert\/","title":{"rendered":"Der Ansatz \u201eViel hilft Viel\u201c ist gescheitert"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Im Auftrag des BMZ haben renommierte Experten das langj\u00e4hrige Engagement internationaler Geber in Afghanistan ausgewertet. Daraus k\u00f6nnen Ableitungen f\u00fcr die k\u00fcnftige Aufstellung der Gebergemeinschaft gezogen werden. <\/strong><\/p>\n\n<p>Seit mehr als 18 Jahren engagiert sich die Bundesregierung in Afghanistan und erlebt dort die besonderen Herausforderungen der Entwicklungszusammenarbeit in einem von Krieg und Terror gezeichneten Land. Vor diesem Hintergrund hat das zust\u00e4ndige Regionalreferat des BMZ seit dem Jahr 2005 mehrere Evaluierungen und Portfolio-Reviews mit externen Gutachtern durchgef\u00fchrt und ein System zum Monitoring der Ma\u00dfnahmen aufgebaut. F\u00fcr den Zeitraum 2021\/22 plant das BMZ eine Portfolio Review oder Evaluierung (abh\u00e4ngig von der Sicherheitslage). Um daf\u00fcr eine Datenbasis zu erhalten, hat das Ministerium Professor Christoph Z\u00fcrcher von der Universit\u00e4t Ottawa beauftragt, eine Meta-Review von Evaluierungen internationaler Geber im Zeitraum 2008 \u2013 2018 durchzuf\u00fchren. Die Review soll dem Evaluationsteam belastbare Daten an die Hand geben, wie es um die Sektoren bestellt ist, in denen die Bundesregierung agiert und was dies f\u00fcr ihr zuk\u00fcnftiges Engagement bedeutet. Zudem sollte f\u00fcr das BMZ eine analytische Grundlage geschaffen werden, um zu kl\u00e4ren, wie sich die internationale Gemeinschaft in Afghanistan zuk\u00fcnftig und im kommenden Friedensprozess am besten aufstellt.     <\/p>\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollten aus den Erfahrungen Ans\u00e4tze f\u00fcr andere fragile Kontexte, zum Beispiel Irak, Libyen, Mali oder Syrien abgeleitet werden. Mittels einer systematischen Literaturrecherche haben Prof. Z\u00fcrcher und sein Team englischsprachige Publikationen aus dem Zeitraum 2008-2018 identifiziert. Sie durchsuchten sechs gro\u00dfe Datenbanken und recherchierten zus\u00e4tzlich manuell Studien aller OECD\/DAC-L\u00e4nder, multilateraler Geber (Weltbank, Asiatische Entwicklungsbank, UNO), NGOs sowie Publikationen des Special Inspector General for the Reconstruction of Afghanistan (SIGAR). Anhand von strengen Inklusionskriterien w\u00e4hlten sie 148 Evaluierungen aus, teilten sie in f\u00fcnf Gruppen auf, analysierten und fassten sie und in der Meta-Review zusammen. Entstanden sind daraus f\u00fcnf Berichte sowie das zusammenfassende (Chapeau-)Papier: <em>Meta-Review of Evaluations of Development Assistance to Afghanistan, 2008 \u2013 2018.<\/em>    <\/p>\n\n<p><strong>Es gelang kaum, die hereinstr\u00f6menden Mittel produktiv zu nutzen<\/strong><\/p>\n\n<p>Die Meta-Review ist der zurzeit umfangreichste systematische \u00dcberblick \u00fcber den Stand der internationalen Bem\u00fchungen in Afghanistan. Das Chapeau-Papier beleuchtet die Ergebnisse in dem Kontext, den die internationale Gemeinschaft vorfand. Zu nennen sind hier insbesondere Krieg, Terror und eine immer schlechtere Sicherheitslage. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die komplexe politische \u00d6konomie der afghanischen Gesellschaft mit ihren unberechenbaren Eigendynamiken. Von Tag eins an war die Gebergemeinschaft mit einem fragmentierten, instabilen politischen Umfeld konfrontiert, in dem es den Eliten teils an Reformwillen und vor allem an Kapazit\u00e4ten fehlte. Deshalb gelang es kaum, die hereinstr\u00f6menden Mittel produktiv zu nutzen und zu steuern.     <\/p>\n\n<p>Auch die Unterst\u00fctzung von Ma\u00dfnahmen in sensiblen Sektoren wie Good Governance, Gender, Menschenrechte, Dezentralisierung und Antikorruption hielt sich in Grenzen. Insbesondere die SIGAR-Berichte belegen Rent-Seeking-Verhalten und Korruption, die wiederum das Misstrauen der Bev\u00f6lkerung in die Regierung sch\u00fcrten. Im Gesamtkontext ist aber auch die politische \u00d6konomie der Gebergemeinschaft in Frage zu stellen. Sie stand unter einem enormen Handlungsdruck durch die Politik: Unter schwierigsten Sicherheitsbedingungen sollte sie schnelle Ergebnisse erzielen und die K\u00f6pfe und Herzen der Bev\u00f6lkerung gewinnen. Grunds\u00e4tze wie Wirksamkeit und Nachhaltigkeit wurden dabei mitunter hinten angestellt.    <\/p>\n\n<p><strong>Am besten funktionieren kleine, lokal eingebettete Projekte<\/strong><\/p>\n\n<p>Bemerkenswert ist, dass die Befunde zu den Sektoren Governance, Afghanistan Reconstruction Trust Fund (ARTF), sub-nationale Regierungsf\u00fchrung, Stabilisierung, Bildung, Gesundheit, Gender, nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, Infrastruktur und Kapazit\u00e4tsentwicklung in allen f\u00fcnf Berichten sehr \u00e4hnlich ausfallen. Es hat beachtliche Erfolge gegeben \u2013 der Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung, Grundbildung, Elektrizit\u00e4t und sauberem Trinkwasser wurde verbessert, Stra\u00dfen und Br\u00fccken wiederaufgebaut, rudiment\u00e4re staatliche Dienstleistungen geschaffen. Kleine Infrastruktur und Ausbildung haben die Lebensgrundlagen in l\u00e4ndlichen Gemeinden verbessert \u2013 doch die meisten der ehrgeizigeren Ziele wurden verfehlt.  <\/p>\n\n<p>Insgesamt sticht ein Befund deutlich heraus: Die internationale Gemeinschaft hat wiederholt \u00fcbersch\u00e4tzt, was sie selbst und ihre afghanischen Partner leisten k\u00f6nnen, um einen raschen sozialen Wandel herbeizuf\u00fchren. Am besten funktioniert haben bescheidene, lokal eingebettete Projekte mit unmittelbarem, greifbarem Nutzen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Komplexe Projekte, die auf wirtschaftliche Entwicklung, Verhaltens\u00e4nderungen, den Aufbau institutioneller Kapazit\u00e4ten in der afghanischen Verwaltung, Rechtsstaatlichkeit oder Gender abzielten, waren selten erfolgreich. Aufgrund der schwachen institutionellen Kapazit\u00e4ten stellen fast alle Evaluierungen in Frage, dass die Ergebnisse nachhaltig Bestand haben. Die meisten Evaluierungen weisen darauf hin, dass die Erfolgsma\u00dfst\u00e4be unklar und die Monitoring- und Evaluationssyteme der Geber ungen\u00fcgend sind. Wirkungen und Ergebnisse seien so nur schwer messbar und damit fehle die Grundlage, um zu lernen und sich konzeptionell und operativ besser aufzustellen. Der vielleicht bizarrste Befund der Meta-Review ist, dass trotz zahlreicher kritischer Evaluierungen nur wenige Geber ihre Ans\u00e4tze grundlegend ver\u00e4ndert haben.      <\/p>\n\n<p><strong>Nachhaltigkeit sicherstellen und evaluieren<\/strong><\/p>\n\n<p>Seit dem Abzug der ISAF (International Security Assistance Force) Mission der NATO im Jahr 2014 hat das Afghanistan-Referat, unter anderem aufgrund der Beratung von Professor Z\u00fcrcher, viele der Erkenntnisse der Meta-Review antizipiert und aufgegriffen. Das Portfolio wurde kontinuierlich angepasst und bei der Implementierung wird zum Beispiel deutlich mehr Wert auf Capacity Building gelegt, um den nachhaltigen Betrieb und die Wartung der get\u00e4tigten Investitionen sicherzustellen. Einiges bleibt noch zu tun: Es geht vor allem darum, die Ma\u00dfnahmen noch st\u00e4rker im systemischen Kontext zu denken, das polit-\u00f6konomische Umfeld und die Anreizstrukturen zu analysieren sowie konzeptionell zu internalisieren und die Ma\u00dfnahmen nach der \u00dcbergabe durch ein Ex-post Monitoringsystem zu beobachten. Auf diese Weise k\u00f6nnen wir die Evaluierbarkeit verbessern, langfristige Wirkungen genauer messen, mehr \u00fcber das sozio-kulturelle Umfeld lernen und begreifen, warum bestimmte Dinge funktionieren und andere nicht.   <\/p>\n\n<p><strong>Zeit, um selbstkritisch Lehren zu ziehen und umzudenken<\/strong><\/p>\n\n<p>Vielleicht zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in Afghanistan, dass der Ansatz \u201eViel hilft viel\u201c nicht selten das Gegenteil bewirkt. Die Ergebnisse der Meta-Review stimmen sehr nachdenklich, sie sind unbequem f\u00fcr die internationale Gebergemeinschaft und das ist positiv zu bewerten. Denn vor allem sollten wir die Meta-Review als eine gro\u00dfartige Chance begreifen, selbstkritisch Lehren zu ziehen und zu lernen. F\u00fcr alle internationalen Geber gilt es, sich zuk\u00fcnftig und im kommenden Friedensprozess besser abzustimmen. Dazu geh\u00f6rt auch, realistischere und verbindliche Ziele zu setzen und mehr Wert auf Wirksamkeit und Nachhaltigkeit zu legen. Vor allem m\u00fcssen wir die Anstrengungen verst\u00e4rken, die Korruption zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und Konflikt treibende Ursachen wie Zugang zu Land, Wasser und Ressourcen zu entsch\u00e4rfen, um den Menschen in Afghanistan nach mehr als 18 Jahren Krieg endlich eine Perspektive zu geben.     <br\/><br\/>Die Berichte der Meta-Review sowie des Evaluierungs- und Monitoringansatzes des Afghanistan-Regionalreferats des BMZ k\u00f6nnen <a href=\"https:\/\/www.ez-afghanistan.de\/en\/page\/results-german-cooperation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier <\/a>abgerufen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Auftrag des BMZ haben renommierte Experten das langj\u00e4hrige Engagement internationaler Geber in Afghanistan ausgewertet. 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