{"id":6796,"date":"2019-11-25T04:01:00","date_gmt":"2019-11-25T03:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/eine-aufgabe-fuer-politik-und-gesellschaft\/"},"modified":"2025-01-21T16:21:47","modified_gmt":"2025-01-21T15:21:47","slug":"eine-aufgabe-fuer-politik-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/eine-aufgabe-fuer-politik-und-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Eine Aufgabe f\u00fcr Politik und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Am 25.11.2019, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, luden FriEnt und medica mondiale e.V. zu einem Hintergrundgespr\u00e4ch zu Vergangenheitsarbeit nach sexualisierter Kriegsgewalt ein. Frauenrechtsverteidigerinnen aus Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo diskutierten mit politischen Entscheidungstr\u00e4ger*innen und Expert*innen \u00fcber ihre Erfahrungen in der Arbeit mit \u00dcberlebenden sexueller Kriegsgewalt. <\/strong><\/p>\n\n<p>Dr. Julia Lehmann (BMZ Referat Menschrechte, Gleichberechtigung, Inklusion) und Hady Riad (BMZ Referat Frieden und Sicherheit; Katastrophenrisikomanagement) wiesen auf die im September 2019 ver\u00f6ffentlichte ressortgemeinsame deutsche Strategie zur Unterst\u00fctzung von Vergangenheitsarbeit und Vers\u00f6hnung hin, in der die F\u00f6rderung von Geschlechtergerechtigkeit und die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt als wichtige Handlungsfelder verankert sind.<\/p>\n\n<p>W\u00e4hrend des Krieges in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 wurden bis zu 50.000 Frauen und M\u00e4dchen vergewaltigt, und auch w\u00e4hrend des Kosovo-Kriegs (1998\/1999) fielen sch\u00e4tzungsweise 20.000 Kinder, Frauen und M\u00e4nner systematischer, sexualisierter Gewalt zum Opfer. Nach jahrelanger Mobilisierung und politischem Druck von Frauenrechtsorganisationen wurde 2006 in Bosnien und Herzegowina und 2018 auch im Kosovo ein Gesetz erlassen, nachdem \u00dcberlebende sexueller Gewalt als \u201ezivile Opfer des Krieges\u201c anerkannt wurden und durch diesen Status eine monatliche Rente erhalten. Im Rahmen von Vergangenheitsarbeit sollen \u00dcberlebende so eine Anerkennung des erlebten Unrechts erfahren. Auch wenn dies bereits ein gro\u00dfer und hart erk\u00e4mpfter Fortschritt ist, so wird die Unterst\u00fctzung von \u00dcberlebenden sexualisierter Gewalt immer noch durch institutionelle H\u00fcrden und gesellschaftliche Stigmatisierungen erschwert, wie die drei eingeladenen Frauenrechtlerinnen schilderten.   <\/p>\n\n<p>So berichtete Sabiha Husi\u0107, Direktorin von Medica Zenica in Bosnien und Herzegowina, wie aus der anf\u00e4nglichen \u201eAkut-Hilfe\u201c f\u00fcr \u00dcberlebende sexualisierter Gewalt bald eine ganzheitliche Unterst\u00fctzung wurde, die professionelle psychosoziale Arbeit, rechtliche Beratung, medizinische Versorgung, die Bereitstellung von Verpflegung und Unterkunft sowie die F\u00f6rderung von Einkommen schaffenden Ma\u00dfnahmen einschlie\u00dft. Auch ist die Einbeziehung der \u201en\u00e4chsten Generation\u201c in die Aufarbeitung essentiell, um der transgenerationalen \u00dcbertragung von Trauma vorzubeugen \u2013 deshalb wird eine entsprechende Beratung auch f\u00fcr andere Familienangeh\u00f6rige angeboten. Die Pr\u00e4vention von transgenerationaler Traumatisierung f\u00f6rdert dabei den konstruktiven Umgang mit dem erlebten Unrecht auf gesamtgesellschaftlicher Ebene \u2013 und wirkt damit in hohem Ma\u00dfe friedensbildend. Dar\u00fcber hinaus setzt sich Medica Zenica auf gesamtgesellschaftlicher Ebene f\u00fcr die Rechte und Unterst\u00fctzung von \u00dcberlebenden in Bosnien und Herzegowina ein. So k\u00e4mpfte Medica Zenica mit 20 weiteren NGOs und mit der Unterst\u00fctzung von weiblichen Parlamentsabgeordneten darum, dass \u00dcberlebende von sexualisierter Gewalt den \u201eStatus des zivilen Kriegsopfers\u201c beantragen k\u00f6nnen. Dieser Status, so war die Hoffnung, sollte den \u00dcberlebenden die soziale Anerkennung ihrer Unrechtserfahrungen symbolisieren und eine finanzielle Unterst\u00fctzung (ungef\u00e4hr 275-300 Euro) darstellen.     <\/p>\n\n<p>Doch leider sehen sich die \u00dcberlebenden erheblichen Schwierigkeiten bei den administrativen Abl\u00e4ufen im Rahmen der Antragstellung ausgesetzt: das Verfahren ist langwierig, intransparent und kompliziert und wirkt in vielen F\u00e4llen re-traumatisierend. Auch treffen die \u00dcberlebenden auf \u00fcberwiegend negative Reaktionen beim Erhalt des Status und der Inanspruchnahme der Rente, wie Mirlinda Sada, Direktorin von Medica Gjakova, Kosovo, erz\u00e4hlt. Viele bevorzugen ihre Erlebnisse zu verschweigen, statt sich Stigmatisierung und Ausgrenzung im famili\u00e4ren und gesellschaftlichen Umfeld auszusetzen.  <\/p>\n\n<p>Auch Dr. Feride Rushiti, Direktorin des Kosova Rehabilitation Centre for Torture Victims, beschreibt, dass sich m\u00e4nnliche Kriegsveteranen oft als Kriegshelden verstehen und auch so von ihrem Umfeld gesehen werden. Vom Krieg betroffene Frauen nehmen diesen Status jedoch nicht als Ausdruck sozialer Anerkennung wahr und werden von ihrem Umfeld nicht so gesehen. Vielmehr haben Folter und sexualisierte Gewalt w\u00e4hrend des Krieges die bereits existierende Gender-Ungerechtigkeit noch weiter vorangetrieben. Ihre Advocacy-Arbeit bezieht sich daher weiterhin einerseits auf die direkte Unterst\u00fctzung von \u00dcberlebenden und ihren Partizipationsm\u00f6glichkeiten, etwa wenn es um die Gr\u00fcndung eigener Frauenrechtsorganisationen geht. Andererseits arbeitet das Centre auch auf institutioneller Ebene daf\u00fcr, dass es zu einer Anerkennung von \u00dcberlebenden kommt und zu Gerichtsurteilen, die die T\u00e4ter zur Verantwortung ziehen.    <\/p>\n\n<p>In der folgenden offenen Diskussion wurden Erfahrungen aus anderen regionalen Kontexten wie der Ukraine und Irak geteilt und auf Kontinuit\u00e4ten von Kriegsgewalt und h\u00e4uslicher Gewalt gegen Frauen hingewiesen. Mit Blick auf die deutsche Strategie zu Vergangenheitsarbeit und Vers\u00f6hnung und der expliziten Unterst\u00fctzung von \u00dcberlebenden sexueller Gewalt wurde festgehalten, dass die (finanzielle) Unterst\u00fctzung von Seiten der deutschen Regierung wichtig ist, um Frauenrechtsorganisation weiterhin in ihrer vielf\u00e4ltigen Arbeit gegen gesellschaftliche Stigmatisierung und f\u00fcr die Belange der \u00dcberlebenden zu unterst\u00fctzen und dazu beizutragen, dass mehr Frauen den Status als \u201ezivile Kriegsopfer\u201c beantragen und wirtschaftlich und politisch gest\u00e4rkt werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25.11.2019, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, luden FriEnt und medica mondiale e.V. zu einem Hintergrundgespr\u00e4ch zu Vergangenheitsarbeit nach sexualisierter Kriegsgewalt ein. 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