{"id":6800,"date":"2019-07-24T04:13:00","date_gmt":"2019-07-24T02:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/wie-gewalt-im-streit-um-land-verhindert-werden-kann\/"},"modified":"2025-01-21T16:21:49","modified_gmt":"2025-01-21T15:21:49","slug":"wie-gewalt-im-streit-um-land-verhindert-werden-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/wie-gewalt-im-streit-um-land-verhindert-werden-kann\/","title":{"rendered":"Wie Gewalt im Streit um Land verhindert werden kann"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wer das Recht hat, Land zu nutzen, ist eine hochpolitische Frage mit gewaltigem Konfliktpotenzial. Wenn es um Land geht, dann stehen oft marginalisierte, indigene Bev\u00f6lkerungsgruppen, Frauen und Kinder staatlich unterst\u00fctzten Gro\u00dfkonzernen gegen\u00fcber: Traditionelle Nutzungsrechte und die Sicherung der eigenen Lebensgrundlage versus Profitinteressen. <\/strong><\/p>\n\n<p>Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt), der die FES angeh\u00f6rt, betrachtet in ihrem neuen Dossier \u201eLand and Conflict Prevention &#8211; How integrated solutions can help achieve the Sustainable Development Goals\u201c den Zusammenhang zwischen Gewaltkonflikten, Zugang zu Land und Geschlecht. Praxisbeispiele zeigen auf, wie gewaltsame Auseinandersetzungen um Land und Ressourcen verhindert werden k\u00f6nnen und welche Rolle Frauen dabei spielen. Dabei wird klar: Das Nachhaltigkeitsziel \u201eFriedliche Gesellschaften\u201c ist eng verbunden mit anderen Zielen aus der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, etwa dem zu Ern\u00e4hrungssicherheit.  <\/p>\n\n<p>Wir sprachen mit den zwei Initiator*innen des Dossiers, Caroline Kruckow und Marc Baxmann von FriEnt, dar\u00fcber, warum die Landfrage immer brisanter wird. Und warum es gerade in diesem Jahr so wichtig ist, dass sich die UN verst\u00e4rkt dem Ziel \u201eFriedliche Gesellschaften\u201c widmen, und welche Bedeutung zivilgesellschaftliche Organisationen und Aktivist*innen haben, die sich f\u00fcr gerechten Zugang zu Land einsetzen. <\/p>\n\n<p><strong>FES: Warum kommt es immer h\u00e4ufiger zu Konflikten dar\u00fcber, wer Land nutzen darf?<\/strong><\/p>\n\n<p>Caroline Kruckow und Marc Baxmann: Der Zugang zu Land und dessen Nutzung ist in vielen Weltregionen f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lebenswichtig. Durch den Klimawandel, Ern\u00e4hrungskrisen und wirtschaftliche Interessen wird Land immer wertvoller; wird Landbesitz zu einer zunehmend relevanten \u00f6konomischen Gr\u00f6\u00dfe und damit gleichzeitig zu einer Konfliktressource. <\/p>\n\n<p>Dabei tragen Land und Landbesitz sowie Nutzungsrechte an Land nicht nur zur Ern\u00e4hrungssicherung und Agrarproduktion bei, sondern beinhalten zudem wichtige soziokulturelle Aspekte. Denn Zugang zu Land ist vor allem f\u00fcr marginalisierte, an den Rand gedr\u00e4ngte Gemeinschaften und indigene Bev\u00f6lkerungsgruppen nicht gesichert. Obwohl sie h\u00e4ufig das Land seit Generationen nutzen und dort leben, sind ihre Landrechte nicht anerkannt oder werden nicht ber\u00fccksichtigt. Vielfach m\u00fcssen sie gro\u00dfen Bergbau-, Infrastruktur-, Agrar- oder Investmentprojekten weichen und werden gewaltsam vertrieben.   <\/p>\n\n<p>Unklare Rechtslagen und Landbesitzverh\u00e4ltnisse oder Nutzungskonkurrenzen, zum Beispiel zwischen Ackerb\u00e4uer*innen und Wanderhirten, k\u00f6nnen auf lokaler Ebene Konflikte ausl\u00f6sen, die vielfach auch gewaltsam ausgetragen werden. Diese Konfliktdynamiken werden verst\u00e4rkt, wenn Land, Wasser, Fischgr\u00fcnde und W\u00e4lder zus\u00e4tzlich durch bereits genannte Faktoren wie Gro\u00dfprojekte, Klimawandel, Bev\u00f6lkerungswachstum oder Kriege und Naturkatastrophen knapp werden. <\/p>\n\n<p><strong>Welche Bedeutung haben Landkonflikte f\u00fcr Frauen?<\/strong><\/p>\n\n<p>In vielen L\u00e4ndern haben Frauen keine gesicherten Landrechte und sind entsprechend besonders betroffen, wenn es zu Konflikten um Landnutzung kommt. Zugleich spielen sie, wie wir alle schon lange wissen, f\u00fcr die Ern\u00e4hrungssicherung, aber auch f\u00fcr Konfliktbearbeitung und die F\u00f6rderung friedlicher Gesellschaften eine besondere Rolle. <\/p>\n\n<p><strong>Landkonflikte sind in der Regel r\u00e4umlich stark begrenzte, lokale Konflikte. Sind sie auf internationaler Ebene \u00fcberhaupt ein Thema, zum Beispiel bei den Vereinten Nationen? <\/strong><\/p>\n\n<p>Die Dringlichkeit der Landfrage \u2013 nicht zuletzt als Quelle f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Konflikte in vielen Staaten des Globalen S\u00fcdens \u2013 wurde j\u00fcngst auch von internationalen Organisationen anerkannt. Als Meilensteine k\u00f6nnen die Studie \u201ePathways for Peace\u201c der Vereinten Nationen (UN) und der Weltbank aus dem Jahr 2018 sowie der gerade erst im M\u00e4rz 2019 erschiene UN-Leitfaden \u201eThe United Nations and Land and Conflict\u201c gelten. <\/p>\n\n<p>In \u201ePathways for Peace\u201c heben die UN und die Weltbank hervor, dass Krisenpr\u00e4ventionsstrategien wesentliche Risiken aufnehmen sollen, darunter Zugang zu Land, Abbau von Rohstoffen, Sicherheit, Justiz und Rechtsstaatlichkeit sowie die Bereitstellung von Basisdienstleistungen.<\/p>\n\n<p>Der verbindliche Leitfaden \u201eThe United Nations and Land and Conflict\u201c fordert die einzelnen UN-Unterorganisationen sowie die Mitgliedstaaten auf, Landkonflikte als Ursache von gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen koh\u00e4rent anzugehen. Dazu dienen explizit auch Strategien, die auf Pr\u00e4vention abzielen. Grunds\u00e4tzliches Ziel ist die breitfl\u00e4chige und inklusive L\u00f6sung von Landkonflikten, was unter anderem die St\u00e4rkung der landspezifischen Rechte von indigenen Bev\u00f6lkerungsteilen und Frauen miteinschlie\u00dft.  <\/p>\n\n<p><strong>Bei den Vereinten Nationen in New York tagte gerade, Mitte Juli 2019, das High Level Political Forum. Es \u00fcberpr\u00fcft j\u00e4hrlich, wie weit die Staatengemeinschaft dabei ist, die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zu erreichen. Wie kam es, dass Ihr Euer Dossier in diesem Rahmen erstmalig vorgestellt habt und was habt Ihr aus der Diskussion mitgenommen?  <\/strong><\/p>\n\n<p>Das High Level Political Forum (HLPF) hat sich in diesem Jahr zum ersten Mal auch das 16. Nachhaltigkeitsziel angeschaut. Damit setzt es ein Zeichen: SDG 16 steht f\u00fcr friedliche, gerechte und inklusive Gesellschaften und zielt auf die Reduktion und Pr\u00e4vention von Gewalt. Auf globaler Ebene ist es in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden, Initiativen zur Pr\u00e4vention und L\u00f6sung gewaltsamer Konflikte zu starten. SDG 16 sollte daher auf dem High Level Political Forum 2019 in New York ins Zentrum r\u00fccken \u2013 als positive Orientierung in Zeiten von steigender Gewalt und weltweiten autorit\u00e4ren Tendenzen.   <\/p>\n\n<p>FriEnt und seine Partnerorganisationen haben dies zum Anlass genommen und das Dossier zu Landkonflikten und der Pr\u00e4vention von Gewalt erarbeitet, auf dessen Grundlage wir einen eigenen Beitrag zum HLPF und zum thematischen Review von SDG 16 leisten k\u00f6nnen. Ziel des Projekts war es, herauszufinden, inwiefern es unterschiedliche Nachhaltigkeitsziele ber\u00fchrt und diese f\u00f6rdert, wenn die Landfrage angegangen wird. Die Beitr\u00e4ge im Dossier identifizieren positive Beispiele daf\u00fcr, wie Landkonflikte im Globalen S\u00fcden friedlich beigelegt werden konnten.  <\/p>\n\n<p>Darauf aufbauend konnten wir in New York erfolgreiche Wege und m\u00f6gliche Schwierigkeiten identifizieren und die internationale Diskussion um SDG 16, seinen Bezug zu Land sowie weitere Querverbindungen f\u00f6rdern.<\/p>\n\n<p><strong>Was genau meint Ihr, wenn Ihr von \u201eQuerverbindungen\u201c zwischen den Nachhaltigkeitszielen sprecht?<\/strong><\/p>\n\n<p>Laut Pr\u00e4ambel der Agenda 2030 sind \u201edie Querverbindungen zwischen den Zielen f\u00fcr nachhaltige Entwicklung und deren integrierter Charakter\u201c von ausschlaggebender Bedeutung. Die SDGs sollen sich gegenseitig unterst\u00fctzen. Der breite thematische Ansatz der SDGs erm\u00f6glicht es, bisher unterbelichtete Wechselwirkungen und Synergien von Frieden und nachhaltiger Entwicklung unter die Lupe zu nehmen und neue integrierte Ans\u00e4tze zu entwickeln. Gute Praxisbeispiele k\u00f6nnen hierf\u00fcr ebenso hilfreich sein wie neue, sektor\u00fcbergreifender Lern- und Umsetzungspartnerschaften.   <\/p>\n\n<p><strong>Und eine dieser Querverbindungen ist die zwischen dem Ziel \u201efriedliche Gesellschaft\u201c und der Landfrage?<\/strong><\/p>\n\n<p>Genau. Interessant ist, dass zwar kontinuierlich nach diesen Querverbindungen gesucht wird, der Zusammenhang zwischen SDG 16 und land-bezogenen Zielen bisher aber erstaunlich unterbelichtet ist. SDG 2 geht z.B. weit \u00fcber Ern\u00e4hrung im engeren Sinne hinaus und betont den sicheren und gleichberechtigten Zugang zu fruchtbarem Land. Darin werden Landrechte als Schl\u00fcssel zur Ern\u00e4hrungssicherheit und Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t definiert. Weil der Zugang zu und die Kontrolle \u00fcber Land und nat\u00fcrliche Ressourcen in vielen L\u00e4ndern eine zentrale Ursache von Gewalt, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen darstellt, ist die gemeinsame Umsetzung von SDG 2 und SDG 16 unabdingbar. In vielen Konflikt- und Postkonfliktkontexten ist der sichere und gleichberechtige Zugang zu Land eines der zentralen Themen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung und f\u00fcr die Zivilgesellschaft.     <\/p>\n\n<p><strong>Welche Rolle spielen zivilgesellschaftliche Gruppen und Aktivist*innen dabei, Konflikte um Land friedlich zu l\u00f6sen?<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine eigenst\u00e4ndig agierende Zivilgesellschaft und kritische Akteure mischen sich in die politisch sensiblen Themen wie Land und Frieden, Gender und Gewaltpr\u00e4vention ein und sind ein kritisches Gegen\u00fcber f\u00fcr Regierungen, Privatsektor und multilaterale Institutionen. Das muss anerkannt und unterst\u00fctzt werden. Die Fallbeispiele des Dossiers zeigen, welche reichhaltige konstruktive Konfliktbearbeitung und Gewaltpr\u00e4vention verschiedene engagierte, lokale Akteure leisten. Ohne diese zivilgesellschaftlichen Stimmen und die Anwaltschaft f\u00fcr alle Bev\u00f6lkerungsgruppen wird die Agenda 2030 und das Prinzip \u201aNiemanden zur\u00fcck zu lassen\u2018 nicht erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen.   <\/p>\n\n<p>Gerade deshalb ist es besorgniserregend, dass zivilgesellschaftliche Akteure derzeit massiv unter Druck stehen \u2013 die Zahl der in den vergangenen Jahren get\u00f6teten Landrechts- und Umweltaktivist_innen ist so hoch wie nie zuvor, wie Berichte u.a. von internationalen Organisationen wie Global Witness belegen.<\/p>\n\n<p><strong>Welche Empfehlungen leitet Ihr aus Eurem Dossier f\u00fcr Organisationen wie die FES und andere FriEnt-Mitglieder ab, die sich f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung einsetzen?<\/strong><\/p>\n\n<p>Die komplexen Zusammenh\u00e4nge zwischen globalen Ver\u00e4nderungen und lokalen bzw. regionalen Auseinandersetzungen und Interessengegens\u00e4tzen d\u00fcrfen nicht aus den Augen gelassen werden. Land und nat\u00fcrliche Ressourcen spielen ebenso wie Gendergerechtigkeit und Menschenrechte f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung und Gewaltpr\u00e4vention eine zentrale Rolle. <\/p>\n\n<p>F\u00fcr die politische Arbeit hei\u00dft das, diese Zusammenh\u00e4nge immer wieder zu verdeutlichen und darauf hinzuweisen, dass die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsziele miteinander verbunden sind. Gute Beispiele auf der lokalen wie auch regionalen Ebene gibt es, wie man an der Vielfalt der im Dossier zusammengetragenen Artikel aus aller Welt sieht. Aber h\u00e4ufig fehlt es an politischem Willen vor Ort, die SDGs ernsthaft, integriert und inklusiv umzusetzen. Und vor dem Hintergrund der vielfach gef\u00e4hrlicher werdenden Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteure fehlt es an Durchsetzungskraft gegen\u00fcber politischen Eliten, dem Wirtschaftssektor und internationalen Akteuren, um diese inklusiven Ans\u00e4tze auch gegen\u00fcber den politisch St\u00e4rkeren durchsetzen zu k\u00f6nnen.   <\/p>\n\n<p>FriEnt-Mitglieder k\u00f6nnen die im Dossier aufgef\u00fchrten Beispiele in ihrer eigenen Arbeit nutzen, um die politische Agenda zu beeinflussen und darauf hinzuwirken, dass die Verbindung von SDG 16 zu land- und genderbezogenen SDGs gest\u00e4rkt wird.<\/p>\n\n<p><em>Dieses Interview erschien erstmals<\/em><a href=\"https:\/\/www.fes.de\/themenportal-die-welt-gerecht-gestalten\/frieden-und-sicherheit\/artikel-in-frieden-und-sicherheit\/agenda-2030-wie-gewalt-im-streit-um-land-und-ressourcen-verhindert-werden-kann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>hier<\/em><\/strong><\/a><em> auf dem<\/em><a href=\"https:\/\/www.fes.de\/themenportal-die-welt-gerecht-gestalten\/frieden-und-sicherheit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>Themenportal Frieden und Sicherheit<\/em><\/strong><\/a><em>der Friedrich-Ebert-Stiftung<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer das Recht hat, Land zu nutzen, ist eine hochpolitische Frage mit gewaltigem Konfliktpotenzial. 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