{"id":6810,"date":"2019-02-04T04:40:00","date_gmt":"2019-02-04T03:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/feldstudien-zum-nigerischen-farmer-herder-konflikt\/"},"modified":"2025-01-21T16:22:14","modified_gmt":"2025-01-21T15:22:14","slug":"feldstudien-zum-nigerischen-farmer-herder-konflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/feldstudien-zum-nigerischen-farmer-herder-konflikt\/","title":{"rendered":"Feldstudien zum Nigerischen Farmer-Herder Konflikt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Seit Jahren wird Nigeria immer wieder von blutigen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen Pastoralist*innen und sesshaften b\u00e4uerlichen Gemeinschaften, den so genannten \u201eFarmer-Herder\u201c- Konflikten, ersch\u00fcttert. Die von Misereor finanzierte Feldstudien in in 2016-17, die nun in der Brosch\u00fcre &#8220;Towards a Peaceful Coexsistence between Farmers and Herders in Nigeria&#8221; zusammengefasst wurde, hatten das Ziel, die konkreten Konflikte Nigerias in 13 Zonen genauer zu untersuchen. <\/strong><\/p>\n\n<p><strong>Historische Entwicklung der \u201eFarmer-Herder\u201c-Konflikte<\/strong><\/p>\n\n<p>Die pastorale Tierhaltung ist eine f\u00fcr semi-aride Klimazonen gut angepasste Produktions- und Lebensweise, weil sie die nat\u00fcrlichen Schwankungen der Futterverf\u00fcgbarkeit in Folge hoher Klimavariabilit\u00e4t \u00fcber die Mobilit\u00e4t und das Management der Hirt*innen ausgleicht bzw. optimiert. Sie wird in den Sahel- und den K\u00fcstenl\u00e4ndern Westafrikas praktiziert. Die von der Tsetsefliege und damit von der Schlafkrankheit betroffenen s\u00fcdlicheren Landesteile Nigerias bildeten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine r\u00e4umliche Barriere f\u00fcr Vorst\u00f6\u00dfe pastoraler Gruppen aus dem Norden, da die meisten Wiederk\u00e4uer gegen diese Krankheit schutzlos sind. Das starke Bev\u00f6lkerungswachstum im nigerianischen \u201eMiddle Belt\u201c und die damit verbundene Zerst\u00f6rung des nat\u00fcrlichen Habitats der Tsetsefliege schuf weitr\u00e4umige neue Weidefl\u00e4chen. Auch der infrastrukturelle Ausbau von Stra\u00dfen und der Bau von Br\u00fccken \u00fcber die gro\u00dfen Fl\u00fcsse erleichterte es pastoralen Gruppen, Richtung S\u00fcden zu migrieren. Die meisten dieser zugewanderten Gruppen siedelten sich in ihren Zuzugszonen an. Sie betreiben als sogenannte \u201eAgro-Pastoralisten\u201c Ackerbau und f\u00fchren die mobile Tierhaltung parallel weiter. W\u00e4hrend in den n\u00f6rdlichen Landesteilen Nigerias Kontrakte zum Austausch von Dung gegen Hirsestroh bzw. Milch gegen Getreide zwischen Hirt*innen und b\u00e4uerlichen Gemeinschaften lange Tradition haben, blieben diese Kooperationsformen den Sesshaften im S\u00fcden bis heute fremd.       <\/p>\n\n<p><strong>Die nigerianische Politik missachtet die Rechte der Pastoralist*innen<\/strong><\/p>\n\n<p>Die steigende Bev\u00f6lkerungsdichte und die Konkurrenz um Land und nat\u00fcrliche Ressourcen sind die Hauptkonfliktursachen in Nigeria. Die nigerianische Politik hat es bisher vers\u00e4umt, etwa durch Instrumente der Landnutzungsplanung oder \u00e4hnliche ordnungspolitische Entscheidungen, Konflikte um Landnutzung und Konkurrenz um nat\u00fcrliche Ressourcen einzud\u00e4mmen. Im Gegenteil hat die Missachtung der gewohnheitsrechtlichen Nutzung von Wasser oder Weidefl\u00e4chen zu Gunsten des Ackerbaus die Konflikte eher gesch\u00fcrt. Beispielhaft seien hier zum einen ab den 1980er Jahren die Politik der Inwertsetzung von Flussniederungen durch den Ackerbau genannt (sog. <em>Fadama<\/em>-Progamme), zum anderen stellte man die finanzielle F\u00f6rderung der Weidezonen (sog. Grazing Reserves) f\u00fcr Pastoralist*innen ein und gab sie damit dem Verfall preis. Zusammengenommen verloren pastorale Gruppen \u00fcberall in Nigeria strategisch wichtige R\u00fcckzugszonen und ihre verbleibenden Ressourcen gerieten zunehmend unter Druck. Doch auch die von einigen Bundesstaaten seit 2016 verabschiedeten Gesetze, den Hirt*innen jegliche Mobilit\u00e4t zu verbieten und ihnen damit ihre Weiderechte zu entziehen, hat die Konflikte weiter angeheizt. Hassbeitr\u00e4ge in den sozialen Medien befeuern die Stimmung zus\u00e4tzlich.      <\/p>\n\n<p><strong>Aktuelle Konflikttreiber<\/strong><\/p>\n\n<p>In den letzten zwei Jahrzehnten haben eine Reihe von Faktoren die \u201eFarmer-Herder\u201c-Konflikte versch\u00e4rft. Dazu z\u00e4hlen die zunehmende Unsicherheit im Nordosten Nigerias in Folge der terroristischen \u00dcberf\u00e4lle durch Boko Haram und die damit verbundene Flucht und Vertreibung weiterer pastoraler Gruppen in den S\u00fcden. Der Krieg gegen Boko Haram tr\u00e4gt zur Verbreitung von Kleinwaffen innerhalb Nigerias bei und macht damit auch die \u201eFarmer-Herder\u201c-Konflikte blutiger. Zudem scheint der weitverbreitete Drogenkonsum unter jungen Erwachsenen die Hemmschwelle zur Gewaltt\u00e4tigkeit zu senken.   <\/p>\n\n<p><strong>Quo vadis Nigeria?<\/strong><\/p>\n\n<p>Die Feldstudien zeigen: es gibt auch positive Beispiele. In der Stadt Shendam haben lokale Autorit\u00e4ten \u00fcber ein Netzwerk strategischer Akteure ein Fr\u00fchwarnmechanismus zur Pr\u00e4vention aufgebaut, um eine Eskalation von Konflikten zwischen b\u00e4uerlichen Gemeinschaften und Hirt*innen zu vermeiden und deren friedliche Koexistenz zu erm\u00f6glichen. Das Beispiel zeigt, dass vielf\u00e4ltige L\u00f6sungen m\u00f6glich sind, wenn nur der politische Wille da ist.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahren wird Nigeria immer wieder von blutigen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen Pastoralist*innen und sesshaften b\u00e4uerlichen Gemeinschaften, den so genannten \u201eFarmer-Herder\u201c- Konflikten, ersch\u00fcttert. 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