{"id":6812,"date":"2019-02-04T04:36:00","date_gmt":"2019-02-04T03:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/vorstellung-der-progess-study-zu-jugend-frieden-sicherheit\/"},"modified":"2025-01-21T16:22:15","modified_gmt":"2025-01-21T15:22:15","slug":"vorstellung-der-progess-study-zu-jugend-frieden-sicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/vorstellung-der-progess-study-zu-jugend-frieden-sicherheit\/","title":{"rendered":"Vorstellung der Progess Study zu Jugend, Frieden, Sicherheit"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Junge Menschen sind das \u201efehlende Puzzlest\u00fcck\u201c in Friedensprozessen, lautet eine der Kernbotschaften der Global Progress Study zur Resolution 2250 \u201eYouth, Peace, Security\u201c (YPS), die im Herbst 2018 ver\u00f6ffentlicht wurde. \u00dcber 4000 junge Menschen aus 44 L\u00e4ndern und 7 Regionen waren in die Erstellung der Studie und in die Erarbeitung von Empfehlungen ma\u00dfgeblich involviert. Erstmalig r\u00fccken so ihre Vorstellungen zu Frieden sowie ihre Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt in den Vordergrund.  <\/strong><\/p>\n\n<p>Gemeinsam mit dem United Nations Populations Fund\/ Peacebuilding Support Office (UNFPA\/PBSO) hat FriEnt die Ergebnisse der Studie Anfang Dezember 2018 vorgestellt. Im Mittelpunkt der Diskussion stand dabei die Frage, wie die Empfehlungen auf internationaler Ebene und in Deutschland umgesetzt werden k\u00f6nnen. <\/p>\n\n<p><strong>Gewalt der Exklusion \u2013 zwischen jungen Menschen und gesellschaftlichen Akteuren und Strukturen<\/strong><\/p>\n\n<p>Graeme Simpson, leitender Autor der Progress Study, hob hervor, dass mangelndes Vertrauen zwischen jungen Menschen und staatlichen Institutionen oder gesellschaftlichen Akteuren eine zentrale Herausforderung sei. Junge Menschen f\u00fchlten sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen oder marginalisiert und n\u00e4hmen diese Gewalt der Exklusion als strukturelle Gewalt wahr. Gleichzeitig w\u00fcrden sie von staatlicher, gesellschaftlicher und \u00f6konomischer Seite misstrauisch als potentielles Sicherheitsrisiko betrachtet, was sich dann wiederum in diskriminierenden Politiken und Handeln in allen Lebensbereichen niederschlage. Simpson spricht hier von zunehmender \u201epolicy panic\u201c, wenn z.B. propagiert wird, dass die \u201eyouth bulge\u201c zu einer Zunahme von Gewalt f\u00fchre, oder dass v.a. junge Migranten als potentielle gewaltt\u00e4tige Extremisten dargestellt werden. F\u00fcr solche Vermutungen g\u00e4be es keine hinreichenden Belege, denn in Wirklichkeit sei die \u00fcberwiegende Mehrheit junger Menschen nicht gewaltt\u00e4tig \u2013 trotz der erfahrenen Diskriminierung und h\u00e4ufig erlebten Perspektivlosigkeit. Auch die den Diskurs dominierenden Genderstereotype, die junge M\u00e4nner auf die T\u00e4ter- und junge Frauen auf die Opferrolle festlegen, seien nicht hilfreich und w\u00fcrden von jungen Menschen nicht als repr\u00e4sentativ empfunden.     <\/p>\n\n<p><strong>Teilhabe ist nicht gleich Teilhabe<\/strong><\/p>\n\n<p>Stattdessen solle in die Potentiale und den Einfallsreichtum junger Menschen investiert und eine wirkliche Teilhabe erm\u00f6glicht werden. Allerdings \u00e4u\u00dfern sich junge Menschen kritisch dar\u00fcber, was Teilhabe bedeutet. Sie m\u00f6chten nicht f\u00fcr politische Zwecke kooptiert werden und sich auch nicht nur durch \u201eJugendprojekte\u201c abspeisen lassen. Stattdessen wollen sie den Raum haben, Lebensbereiche, die f\u00fcr sie relevant sind, auf allen Ebenen mitzugestalten. So reiche es z.B. nicht aus, Jobs f\u00fcr junge Leute zu schaffen. Zur Teilhabe an wirtschaftlichen Prozessen geh\u00f6re es auch, dass junge Menschen wirtschafts- oder entwicklungspolitische Entscheidungen in ihren L\u00e4ndern mitgestalten k\u00f6nnen, so Simpson.     <\/p>\n\n<p><strong>Junge Menschen kontext- und bed\u00fcrfnisabh\u00e4ngig unterst\u00fctzen<\/strong><\/p>\n\n<p>Um eine umfassende gesellschaftliche und politische Beteiligung zu erreichen \u2013 in Friedensprozesse, beim Wiederaufbau, bei der Bildung etc. \u2013 sollten Jugendprojekte der Entwicklungszusammenarbeit und Friedensf\u00f6rderung integriert und keine \u201esiloed\u201c Jugendprojekte sein. Hierf\u00fcr sollten die Agenden 2250 und 2419 (die die Relevanz der Resolution 2250 f\u00fcr die Sustaining Peace-Agenda hervorhebt) und die Empfehlungen der Progress Study in politische Strategien einflie\u00dfen. Dabei m\u00fcsse immer die Regel gelten: Erst die kontextabh\u00e4ngigen Bed\u00fcrfnisse und bereits bestehenden Initiativen der jungen Menschen zu erfragen und anschlie\u00dfend gemeinsam mit Ihnen Unterst\u00fctzungsoptionen zu entwickeln, so C\u00e9cile Mazzacurati, Leiterin des UNFPA\/ PBSO Sekretariats.  <\/p>\n\n<p>Denn junge Menschen haben Potentiale, die f\u00fcr friedensf\u00f6rdernde Ma\u00dfnahmen von entscheidender Bedeutung sein k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen auf Track III bis hin zu Track I-Ebene unter anderem als \u00dcbermittler zu ihren peer-groups und durch ihre Netzwerke agieren; sie k\u00f6nnen mit innovativen Methoden handeln und damit Protokolle sowie Prozesse ver\u00e4ndern oder durchbrechen. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen junge Menschen einzigartige Dialogr\u00e4ume kreieren. Sie k\u00f6nnen je nach Dialoginhalt in bestimmten Situationen neutraler und flexibler sein und ihre gelebten Erfahrungen mit einbringen, so Julian Demmer, Polis180 und Berghof Foundation.   <\/p>\n\n<p><strong>Friedenspotential junger Menschen f\u00fcr Europa<\/strong><\/p>\n\n<p>Julian Demmer war am Konsultationsprozess auf europ\u00e4ischer Ebene beteiligt. Die konsultierten jungen Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er waren sich einig, dass ihr Beitrag zum Erhalt bzw. Aufbau des europ\u00e4ischen Friedens wichtiger sei denn je. Das Friedenspotential junger Menschen in Europa w\u00fcrde noch viel zu wenig gesehen und gef\u00f6rdert. Die Teilnehmenden der Konsultationsprozesse wurden zwar sorgsam ausgesucht. Nichts desto trotz, bleiben Herausforderungen von Inklusivit\u00e4t und Diversit\u00e4t bestehen: Welche jungen Menschen muss man zusammenbringen, um die Jugend Europas abzubilden? Und wie kann man auch sozial benachteiligte Jugendliche erreichen?     <\/p>\n\n<p><strong>Internationales Momentum nutzen, um f\u00fcr Umsetzungsfinanzierung zur werben<\/strong><\/p>\n\n<p>Auf Nachfrage, was n\u00e4chste Schritte zur Umsetzung der Empfehlungen sein k\u00f6nnten, verwies C\u00e9cile Mazzacurati auf das High Level Political Forum 2019 zu SDG 16 und den deutschen Sitz im VN-Sicherheitsrat 2019\/20. So k\u00f6nne die Aufmerksamkeit auf die Agenda erh\u00f6ht und f\u00fcr mehr Finanzierung geworben werden, denn bis jetzt g\u00e4be es kaum Mittel, die Empfehlungen umzusetzen. Auch die UN Youth Envoy habe kaum Ressourcen zur Verf\u00fcgung. Bei der Umsetzung komme es darauf an, Fragen des sozialen Zusammenhalts, Marginalisierung und Exklusion als zentrale Themen anzusto\u00dfen, um mit Mythen im Zusammenhang mit jungen Menschen aufzur\u00e4umen, die bis heute Politikentscheidungen bestimmten.   <\/p>\n\n<p><strong>Umsetzung auf deutscher Ebene \u2013 Resolution 2250 ist in Leitlinien fest verankert<\/strong><\/p>\n\n<p>Die Resolution 2250 ist als ein Referenzrahmen in die Leitlinien der Bundesregierung \u201eKrisen verhindern, Konflikte bew\u00e4ltigen, Frieden f\u00f6rdern\u201c aufgenommen worden. Die Teilnehmenden stellten fest, dass das Thema Jugend, Frieden und Sicherheit in Deutschland auf institutioneller Ebene, z.B. in vielen Ministerien, bisher jedoch nicht verankert ist und sich kaum im politischen Diskurs und Handeln wiederspiegelt. Diejenigen Akteure, die in Deutschland und auf internationaler Ebene zu Aspekten der YPS-Agenda arbeiten, agieren allerdings noch zu sehr in Silos. Hier sollte man st\u00e4rker in den Austausch treten und voneinander lernen, und auch das Interesse der EU an dem Thema Jugend und Frieden nutzen \u2013 gerade in Zeiten, in denen positiver Frieden in Europa nicht als selbstverst\u00e4ndlich gelten kann.    <\/p>\n\n<p><strong>Derzeitige Projektlogiken k\u00f6nnen Bedarfe junger Menschen kaum einbinden<\/strong><\/p>\n\n<p>Als Herausforderung wurde auch identifiziert, dass die derzeit zur Verf\u00fcgung stehenden Instrumente und Prozesse der EZ nur unzureichend daf\u00fcr geeignet sind, wirkliche Teilhabe junger Menschen zu erm\u00f6glichen. Sie sind h\u00e4ufig in Projektlogiken verhaftet und erfordern eine \u201eNGOisierung\u201c junger Menschen, um z.B. finanzielle Unterst\u00fctzung zu erhalten. Solche Vorgaben zur Formalisierung und Kompartmentalisierung sind jedoch problematisch und k\u00f6nnen negative Folgen haben. Auch werden M\u00f6glichkeiten, junge Menschen in (deutsche) Entscheidungsprozesse und \u2013strukturen auf politischer, gesellschaftlicher und \u00f6konomischer Ebene, aber auch in Organisationen der EZ oder Jugendf\u00f6rderung (z.B. als Mitglieder in Entscheidungsgremien) mit einzubeziehen, bisher unzureichend identifiziert und genutzt.   <\/p>\n\n<p><strong>Lernen von der Umsetzung der Resolution 1325 \u201eFrauen, Frieden, Sicherheit\u201c<\/strong><\/p>\n\n<p>Kontrovers wurde auch diskutiert, inwiefern f\u00fcr die effektive Umsetzung der YPS-Agenda Strukturen und Prozesse \u00e4hnlich denen der Agenda 1325 \u201eFrauen, Frieden, Sicherheit\u201c notwendig sind. Allerdings sind die Erfahrungen aus der Umsetzung der Resolution 1325 z.B. mit nationalen Aktionspl\u00e4nen gemischt, und man sollte von diesen Erfahrungen lernen und sich nicht von der Abwesenheit von Strukturen l\u00e4hmen lassen. <\/p>\n\n<p>Eine vor allem f\u00fcr Deutschland und Europa spannende Frage, die zu weiterem Austausch zum Thema auffordert ist: Was bedeutet Jugendteilhabe in alternden Gesellschaften? Werden junge Menschen dann noch mehr ihre Stimme verlieren \u2013 und was bedeutet das f\u00fcr eine Demokratie? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Junge Menschen sind das \u201efehlende Puzzlest\u00fcck\u201c in Friedensprozessen, lautet eine der Kernbotschaften der Global Progress Study zur Resolution 2250 \u201eYouth, Peace, Security\u201c (YPS), die im Herbst 2018 ver\u00f6ffentlicht wurde. \u00dcber 4000 junge Menschen aus 44 L\u00e4ndern und 7 Regionen waren in die Erstellung der Studie und in die Erarbeitung von Empfehlungen ma\u00dfgeblich involviert. 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