{"id":9111,"date":"2020-07-07T19:38:00","date_gmt":"2020-07-07T17:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/covid-19-und-globale-lieferketten\/"},"modified":"2024-12-09T19:53:04","modified_gmt":"2024-12-09T18:53:04","slug":"covid-19-und-globale-lieferketten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/covid-19-und-globale-lieferketten\/","title":{"rendered":"Covid-19 und globale Lieferketten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung des Virus in China und sp\u00e4ter in der ganzen Welt haben den globalen Warenfluss zerr\u00fcttet. Zun\u00e4chst brachen die Exporte von Rohstofflieferungen ein, dann die Nachfrage aus den Konsuml\u00e4ndern der OECD-Welt. Die Krise wirft damit auch einen Scheinwerfer auf die sozialen Missst\u00e4nde in globalen Lieferketten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Menschenrechtsverletzungen in globalen Lieferketten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit langem zeichnen sich globale Lieferketten dadurch aus, dass die Menschen unter teils katastrophalen Bedingungen arbeiten m\u00fcssen. Nicht zuletzt werden ihre Arbeitsrechte und weitere grundlegende Menschenrechte systematisch verletzt. Jahrzehnte unternehmerischer Nachhaltigkeits-Programme, Multistakeholder-Initiativen und internationale Leits\u00e4tze haben daran kaum etwas ge\u00e4ndert. Durch die Folgen der Covid-19-Krise sind die Verlierer*innen dieser Strukturen deutlicher denn je erkennbar: Millionen von Arbeiter*innen stehen vor dem Nichts. Viele sind mit Gewalt konfrontiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bangladesch etwa wurden Warenbestellungen in einem Gesamtwert von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ilo.org\/asia\/publications\/issue-briefs\/WCMS_741642\/lang--en\/index.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">3,15 Millarden Dollar<\/a>\u00a0im Zuge der Pandemie storniert oder verschoben. Ende M\u00e4rz waren deshalb rund\u00a0<a href=\"https:\/\/ler.la.psu.edu\/gwr\/news-items\/Abandoned_CGWRWRCApril12020.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1,2 Millionen Arbeiter*innen<\/a>\u00a0ohne Einkommen, etwa ein Viertel der Textilarbeiter*innen im Land. Auch in Indien waren die Folgen des pl\u00f6tzlich durchgef\u00fchrten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/10d8f5e8-74eb-11ea-95fe-fcd274e920ca\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lockdowns am 24. M\u00e4rz dramatisch<\/a>. Mit der kurzfristig angek\u00fcndigten Schlie\u00dfung von M\u00e4rkten, Gesch\u00e4ften und Fabriken fanden in indischen St\u00e4dten nicht nur chaotische Notk\u00e4ufe, sondern auch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/coronavirus-in-indien-der-exodus-der-tageloehner-16703818.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">massive Migrationsbewegungen<\/a>\u00a0statt, denn die Arbeiter*innen \u2013 viele von ihnen Tagel\u00f6hner \u2013 mussten zur\u00fcck in ihre Heimatd\u00f6rfer, um in der Subsistenz ihr \u00dcberleben zu sichern. Die Massenbewegungen waren teilweise begleitet von heftiger Gewalt durch die Polizei oder hindu-nationalistische Milizen. Ein anderes dramatisches Beispiel ist Brasilien, das hinsichtlich der Covid19-Todesf\u00e4lle derzeit nur von den USA \u00fcbertroffen wird. Hier traf die Pandemie insbesondere die Arbeiter*innen in der Fleischindustrie. \u00c4hnlich\u00a0<a href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/chris\/AppData\/Local\/Temp\/%20https\/www.tagesschau.de\/regional\/nordrheinwestfalen\/toennies-fleischfabrik-corona-101.html\">wie in Deutschland<\/a>\u00a0mussten diese\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ufrgs.br\/jornal\/frigorificos-e-covid-19-no-rio-grande-do-sul\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">trotz des Lockdowns<\/a>\u00a0bei unzureichendem betrieblichen Gesundheitsschutz weiterarbeiten, mit den erwartbaren Folgen f\u00fcr das Leben und die Gesundheit vieler tausender Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fragile Struktur sozialer Mindeststandards<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Dramatik dieser Beispiele offenbart nicht nur einen teils fatalen politischen Umgang mit der Krise durch nationale Regierungen, sondern auch die fragile Struktur sozialer Mindeststandards in globalen Lieferketten. In der Pandemie brachen viele privatwirtschaftliche Zusicherungen zur \u00dcbernahme sozialer Verantwortung in sich zusammen. So war etwa vom vielfach beschworenen\u00a0<em>\u201a<\/em><a href=\"file:\/\/\/D:\/Literatur\/SOMO_et%2520al_Apr2020_responsible%2520disengagement%2520in%2520times%2520of%2520corona.pdf\"><em>responsible disengagement<\/em><\/a>\u2018 in Produktionsm\u00e4rkten nicht viel zu sehen: Diverse gro\u00dfe Markenfirmen und Einzelh\u00e4ndler erf\u00fcllten noch nicht einmal bestehende Vertragsverpflichtungen gegen\u00fcber Zulieferern, als die Krise aufkam. Sie beriefen sich stattdessen \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/verfassungsblog.de\/ein-lieferkettengesetz-wichtiger-denn-je\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">rechtlich durchaus fragw\u00fcrdig<\/a>\u00a0\u2013 auf Vertragsklauseln zu \u201ah\u00f6herer Gewalt\u2018. Gewerkschaften im Globalen S\u00fcden sind derweil angesichts unzureichender Freiheiten, gewaltsamer Repression und hoher Informalit\u00e4t der Arbeit oft schwach. In der jetzigen Krise k\u00f6nnen sie oft nicht mehr tun, als\u00a0<a href=\"http:\/\/cut.org.br\/noticias\/cut-rs-distribui-26-4-toneladas-de-alimentos-para-familias-carentes-durante-pand-cb04\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lebensmittelpakete gegen den Hunger<\/a>\u00a0zu verteilen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lieferkettengesetze wichtiger denn je<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Krise zeigt allzu deutlich, wie mangelhaft der Menschenrechtsschutz entlang der Lieferkette ist und wie dringend umfassende&nbsp;<a href=\"https:\/\/verfassungsblog.de\/ein-lieferkettengesetz-wichtiger-denn-je\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lieferkettengesetze<\/a>&nbsp;ben\u00f6tigt werden, gerade in \u00f6konomischen Krisenzeiten. Denn die Pandemie verst\u00e4rkt die Konfliktlinie zwischen betriebswirtschaftlicher Handlungslogik und menschenrechtlicher Sorgfalt. Dies wird nicht kurzfristig mit der Eind\u00e4mmung der Pandemie behoben sein. Daneben d\u00fcrften weiter geschw\u00e4chte Gewerkschaftsnetzwerke, Gewalt gegen organisierte Arbeiter*innen und zunehmende Militarisierung einem verbesserten Menschenrechtsschutz in der Zukunft noch st\u00e4rker entgegenstehen als bisher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung des Virus in China und sp\u00e4ter in der ganzen Welt haben den globalen Warenfluss zerr\u00fcttet. Zun\u00e4chst brachen die Exporte von Rohstofflieferungen ein, dann die Nachfrage aus den Konsuml\u00e4ndern der OECD-Welt. Die Krise wirft damit auch einen Scheinwerfer auf die sozialen Missst\u00e4nde in globalen Lieferketten. 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