{"id":9243,"date":"2021-03-15T17:44:00","date_gmt":"2021-03-15T16:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/das-deutsch-israelische-verhaltnis\/"},"modified":"2025-01-21T15:51:48","modified_gmt":"2025-01-21T14:51:48","slug":"das-deutsch-israelische-verhaltnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/das-deutsch-israelische-verhaltnis\/","title":{"rendered":"Das deutsch-israelische Verh\u00e4ltnis"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das deutsch-israelische Verh\u00e4ltnis wird als Prozess der &#8220;Vers\u00f6hnung&#8221; oder &#8220;Wiedergutmachung&#8221; mit J\u00fcdinnen und Juden gesehen. Die Konzentration auf die historische Verantwortung und das bis heute bestehende deutsche Streben nach Normalisierung hat aber zentrale Aspekte von Aufarbeitungsprozessen au\u00dfer Acht gelassen: eine tiefe gesellschaftliche Auseinandersetzung und die Infragestellung des ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Systems, auf dem der Nationalsozialismus entstehen konnte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diskussionen um den israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt finden in Deutschland vor dem Hintergrund einer postnationalsozialistischen Gesellschaft statt. Das f\u00fchrt teils zu bipolaren, vereindeutigenden Positionierungen, die mit \u201eradikalen Identifizierungen\u201c (Peter Ullrich) f\u00fcr die eine oder die andere Seite einhergehen. Der folgende Text beschr\u00e4nkt sich auf einige Aspekte im Handeln des westdeutschen Nachfolgestaats des \u201eDritten Reichs\u201c in dem was als Prozess der \u201eVers\u00f6hnung\u201c oder \u201eWiedergutmachung\u201c mit den Juden bezeichnet wird. Dabei wird gezeigt, dass es nicht allein die historische Verantwortung f\u00fcr den sich als j\u00fcdisch definierenden Staat war, der die deutschen Interessen leitete, als vielmehr das bis heute bestehende deutsche Streben nach Normalisierung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Sicherheit Israels als deutsche Staatsr\u00e4son?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt am 18.3.2008 vor dem israelischen Parlament, der Knesset, eine Rede \u00fcber das Verst\u00e4ndnis des au\u00dfenpolitischen Verh\u00e4ltnisses der Bundesrepublik Deutschland zu Israel: \u201eDiese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsr\u00e4son meines Landes. Das hei\u00dft, die Sicherheit Israels ist f\u00fcr mich als deutsche Bundeskanzlerin nicht verhandelbar.\u201c Merkels \u00c4u\u00dferung ist weniger spektakul\u00e4r, als die Rezeption es vermuten l\u00e4sst. Die Bundeskanzlerin kn\u00fcpft an ein Verst\u00e4ndnis an, welches sich bis in die 1950er-Jahre zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst. Genauer gesagt bildet das \u201eLuxemburger Abkommen\u201c vom 10. 9. 1952, unterzeichnet vom damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem israelischen Au\u00dfenminister Moshe Scharett, mit dem sich die BRD nach z\u00e4hen Verhandlungen zur Zahlung von gut drei Milliarden D-Mark an Entsch\u00e4digungsleistungen in Geld oder Waren verpflichtete. Die Unterzeichnung des in beiden L\u00e4ndern hoch umstrittenen Abkommens stellte den Gr\u00fcndungsakt der beidseitigen Beziehungen dar. F\u00fcr die israelische Seite war es zugleich ein \u201eAkt der Zuerkennung kollektiver Restitution f\u00fcr ein kollektiv ver\u00fcbtes Verbrechen\u201c und, nicht weniger wichtig, brachte es die \u201eAnerkennung der Juden als politisches Kollektiv\u201c (Dan Diner) mit sich. Der Vertrag w\u00e4re ohne das pers\u00f6nliche Engagement des israelischen Ministerpr\u00e4sidenten David Ben Gurion und des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer kaum zustande gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch der konservative Katholik Adenauer, Zeit seines Lebens kein Nazi, war nicht frei von antisemitischen Ressentiments. In einer Fernsehsendung vom 29.1.1965 \u00e4u\u00dferte er als Motiv f\u00fcr die deutsch-j\u00fcdische Vers\u00f6hnung: \u201cDie Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht untersch\u00e4tzen. Und daher habe ich sehr bewusst (&#8230;) meine ganze Kraft daran gesetzt, (&#8230;) eine Vers\u00f6hnung herbeizuf\u00fchren zwischen dem j\u00fcdischen Volk und dem deutschen Volk.\u201c Das Beispiel zeigt, wie Antisemitismus als \u201ekultureller Code\u201c (Shulamit Volkov) funktioniert. Adenauer greift hier das Stereotyp einer angeblich in den USA geballten Macht der Juden auf. Dabei ist er kein Einzelfall. Der Titel des 2020 erschienenen Buches \u201eGermany and Israel: Whitewashing and Statebuilding\u201c von Daniel Marwecki bringt das durch gegenseitige Instrumentalisierungen gepr\u00e4gte Verh\u00e4ltnis auf den Punkt. Israel, durch die arabischen Nachbarstaaten angefeindet bis zur Vernichtungsdrohung, war insbesondere in der Fr\u00fchphase nach der Staatsgr\u00fcndung, auf wirtschaftliche und milit\u00e4rische G\u00fcter zum Aufbau und zur Sicherung des Landes angewiesen. So war bis 1967, dem Jahr des israelisch-arabischen Sechstage-Krieges, die BRD, nicht die USA, zum wichtigsten Unterst\u00fctzer Israels geworden. Die deutsche Politik wiederum war im Zeichen des Kalten Krieges auf Westintegration angelegt und jenseits der Entnazifizierung nach 1945, die mit der Gr\u00fcndung der BRD bereits zu einer Re-Nazifizierung in Staat und Verwaltung durch die Einstellung ehemaliger Funktionseliten wurde, darum bem\u00fcht, einen Bruch mit der m\u00f6rderischen Vergangenheit zu proklamieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWiederkehr des Verdr\u00e4ngten\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von deutscher Seite her ist das deutsch-israelische Verh\u00e4ltnis verschiedentlich durch eine Mischung aus Philo- und Antisemitismus gepr\u00e4gt. Diese Melange liegt u.a. auch begr\u00fcndet in der Spezifik des Holocaust. Die deutsche T\u00e4terschaft und das \u201eVerbrechen gegen die Menschheit\u201c, in das die antisemitische Vernichtungspolitik kulminierte, lassen sich durch den universellen Charakter nicht einfach mit anderen Genoziden gleichsetzen. Obwohl die NS-Herrschaft besonders mit dem \u201eGeneralplan Ost\u201c auch koloniale Elemente aufwies, l\u00e4sst sich keine unmittelbare Kontinuit\u00e4t von den Kolonialverbrechen ableiten. Die Juden sollten nicht nur ausgepl\u00fcndert und ermordet werden. Vielmehr wurden sie als vermeintliche Gegenrasse, als Gegenprinzip, verfolgt. Deshalb gab es f\u00fcr die Einzelnen auch kein Entkommen. Gleich, ob sie zum Christentum konvertiert waren oder als Soldaten im Ersten Weltkrieg Orden erworben hatten, die Nazis wollten das von ihnen so bezeichnete j\u00fcdische Prinzip mit den Menschen ausrotten. In den Lagern wurde den Juden die Menschlichkeit genommen und sie wurden in Verwaltungsakten zu \u201eSchatten, Ziffern, Abstraktionen\u201c (Moishe Postone). Das macht die pr\u00e4zedenzlose Qualit\u00e4t des Holocaust aus. Antisemitismus als Welterkl\u00e4rung unterscheidet ihn vom Rassismus als Legitimatitonsideologie f\u00fcr die koloniale Ausbeutung. Dabei geht es nicht um eine Hierarchie, sondern um die bestimmte Differenz. Das staatliche deutsche, hier westdeutsche, Bestreben nach einer neuen Normalit\u00e4t nach 1945, das in der Bev\u00f6lkerung die Verdr\u00e4ngung eigener Schuld und Scham erleichterte, wurde durch den Kalten Krieg beg\u00fcnstigt und unterf\u00fcttert. Unter anderem konnten deshalb \u201edie Ursachen fortbestehen\u201c (Theodor W. Adorno), die zum Genozid an Juden sowie an Sinti und Roma f\u00fchrten. Der heute anwachsende Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsbev\u00f6lkerung l\u00e4sst sich auf eine oberfl\u00e4chliche Aufarbeitung und damit auf einer \u201eWiederkehr des Verdr\u00e4ngten\u201c (Dierk Juelich), selbstverst\u00e4ndlich nicht monokausal, zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das deutsche Beispiel zeigt, dass eine Aufarbeitung derartiger Massenverbrechen weitaus tiefer gehen muss als in Deutschland. So wichtig die W\u00fcrdigung der Opfer ist, sie ersetzt nicht die gesellschaftliche Auseinandersetzung, bis in die einzelnen Familien, und die Infragestellung des ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Systems, auf dem der Nationalsozialismus entstehen konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das deutsch-israelische Verh\u00e4ltnis wird als Prozess der &#8220;Vers\u00f6hnung&#8221; oder &#8220;Wiedergutmachung&#8221; mit J\u00fcdinnen und Juden gesehen. 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