{"id":9330,"date":"2021-02-25T18:33:00","date_gmt":"2021-02-25T17:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frient.de\/es-geht-hier-nicht-um-religion\/"},"modified":"2024-12-10T16:29:12","modified_gmt":"2024-12-10T15:29:12","slug":"es-geht-hier-nicht-um-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frient.de\/en\/artikel\/es-geht-hier-nicht-um-religion\/","title":{"rendered":"Es geht hier nicht um Religion"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Europaabgeordnete fordern, dass die EU angesichts der politischen Krise und humanit\u00e4ren Katastrophe in Cabo Delgado energischer eingreift. Das Narrativ des Religionskonfliktes verhindert L\u00f6sungen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit l\u00e4ngerer Zeit schwelt in der Provinz Cabo Delgado im Norden Mosambiks ein Konflikt, dessen Ausma\u00df erst jetzt auch in Europa wahrgenommen wird. Journalist*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen riskieren ihr Leben, wenn sie die Hintergr\u00fcnde recherchieren und die B\u00fcrger*innen informieren. Die mosambikanische Regierung hat die Armee aufgefordert, wachsam zu sein und alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um Bilder oder Nachrichten im Zusammenhang mit diesem Konflikt zu verhindern.<br>Warum aber ist es so wichtig f\u00fcr die Regierung, den Konflikt, der bereits mehr als 2.000 Tote und eine halbe Million Binnen-Fl\u00fcchtlinge verursacht hat, geheim zu halten? Und welche Rolle spielt Europa in diesem angeblich religi\u00f6sen Konflikt?<br><br>Die Angriffe der allgemein als Ahlu Sunnah Wa-Jama \u2013 und lokal als Al Shabab \u2013 bekannten Gruppe begannen im Jahr 2017. Ihre strategischen Ziele und Finanzierungsquellen sind unklar. Klar ist aber, dass der Konflikt mehr komplexe historische (aus Kolonialzeit und Dekolonialisierungskampf) und \u00f6konomische Urspr\u00fcnge hat als es die \u00d6ffentlichkeit, die EU und der Rest der Welt wahrnimmt. Letztlich geht es um den Zugang zu nat\u00fcrlichen Ressourcen, die f\u00fcr die lokale Bev\u00f6lkerung \u00fcberlebensnotwendig sind, aber auch den Wohlstand in Europa mehren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Entt\u00e4uschte Erwartungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Provinz Cabo Delgado geh\u00f6rt zu den \u00e4rmsten in Mosambik, obwohl sie reich ist an Ressourcen wie Gold, Edelsteinen, Graphit, Gas etc. Es gibt mehrere Unternehmen \u2013 oder m\u00e4chtige Organisationen \u2013 die Konzessionen f\u00fcr die Ausbeutung dieser Ressourcen besitzen. Allein das Projekt zur F\u00f6rderung von Gas am Rovuma-Becken ist mit mehr als 15 Milliarden Euro die aktuell gr\u00f6\u00dfte private Investition in Afrika. Zu den Investoren geh\u00f6ren europ\u00e4ische Firmen wie Total aus Frankreich, Exxon-Mobile aus der USA im Verbund mit ENI aus Italien, Galp aus Portugal und Siemens aus Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Investitionen weckten hohe Erwartungen bei der lokalen Bev\u00f6lkerung. Sie f\u00fchrten bis jetzt allerdings nicht dazu, dass die Menschen einen besseren Zugang zu Bildung oder Gesundheit h\u00e4tten oder gar neue Jobs geschaffen w\u00fcrden. Zumindest aktuell profitiert offenbar lediglich eine kleine Elite von den Investitionen, w\u00e4hrend immer mehr Familien unterhalb der Armutsgrenze leben: Sie verlieren ihre Lebensgrundlage durch Landraub zugunsten von Gro\u00dfprojekten oder k\u00f6nnen ihre Fischereigebiete nur noch schwer erreichen. Die Entt\u00e4uschung dar\u00fcber und die fehlenden Zukunftsperspektiven k\u00f6nnen zum Wiederaufleben alter Feindseligkeiten und zum Auftreten von aufst\u00e4ndischen Gruppen mit angeblich religi\u00f6ser Motivation beigetragen haben. Vor Ort, so unsere Partner, meint niemand, dass es sich hier um einen islamistisch motivierten Aufstand handeln w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vertrauen wiedergewinnen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch die letzte Attacke in der N\u00e4he der Investitionszone von \u201eTotal\u201c wird von lokalen Beobachtern nicht als direkter Angriff auf die Gasf\u00f6rderunternehmen gesehen. Sie wird dagegen als Zeichen der wachsenden Unzufriedenheit der Bev\u00f6lkerung gedeutet, die von diesen Investitionen nicht profitiert. Viele Betroffene sind offenbar nicht abgeneigt, sich den Rebellengruppen anzuschlie\u00dfen. Das gibt Grund zu vermuten, dass es sich hier um eine \u201eAntwort\u201c auf die gescheiterte Politik der Regierung in Maputo handelt. Daher ist es fraglich, ob milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung die Autorit\u00e4t des Staates wiederherstellen kann. Zumindest solange die Bev\u00f6lkerung den Staat nicht als legitim und sinnvoll betrachtet. Eine dringende Voraussetzung um die Region zu befrieden, ist es, die Rechtsstaatlichkeit in Mosambik herzustellen und Korruption zu bek\u00e4mpfen (auch bei den mit Oligarchen und Investoren verbundenen Sicherheitskr\u00e4ften). Damit lie\u00dfe sich das Vertrauen der gesamten Bev\u00f6lkerung in das \u201eRule of Law\u201c und die Politikf\u00e4higkeit der Regierung wiederherstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die mosambikanische Regierung hingegen will den Konflikt milit\u00e4risch l\u00f6sen. Das Europ\u00e4ische Parlament hat bereits im September 2020 in einer Resolution kritisiert, dass private Sicherheitsdienste aus den USA, aus Russland und S\u00fcdafrika hier agieren. Sie versch\u00e4rfen die Situation, in der auch das Milit\u00e4r Menschenrechtsverletzungen wie Folter und rechtsfreie T\u00f6tungen durchf\u00fchrt. Dies hat unter anderem Amnesty International dokumentiert (09.10.2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Europaabgeordnete fordern deshalb, dass die EU angesichts der politischen Krise und humanit\u00e4ren Katastrophe in Cabo Delgado energischer eingreift. Der Chef der europ\u00e4ischen Diplomatie hat den portugiesischen Au\u00dfenminister gebeten, nach Mosambik zu reisen, um die Situation in Cabo Delgado mit den \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden zu besprechen.<br>Aktuell plant die portugiesische Regierung, die derzeit die EU-Ratspr\u00e4sidentschaft innehat, ihrerseits die milit\u00e4rische Zusammenarbeit mit Mosambik zu verst\u00e4rken. Sie will die mosambikanischen Beh\u00f6rden im Kampf gegen den Terrorismus unterst\u00fctzen und damit die Beziehungen im Bereich der Sicherheit und Verteidigung zwischen Europa und Afrika st\u00e4rken (DW, 01\/21).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mehr Konzentration auf strukturelle Konfliktursachen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die bisherigen Antworten auf den Konflikt sind unangemessen \u2013 gerade angesichts des EU-Engagements f\u00fcr Menschenrechte. Stattdessen w\u00e4re es gut, den Blick auf die europ\u00e4ischen und globalen politischen und wirtschaftlichen Interessen hinter dem regionalen Konflikt zu sch\u00e4rfen. Es w\u00fcrde weiterhelfen, das Narrativ des \u201eReligionskonflikts\u201c zu brechen und sich mehr auf die strukturellen Ursachen solcher vermeintlich religi\u00f6s motivierter Angriffe zu konzentrieren. Dazu sollte auch eine st\u00e4rkere Zusammenarbeit mit der mosambikanischen Zivilgesellschaft sowie eine politische Unterst\u00fctzung Mosambiks angestrebt werden. Das betrifft zum Beispiel den Aufbau eines verbesserten Steuersystems, mit dem Steuereinnahmen aus den Gro\u00dfunternehmen in soziale Programme geleitet werden. Dies w\u00e4re sicherlich ein effektiveres Mittel, um Frieden und Wohlstand in Cabo Delgado wiederherzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf zivilgesellschaftlicher Ebene spielt die Kirche nach wie vor eine wichtige Rolle, gerade in Gebieten, in denen der Staat nicht stattfindet. Misereor verbindet eine langj\u00e4hrige Partnerschaft mit der Di\u00f6zese Pemba und unterst\u00fctzt auch in der aktuellen Krise die \u00f6rtliche Caritas.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche hat auch politisch eine gewichtige Stimme: Bischof Dom Luiz Fernando Lisboa hat wie viele andere keine Hoffnung, dass eine milit\u00e4rische Intervention den Konflikt l\u00f6sen k\u00f6nnte. Er appellierte an die Regierung, die notwendigen Bedingungen f\u00fcr einen Dialog zu schaffen. Sein Engagement f\u00fcr den Frieden hat zur Diffamierung seiner Person in den Zeitungen und sogar im Fernsehen gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Denis Hurley Peace Institute (eine Partnerorganisation MISEREORs aus Pretoria) appellierte im Juli 2020 an die Regierung, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Sicherheit von Dom Luiz und seiner Mitarbeiter*innen zu gew\u00e4hrleisten. MISEREOR und die s\u00fcdafrikanische katholische Bischofskonferenz SACBC unterzeichneten das Schreiben mit. Auch der Papst verfolgt die Situation in Cabo Delgado. Er hat in verschiedenen Reden seine Besorgnis und seine Solidarit\u00e4t mit dem Bischof zum Ausdruck gebracht und Unterst\u00fctzung f\u00fcr zivilgesellschaftliche und kirchliche Vermittlungsinitiativen angeboten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europaabgeordnete fordern, dass die EU angesichts der politischen Krise und humanit\u00e4ren Katastrophe in Cabo Delgado energischer eingreift. 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