FriEnt: Welche friedens- und sicherheitspolitischen Debatten haben den Katholikentag Ihrer Meinung nach vor allem geprägt?
Dorothee Klüppel: Was ich in Würzburg wahrgenommen habe, war das gemeinsame Verständnis, dass Frieden heute nicht mehr als Gegenbegriff zu Sicherheit gedacht werden kann, sondern dass beides zusammengedacht werden muss – allerdings eben nicht nur militärisch. Der Katholikentag hat Themen wie innere und äußere Sicherheit, Europa, globale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Schöpfungsverantwortung miteinander verbunden. Das zeigt: Sicherheit wurde dort nicht verengt auf Abschreckung und Aufrüstung, sondern im Zusammenhang mit Demokratie, sozialem Zusammenhalt und internationaler Verantwortung diskutiert.
Zugleich war deutlich, dass die Kirche sich in diesen Debatten nicht in einen Binnenraum zurückziehen kann und will. Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, betonte in Würzburg, eine Kirche, die sich zu Menschenwürde, Solidarität und konkretem Handeln in der Not der Zeit bekennt, sei notwendig eine politische Kirche. Genau das war auf dem Katholikentag spürbar: ein öffentliches Ringen um Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und internationale Verantwortung.
Welche Impulse zum Zusammenspiel von Frieden, Sicherheit und Entwicklung haben Sie mitgenommen – und welchen Beitrag leistet die katholische Kirche dazu?
Der wichtigste Impuls für mich war: Ohne Entwicklung gibt es keine nachhaltige Sicherheit, und ohne Gerechtigkeit keinen belastbaren Frieden. Diese Perspektive war auf dem Katholikentag selbst angelegt, weil dort gesellschaftspolitische und globale Themen bewusst zusammengedacht wurden.
“Genau da sehe ich den wichtigsten kirchlichen Impuls: Sicherheit menschenzentriert und nicht machtzentriert zu denken.“
Die katholische Kirche positioniert sich in diesem Spannungsfeld nicht naiv pazifistisch, sondern orientiert sich am Leitbild des gerechten Friedens. Das heißt: Sie fragt nicht zuerst, wie Gewalt legitimiert werden kann, sondern wie Gewalt verhindert, Konflikte bearbeitet und die Voraussetzungen für Frieden gestärkt werden können.
Papst Franziskus hat diese Perspektive immer wieder bekräftigt und einen Sicherheitsbegriff eingefordert, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Wenn man das auf heute übersetzt, heißt das: Friedenspolitik braucht einen ganzheitlichen Sicherheitsbegriff. Hunger, Vertreibung, zerstörte Lebensgrundlagen, Klimafolgen, Schuldenkrisen und institutionelle Schwäche sind eben keine Randthemen, sondern Konflikttreiber. Deshalb ist Entwicklungszusammenarbeit keine freundliche Zugabe, sondern Teil vorausschauender Sicherheitspolitik. Genau da sehe ich den wichtigsten kirchlichen Impuls: Sicherheit menschenzentriert und nicht machtzentriert zu denken.
Sie sagten auf der Pressekonferenz mit Carlo Masala, Kirchen hätten in Friedensprozessen den längeren Atem. Was macht kirchliche Akteure dabei besonders stark?
Kirchen haben oft einen längeren Atem, weil sie nicht nur projektförmig, sondern in langfristig angelegten Beziehungen mit Menschen arbeiten. Während staatliche und internationale Akteure oft in Zyklen von Mandaten und Förderperioden agieren, sind kirchliche Netzwerke vielerorts über Jahrzehnte präsent – mit Pfarreien, Diözesen, Orden, Schulen, Gesundheitsstationen und Jugendarbeit. Diese Kontinuität schafft Vertrauen gerade dort, wo staatliche Institutionen schwach sind oder als parteiisch wahrgenommen werden.
Gleichzeitig würde ich diese Rolle nicht romantisieren. Kirchen können nur dann glaubwürdig Friedensakteure sein, wenn sie selbst lernfähig bleiben – also Machtmissbrauch aufarbeiten, Frauen ernst nehmen, synodal handeln und sich der Ambivalenz religiöser Sprache bewusst sind. Gerade deshalb war es wichtig, dass in Würzburg auch offen über Synodalität, Macht und Erneuerung gesprochen wurde. Friedensfähigkeit nach außen und Reformfähigkeit nach innen hängen eng zusammen.
Welche kirchlichen Akteure erleben Sie in den Partnerländern von Misereor als besonders wichtige Träger von Friedensarbeit?
In Krisenregionen sind kirchliche Basisstrukturen wie Ordensgemeinschaften, kirchliche Kommissionen für Gerechtigkeit und Frieden oder katholische Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen oft die ersten Ansprechpartner für die Menschen. Gerade in fragilen Kontexten werden sie oft als glaubwürdiger erlebt als staatliche Akteure, weil sie auch in Krisenzeiten an der Seite der Bevölkerung bleiben. Die wirksamsten kirchlichen Friedensakteure sind oft nicht die großen Namen, sondern die verlässlichen Mittler vor Ort – Frauenorganisationen, Trauma-Beraterinnen, Jugendleiter, Gemeindevertreterinnen, Menschenrechtsgruppen, kirchliche Radios, interreligiöse Plattformen. Friedensarbeit gelingt dort, wo Kirchen soziale Räume offenhalten, in denen Vertrauen trotz Gewalt noch wachsen kann. Das ist oft unspektakulär, aber strategisch enorm bedeutsam.
Welche Folgen haben Rechtsruck, Aufrüstung und Kürzungen bei internationaler Zusammenarbeit für Krisenprävention und Friedensförderung?
Sie bedeuten vor allem eine gefährliche Schieflage. Denn wenn Europa auf Bedrohungen primär mit Aufrüstung antwortet, zugleich aber bei Entwicklungszusammenarbeit, ziviler Konfliktbearbeitung und Friedensförderung kürzt, investiert es stärker in die Reaktion auf eskalierte Krisen als in deren Verhinderung.
“Wer bei Entwicklungs- und Friedenspolitik kürzt, spart kurzfristig, zahlt aber langfristig – durch mehr Instabilität, Flucht und Gewalt.”
Der Rechtsruck verschärft diese Problematik zusätzlich, weil er häufig mit Nationalismus, Abschottung, Misstrauen gegenüber multilateraler Kooperation und Abwertung von Menschenrechten einhergeht.
Wer bei Entwicklungs- und Friedenspolitik kürzt, spart kurzfristig, zahlt aber langfristig – durch mehr Instabilität, Flucht und Gewalt.
Eine starke Entwicklungspolitik, die zivilgesellschaftliche Strukturen stärkt, ist ein wichtiger Baustein für Demokratie, Frieden und stabile Verhältnisse. Internationale Zusammenarbeit darf deshalb nicht sicherheitspolitisch verengt, noch haushaltspolitisch kaputtgespart werden.
Was braucht es heute, damit Friedenspolitik trotz neuer geopolitischer Spannungen handlungsfähig bleibt?
Es braucht erstens einen langen Atem und die Bereitschaft, in Prävention zu investieren, obwohl ihre Erfolge nie so spektakulär sichtbar sind wie militärische Reaktionen. Friedenspolitik scheitert oft nicht an fehlenden Analysen, sondern an der Kurzfristigkeit politischer Aufmerksamkeit. Gerade deshalb sind zivilgesellschaftliche und kirchliche Akteure so wichtig: Sie halten Beziehungen und Dialogräume offen, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit längst weitergezogen ist.
“Friedenspolitik scheitert oft nicht an fehlenden Analysen,
sondern an der Kurzfristigkeit politischer Aufmerksamkeit.”
Zweitens braucht es einen integrierten Ansatz, der Diplomatie, humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Klimagerechtigkeit, Fragen von Entschuldung, Menschenrechtsschutz und lokale Friedensförderung zusammendenkt. Papst Franziskus hat immer wieder betont, dass Frieden auf Gerechtigkeit und der Wiederherstellung gerechter Beziehungen beruht.
Papst Leo XIV. greift diesen Faden auf und betont, selbst wenn ein Krieg beendet sei, blieben Gesellschaften von der Vergangenheit gezeichnet – durch bewaffnete Banden, geschwächte Institutionen und manipulative äußere Einflüsse, die das politische und gesellschaftliche Leben unterwandern.
Drittens braucht es moralische Klarheit ohne moralische Simplifizierung, also klare Parteinahme für die Opfer und die Verteidigung von Menschenwürde und Völkerrecht, ohne komplexe Konflikte auf einfache Freund-Feind-Erzählungen zu reduzieren. Kirche kann hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie beharrlich für Menschenwürde, Dialogfähigkeit und Versöhnungsfähigkeit eintritt.
Dorothee Klüppel ist bei Misereor, einer Mitgliedsorganisation von FriEnt, Abteilungsleiterin für Afrika und den Nahen Osten und vertritt Misereor zudem im Lenkungsausschuss von FriEnt.