Von Dr. Jana Puglierin
In diesem Frühjahr hatte ich erstmals Gelegenheit, nicht nur die Münchner Sicherheitskonferenz zu besuchen, sondern auch am Raisina Dialogue in Neu-Delhi teilzunehmen. Beide Konferenzen spiegeln die außen- und sicherheitspolitische Stimmungslage – in Europa ebenso wie in Indien. Und selten waren diese Perspektiven so unterschiedlich wie in diesem Jahr.
München: Der Westen ringt mit sich selbst
Die Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar stand ganz im Zeichen der Grönlandkrise. Donald Trumps imperialer Anspruch auf das zum Königreich Dänemark gehörende autonome Gebiet hat die transatlantischen Beziehungen so tief erschüttert, dass die Nachbeben während der gesamten Konferenz spürbar waren. Ich besuche die MSC seit 2020 regelmäßig und noch nie hatte ich den Eindruck, dass sich der Westen so sehr um sich selbst dreht wie diesmal. Im Zentrum stand die Frage, was nach dem ersten Jahr von Trumps zweiter Präsidentschaft vom Westen noch übrig ist – und auf welchen Grundlagen und Werten er überhaupt beruht. Für Perspektiven und Themen aus anderen Weltregionen blieb im Bayerischen Hof dagegen wenig Raum – auch wenn sich die Organisatoren wie in den vergangenen Jahren um mehr Diversität bemühten.
Wofür steht „der Westen“ heute?
Besonders deutlich wurde das bei der mit großer Anspannung erwarteten Rede des amerikanischen Außenministers Marco Rubio. Als er die Erneuerung einer „westlichen Zivilisation“ beschwor – gegründet auf „Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte, christlichen Glauben, Kultur, Erbe, Sprache, Abstammung“ –, zeigte sich schnell, welches Verständnis von „Westen“ die Trump-Administration prägt: kein offener politischer Ordnungsbegriff, sondern ein kulturell und ethnisch definierter Raum, der vor allem weiße Gesellschaften in Europa und Nordamerika umfasst – und gerade nicht all jene, die sich über den Glauben an Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und die Würde des Einzelnen definieren, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Glauben, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischen Überzeugungen. Auch wenn Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Rede betonte, der amerikanische Kulturkampf sei nicht der unsere, fragten sich viele Europäer im Bayrischen Hof, was von den einst identitätsstiftenden transatlantischen Beziehungen noch übrig ist und welche Werte Europa und die USA tatsächlich verbinden.
Neu-Delhi: Ein anderer Blick auf die Weltordnung
Ganz anders präsentierte sich die Debatte in Neu-Delhi. Hier ging es weniger um Selbstvergewisserung als um die pragmatische Frage, wie Staaten in einer fragmentierten Welt ihre Handlungsspielräume sichern können, ohne zwischen die Fronten der großen Mächte zu geraten. Der Raisina Dialogue versteht sich als Forum, das genau diese unterschiedlichen Perspektiven sichtbar macht – und damit auch die Verschiebungen im globalen Machtgefüge.
Umgang mit Gegensätzen in der Praxis
Wie selbstverständlich Indien mit geopolitischen Spannungen umgeht, zeigte sich in einer Szene aus dem Konferenzprogramm: In der abendlichen „Night Owl“-Session wurde Israels Außenminister Gideon Saar zugeschaltet. Er schilderte Israels Sicherheitslage und verteidigte die Militärschläge gegen den Iran. Am nächsten Morgen saß Irans stellvertretender Außenminister Saeed Khatibzadeh auf derselben Bühne und verurteilte die Angriffe scharf. Kaum ein Detail illustriert so anschaulich, wie Neu-Delhi in einer zunehmend polarisierten Welt konkurrierende Beziehungen parallel zu pflegen versucht.
Dieses Kalkül prägt auch den Umgang mit Washington: Viele Inder, die während Trumps erster Amtszeit auf enge Beziehungen gesetzt hatten, beobachten sein zweites Jahr ernüchtert. Immer wieder wurde mir erklärt, dass man alles daran setze, nicht in einen Zangengriff zwischen den USA und China zu geraten.
Warum viele Staaten neue Wege gehen
Indien ist damit nicht allein. Zahlreiche aufstrebende und mittlere Mächte sichern Handlungsspielräume und bauen Einfluss aus, ohne sich dauerhaft an einen der großen Blöcke zu binden. Daraus entstehen neue Formen der Zusammenarbeit – von Infrastruktur über Handel und Technologie bis hin zur Entwicklungsfinanzierung. Manche Initiativen ergänzen westliche Strukturen, andere entstehen bewusst außerhalb. Schritt für Schritt formt sich so eine stärker transaktionale Realität: Staaten wählen ihre Partner je nach Thema, wechseln Koalitionen und halten Optionen offen.
Was bedeutet das für Europa?
Die Europäer, zentrale Verteidiger und zugleich Nutznießer der regelbasierten Ordnung, halten weiterhin an liberalen Prinzipien als Fundament für Wohlstand und nachhaltigen Frieden fest – auch wenn diese Ordnung zunehmend erodiert. Dabei sind diese Prinzipien keineswegs eine europäische Eigenheit. Sie spiegeln universelle Werte wider, die in der UN-Charta verankert sind und als gemeinsame Grundlage für eine friedliche Weltordnung gelten.
Kooperation verläuft häufig prozessorientiert, regelgebunden und institutionell verankert. Dem gegenüber stehen die Netzwerke und Initiativen, in die aufstrebende und mittlere Mächte investieren – sie sind flexibler, dynamischer und stärker von pragmatischen Interessen geleitet als die multilateralen Strukturen, die Europa lange bevorzugt hat.
Eine Chance für Europa
Gerade deshalb muss Europa sich stärker dort einbringen, wo sich die energiepolitischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Dynamiken tatsächlich entfalten – in den neuen, oft informelleren Formaten und Partnerschaften. Als Mittelmacht mit einer langen Tradition ziviler Konfliktbearbeitung und Friedensförderung könnte Europa dabei eine besondere Rolle als Brückenbauer übernehmen und so die eigene ordnungspolitische Stärke mit größerer Flexibilität verbinden, um in dieser sich wandelnden Welt gestaltend zu wirken.
