Herr Ellermann, weltweit werden zivilgesellschaftliche Handlungsräume zunehmend eingeschränkt. Beobachten Sie diesen Trend – und was bedeutet er für die Friedensarbeit heute?
Ja, und das betrifft nicht nur autoritäre Staaten. Der CIVICUS-Monitor hat 2025 auch Deutschland als zivilgesellschaftlichen Raum erneut herabgestuft – ein Zeichen dafür, dass selbst etablierte Demokratien zivilgesellschaftliche Räume einschränken. Der Trend ist global. Er ist kein neues Phänomen, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses, in dem die Grundlagen für eine eigenständige Zivilgesellschaft wirtschaftlich, rechtlich und politisch geschwächt wurden.
Wir bei Conducive Space for Peace erleben die konkreten Folgen für die Friedensarbeit direkt: Wenn Menschen, die an den Ursachen von Konflikten arbeiten, selbst bedroht werden oder die Lösungen, die sie vorschlagen, politisch nicht mehr denkbar sind, wird diese Arbeit fast unmöglich. Zivilgesellschaftlicher Raum ist genau der Ort, an dem gesellschaftliche Konflikte konstruktiv ausgetragen werden. Fällt er weg, wächst das Potenzial für Gewalt und Repression als Mittel der Machtausübung. Das zeigt sich derzeit weltweit: Wo zivilgesellschaftlicher Raum schrumpft, nehmen Militarisierung und autoritäre Tendenzen zu – nicht zufällig, sondern strukturell.
Unter welchen Bedingungen kann zivilgesellschaftliches Engagement wirklich nachhaltig wirken?
Zivilgesellschaft braucht vor allem Eigenständigkeit – und die hat eine zentrale wirtschaftliche Voraussetzung. Wenn eine Wirtschaft so strukturiert ist, dass breite Bevölkerungsschichten durch Beschäftigung und Einkommen Verhandlungsmacht gewinnen, entsteht die Grundlage für eigenständige Organisation – unabhängig von Staat oder Geldgeber*innen. Historisch zeigt sich: Demokratische Freiheiten wurden dort erkämpft, wo Menschen wirtschaftlich genug abgesichert waren, um sich zusammenzuschließen und politisch handlungsfähig zu werden. Wo hingegen wirtschaftliche Macht bei wenigen konzentriert ist – sei es durch monopolisierte Märkte, staatlich kontrollierte Einnahmen oder Abhängigkeit von externer Finanzierung – fehlt diese Grundlage. Wirtschaftliche Eigenständigkeit allein reicht natürlich nicht. Aber ohne sie bleiben sichere Räume für politische Willensbildung, eine unabhängige Öffentlichkeit und das Recht auf freie Organisation strukturell fragil.
Das heißt konkret: Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die Masseneinkommen und Beschäftigung stärkt statt Reichtum und wirtschaftliche Macht konzentriert – national wie global. Denn wenn breite Bevölkerungsschichten wirtschaftlich handlungsfähig sind, finanzieren und tragen sie zivilgesellschaftliche Strukturen aus eigener Kraft – durch Mitgliedsbeiträge, Genossenschaften, gegenseitige Hilfe. Das war historisch die Basis der Arbeiter*innenbewegung und es bleibt die Basis jeder eigenständigen Zivilgesellschaft. Global betrachtet heißt das auch: Solange wirtschaftliche Verhältnisse Gesellschaften im Globalen Süden systematisch benachteiligen und Einkommen dort nicht breit genug verteilt sind, bleibt Zivilgesellschaft auf externe Finanzierung angewiesen – und damit in ihrer Eigenständigkeit strukturell begrenzt. Die bestehende globale Ungleichheit zu adressieren ist daher keine Nebenfrage, sondern Voraussetzung dafür, dass Zivilgesellschaft weltweit demokratische Wirkung entfalten kann.
“Zivilgesellschaftliche Strukturen müssen eine eigenständige Kraft bleiben – als Raum, in dem sich Gesellschaft organisiert, Gemeinschaft bildet und politische Willensbildung unabhängig von staatlicher Kontrolle stattfindet.”
Sie kritisieren eine zunehmende ‚NGOisierung‘ der Zivilgesellschaft. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die Zusammenarbeit mit staatlichen Akteuren?
Das Problem beginnt dort, wo Zivilgesellschaft hauptsächlich aus professionellen Organisationen besteht, die von staatlicher oder internationaler Förderung abhängig sind. Dann wird aus einer Gegenmacht ein Juniorpartner. Viele NGOs – im Globalen Norden wie im Süden – funktionieren eher als Dienstleister*innen für Regierungen und Geber*innen denn als Ausdruck von Selbstorganisation von unten. Im Globalen Süden hat diese NGOisierung oft lokalen, radikaleren Aktivismus verdrängt. Im Globalen Norden beschränken sich viele Organisationen auf enge Interessenvertretung und vermeiden politische Konfrontation.
Zusammenarbeit mit dem Staat ist nicht grundsätzlich falsch. Es braucht Kanäle, über die Interessen und Bewegungen in die Politik gelangen. Aber die Zivilgesellschaft darf nicht strukturell vom Staat abhängig sein. Wenn der Staat zugleich die Macht hat, zivilgesellschaftlichen Raum zu verengen oder zu strukturieren, entsteht ein gefährliches Ungleichgewicht. Zivilgesellschaftliche Strukturen müssen eine eigenständige Kraft bleiben – als Raum, in dem sich Gesellschaft organisiert, Gemeinschaft bildet und politische Willensbildung unabhängig von staatlicher Kontrolle stattfindet.
Wie also sieht eine ideale staatlich-zivilgesellschaftliche Beziehung aus?
Eine gesunde Beziehung wäre, dass der Staat sichere und freie Räume für politische Selbstorganisation gewährleistet – und diese, wenn nötig, auch gegen Angriffe aus der Zivilgesellschaft selbst schützt – und sich ansonsten raushält. Im Idealfall benötigt die Zivilgesellschaft keine staatliche Einmischung, weil sie eigenständig genug ist, ihre eigenen Agenden zu setzen und Interessen durchzusetzen.
Das setzt voraus, dass Regierungen tatsächlich an die Bevölkerung gebunden sind. Colin Crouch beschreibt mit dem Begriff der „Postdemokratie“, wie demokratische Institutionen formal bestehen bleiben, während politische Entscheidungen zunehmend von privilegierten Minderheiten geprägt werden. Genau dagegen braucht es eine lebendige Öffentlichkeit – das, was Habermas als freie öffentliche Sphäre bezeichnet – als Raum, in dem gesellschaftliche Willensbildung entsteht und über demokratische Institutionen politisch wirksam wird.
Problematisch wird es, wenn Zivilgesellschaft so fragmentiert und polarisiert ist, dass sie keine Brücken mehr zwischen gesellschaftlichen Gruppen schlagen kann. Dann verlieren demokratische Institutionen Rückhalt und Legitimität, und Politik kann bestimmte Teile der Zivilgesellschaft vereinnahmen und für eigene, nicht-demokratische Zwecke mobilisieren. Friedens- und Gerechtigkeitspolitik muss daher von einer starken, unabhängigen Zivilgesellschaft eingefordert werden können.
Inwiefern ist dieses Thema aus Ihrer Sicht aktuell besonders relevant für Frieden und globale Gerechtigkeit?
Wie unsere Zivilgesellschaften gestaltet sind, entscheidet, ob unsere Gesellschaften sich weiter Richtung Autoritarismus bewegen, friedlichen und gerechten Austausch suchen oder Ressourcen in Militarisierung statt in Nachhaltigkeit und Frieden investieren.
Das geht weit über direkte Friedensarbeit hinaus. Ungleichheit wächst global – zwischen und innerhalb von Staaten – und hängt eng mit Gewalt zusammen. Wenn wir Politik wollen, die Gesellschaften im Globalen Süden eine faire Chance auf Einkommen und Entwicklung bietet, brauchen wir eine Zivilgesellschaft, die demokratische Teilhabe stärkt und ausbeuterische und autoritäre Trends bekämpft.
Wichtig ist: Die Krise der Zivilgesellschaft ist nicht neu. Die aktuelle Verengung zivilgesellschaftlicher Räume ist das Ergebnis eines langen Prozesses, in dem die Grundlagen eigenständiger Zivilgesellschaft schrittweise abgebaut wurden. Deswegen brauchen wir heute Allianzen, die sich für gerechtere Lebensverhältnisse einsetzen – hierin Deutschland und weltweit. Dazu gehört ausdrücklich auch die Frage von Reparationen: Die bestehende Ungerechtigkeit wurzelt in Kolonialismus und Ausbeutung, und ohne ihre Aufarbeitung fehlt die Basis für echten Frieden.
Sie plädieren für eine translokale Zivilgesellschaft. Was genau verstehen Sie darunter und wie könnte diese funktionieren?
Auf internationaler Ebene – also zwischen Staaten – scheint die Idee einer demokratischeren Weltgesellschaft gescheitert. Bürger*innen werden kaum stärker in Global Governance eingebunden, demokratische Prozesse in multilateralen Institutionen bleiben selten.
Translokal beschreibt für uns eine andere Vision von „global“: nicht die internationale Ebene, sondern direkte Beziehungen zwischen Menschen und Zivilgesellschaften weltweit. So wie nationale Bewegungen Demokratie erkämpft haben, können wir uns translokal verbinden, um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden gegenseitig zu stärken. Gerade weil wir in unseren nationalen Kontexten oft geschwächt sind, macht diese gegenseitige Unterstützung uns lokal und global stärker.
Dabei geht es nicht mehr um internationale NGOs, die Gelder und Agenden in den Globalen Süden übersetzen. Es geht um zivilgesellschaftliche Akteur*innen, die in ihren eigenen Kontexten verwurzelt sind und sich direkt und solidarisch organisieren – von Basis zu Basis, ohne Mittelsorganisationen, die Prioritäten verzerren. Auch die Ungerechtigkeit innerhalb der internationalen Zivilgesellschaft muss überwunden werden.

Ihr Essay trägt den Titel ‚Civil Society as the Possibility for Collective Freedom‘. Warum haben Sie den Begriff der kollektiven Freiheit gewählt und warum ist er heute so zentral für die Zivilgesellschaft?
Bei Conducive Space for Peace verstehen wir Zivilgesellschaft als Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstbestimmung. Wenn Mechanismen, Räume und Prozesse so fragmentiert, vereinnahmt oder polarisiert sind, dass diese Fähigkeit blockiert wird, fehlt die Grundlage für ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit. Unsere Freiheiten entstehen nur gemeinsam –wir können nur kollektiv frei sein.
Deshalb müssen bestehende Ungerechtigkeiten überwunden werden. Wenn wir uns als Zivilgesellschaft gegeneinander ausspielen lassen – Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, Globaler Norden gegen Süden, Arbeitnehmer*innen hier gegen Arbeitnehmer*innen dort – dann schwächen auch wir unsere Rechte und Freiheiten. Stattdessen brauchen wir inklusivere Beziehungsräume, um Freiheit zu vertiefen und auszuweiten.
Dazu gehören Reparationen – nicht als symbolische Geste, sondern als Aufbau neuer Infrastrukturen der Selbstbestimmung: Bildungseinrichtungen, wirtschaftliche Grundlagen, Organisierungskapazitäten und politische Teilhabe. Reparative Praxis schafft die Bedingungen für Selbstbestimmung dort, wo koloniale und rassistische Gewalt sie systematisch zerstört hat. Es geht um die politische Rolle von Zivilgesellschaft weit über Interessenvertretung hinaus –eine strukturelle Funktion, die wir bewusst wieder aufbauen müssen.
Welchen Impuls möchten Sie mit ihrem Essay setzen – und welche nächsten Schritte sehen Sie?
Der Essay soll einen Diskurs anstoßen, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet. Er erinnert daran, dass Demokratie und Freiheit immer von unten erkämpft wurden, immer grenzüberschreitend waren, und dass es nie möglich war, sich eine Insel der Demokratie zu sichern, während der Rest der Welt versinkt.
Mit Conducive Space for Peace führen wir Gespräche in verschiedenen europäischen Ländern mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Bewegungen, um gemeinsam Wege zu finden, zivilgesellschaftliche Räume langfristig zu stärken. Gleichzeitig arbeiten wir mit Basis- und Graswurzelnetzwerken in Lateinamerika, West- und Ostafrika, Asien und Europa zusammen, um Beziehungen zu knüpfen und Infrastrukturen für direkten gegenseitigen Support zu schaffen.
Unter dem Arbeitstitel ‚Reclaiming Civic Sovereignty‘ entsteht dabei eine Koalition, verankert in Basisnetzwerken verschiedener Regionen. Statt einer zentralisierten Struktur streben wir eine polyzentrische Föderation an, in der jeder Teil eigenständig handeln kann, während eine gemeinsame Infrastruktur strategische, technische und solidarische Unterstützung bietet. Sie verbindet demokratische Willensbildung von unten mit konzertiertem Handeln – mit dem Ziel größerer Unabhängigkeit von Staaten und Geber*innen und mehr Handlungsspielraum für die Zivilgesellschaft.

