Wonach suchen Sie?

Aktuelles

Die 2016 IHRA Arbeitsdefinition von Antisemitismus

Eine Debatte über semiologische Umfunktionierung
Holocaust-Mahnmal in Berlin | Michael Fousert | Unsplash

Ist Kritik an der israelischen Politik auch immer gleich antisemitisch? Wo liegen die Grenzen? Experten bemängeln, dass IHRA Arbeitsdefinition von Antisemitismus in den letzten Jahren zunehmend genutzt wurde, um Kritik an israelischer Politik in den besetzten Gebieten als antisemitisch einzustufen.

Um Antisemitismus gezielt bekämpfen zu können, bedarf es einer breit akzeptierten Definition als Grundlage für Gegenmaßnahmen. Mit diesem Ziel publizierte die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) 2016 folgende Arbeitsdefinition:

«Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder
nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.» (IHRA 2016b)

Neben der IHRA Definition werden auch Erläuterungen, sowie eine Liste von Beispielen über verschiedene Aspekte von Antisemitismus angeführt, um die Arbeit mit der Definition zu erleichtern. Viele dieser Beispiele thematisieren israelbezogenen Antisemitismus.

Aus diesem Grund gab es in letzter Zeit immer wieder Vorbehalte darüber, dass die IHRA Definition zunehmend genutzt wurde, um Kritik an israelischer Politik mit Antisemitismus gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung sei, laut Kritikern, eine Bedrohung für Meinungsfreiheit. Des Weiteren stelle eine Umfunktionierung der Definition mitunter eine Behinderung für den notwendigen Kampf gegen den realen Antisemitismus gegen Juden und Jüdinnen dar.

Kürzlich distanziert sich einer der Co-Autor*innen, Kenneth Stern, deutlich von der
aktuellen Anwendung mit der Begründung, dass die IHRA Arbeitsdefinition in ihrer Intention ursprünglich nicht für diesen Zweck entworfen wurde.

Aufgrund der zunehmenden Diskussion haben die Rosa Luxemburg Stiftung und Medico International den Soziologen und Kulturwissenschaftler Peter Ullrich beauftragt ein Gutachten zu erstellen, welches sich mit den Entwicklungen bezüglich der IHRA Definition auseinandersetzt. Die Umfunktionierung der IHRA Definition war außerdem kürzlich Thema in der Academia for Equality Panel Diskussion The Politics oft the Antisemitism Definition of the International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) am 6. Juli 2021.

Mehr Informationen zu diesem Thema entnehmen Sie bitte unserem Literaturverzeichnis.

Referenzen
Teilen
Autor
Kontaktieren Sie uns
Haben Sie Fragen zu diesem Artikel oder möchten Sie das FriEnt-Team kontaktieren?

Verwandte Artikel

[tag_names_card]
Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) hat ihre Webseite grundlegend neugestaltet. Mit klarer thematischer Struktur, vereinfachter Navigation und modernem, zugänglichem Design wird die Arbeit des Netzwerkes jetzt noch sichtbarer und leichter zugänglich – für Fachleute ebenso wie für alle, die sich für friedens- und entwicklungspolitische Themen interessieren. Wie bisher ist die Webseite sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch verfügbar.
[tag_names_card]
Seit September 2026 verstärkt Peer Krumrey das FriEnt-Team als Entsandter der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Er ist Referent für Frieden und Sicherheit im Referat Globale und Europäische Politik der FES und arbeitet bei FriEnt insbesondere zu Frieden und Sicherheit sowie Frieden und Entwicklung.
[tag_names_card]
Am 26. August diskutierten Fachleute aus Nigeria und Deutschland in Berlin im Rahmen der FriEnt-Reihe Forgotten Conflicts Ursachen und Folgen der Gewalt in Nigerias Nordwesten und in der Region Middle Belt. Die Diskussion stellte die Annahme infrage, die Gewalt sei in erster Linie religiös motiviert, und richtete den Blick stattdessen auf Faktoren wie Klimastress, Landknappheit, schwache staatliche Strukturen und schwindende Lebensgrundlagen sowie auf die Bedeutung lokal verankerter Friedensarbeit.
[tag_names_card]
Der Katholikentag in Würzburg hat gezeigt: Frieden, Sicherheit und Entwicklung gehören zusammen. Im Gespräch erläutert Dorothee Klüppel, Mitglied im Lenkungsausschuss von FriEnt und Abteilungsleiterin Afrika/Nahost bei Misereor, warum Sicherheit mehr ist als militärische Stärke, weshalb Gerechtigkeit, Demokratie und internationale Zusammenarbeit zentrale Voraussetzungen für nachhaltigen Frieden sind und welche besondere Rolle kirchliche Akteure dabei spielen – gerade in Zeiten von Aufrüstung und geopolitischen Spannungen.

Verwandte Artikel