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„Ein Konflikt gerät nicht in Vergessenheit, nur weil die Schlagzeilen weiterziehen“

Am 26. August diskutierten Fachleute aus Nigeria und Deutschland in Berlin im Rahmen der FriEnt-Reihe Forgotten Conflicts Ursachen und Folgen der Gewalt in Nigerias Nordwesten und in der Region Middle Belt. Die Diskussion stellte die Annahme infrage, die Gewalt sei in erster Linie religiös motiviert, und richtete den Blick stattdessen auf Faktoren wie Klimastress, Landknappheit, schwache staatliche Strukturen und schwindende Lebensgrundlagen sowie auf die Bedeutung lokal verankerter Friedensarbeit.
v.l.n.r.: Nana Odoi (FriEnt), Johann Ivanov (FriEnt), Dr. Oyewole Oginni (BICC), Fr. Lawrence Chukwunweike Emehel (Catholic Secretariat of Nigeria), Dr. Asmau Benzies Leo (CENGAIN), Annelene Bremer (BMZ), Barbara Kemper (FriEnt), Jenny Mushegera (Moderation); Foto: Kauffmann Studios

Was bedeutet es, wenn ein Konflikt in Vergessenheit gerät? Nicht nur, dass er aus internationalen Schlagzeilen verschwindet, sondern auch, dass die Stimmen und Lebensrealitäten von Betroffenen ungehört bleiben.

Jenseits religiöser Gegensätze

Die Teilnehmenden der Veranstaltung betonten, dass sich die Gewalt in Nigerias Nordwesten und der Region Middle Belt nicht allein durch religiöse Identitäten erklären lässt. Obwohl religiöse Unterschiede häufig als naheliegende Erklärung für die Gewalt angeführt werden, verdecken sie oft die komplexeren, miteinander verflochtenen Faktoren, die Unsicherheit schüren. Klimastress, Konkurrenz um Land und Wasser, schwache staatliche Strukturen, kriminelle Schattenökonomien und der Verlust von Lebensgrundlagen wirken zusammen und führen zu Unsicherheit und Konflikt. Religion kann bestehende Spannungen verstärken, ist jedoch nicht die eigentliche Ursache des Konflikts.

Für Dr. Asmau Benzies Leo, Geschäftsführerin des Centre for Nonviolence and Gender Advocacy (CENGAIN Nigeria), stellt sich auch die Frage, wessen Stimmen Gehör finden. “Ein Konflikt gerät nicht in Vergessenheit, nur weil die Schlagzeilen weiterziehen“, stellte sie fest. Vergessen wird er dann, wenn Betroffene von den Entscheidungen ausgeschlossen sind, die ihre Zukunft bestimmen. Frauen und junge Menschen, so betonte sie, müssten nicht nur als Überlebende von Gewalt anerkannt und gestärkt werden, sondern als Akteur*innen sowie Gestalter*innen von Frieden, Resilienz und der Zukunft Nigerias.

„Ein Konflikt gerät nicht in Vergessenheit, nur weil die Schlagzeilen weiterziehen. Vergessen wird er, wenn Betroffene von den Entscheidungen ausgeschlossen sind, die ihre Zukunft bestimmen.“

Dr. Asmau Benzies Leo

„Der Konflikt wird nicht vergessen – er wird vernachlässigt. Aufmerksamkeit ohne politischen Willen kann keine konkreten Veränderungen oder nachhaltigen Frieden bewirken.“

Dr. Oyewole Oginni

Von Eindämmung zu menschlicher Sicherheit

Die Diskussion machte zudem deutlich, dass es notwendig ist, über reaktive, militärisch geprägte Ansätze der Terrorismusbekämpfung hinauszugehen und stattdessen auf menschliche Sicherheit und lokal verankerte Friedensarbeit zu setzen. Eine stärkere Unterstützung von Zivilgesellschaft, traditionellen Autoritäten und grenzüberschreitender Mediation zwischen Konfliktparteien kann dazu beitragen, lokale Unsicherheit zu bewältigen und Resilienz aufzubauen.

Eine zentrale Erkenntnis war die Notwendigkeit von frühzeitiger Warnung zu frühzeitigem Handeln überzugehen. Frühwarnmechanismen können nur dann zur Gewaltprävention beitragen, wenn politische Akteure zeitnah und mit wirksamen Maßnahmen reagieren.

Die Kluft zwischen Aufmerksamkeit und Handeln stand im Mittelpunkt des Beitrags von Dr. Oyewole Oginni. Der leitende Wissenschaftler am Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) beschrieb die Situation nicht als vergessen, sondern als vernachlässigt: „Aufmerksamkeit ohne politischen Willen kann keine konkreten Veränderungen oder nachhaltigen Frieden bewirken.“ Er rief Staaten dazu auf, mehr für den Schutz von Menschenleben und Lebensgrundlagen zu tun.

Wenn Lebensgrundlagen zur Überlebensfrage werden

Die Folgen der Gewalt reichen weit über die Opferzahlen hinaus. Bewaffnete Bandenkriminalität und die Konkurrenz um Land und Ressourcen haben das alltägliche Überleben zu einem Kampf gemacht und untergraben lokale Lebensgrundlagen und Arbeitskulturen. In vielen ländlichen Gebieten sind staatliche Institutionen schwach oder gar nicht vorhanden, sodass Gemeinschaften zunehmend auf lokale Strukturen von Schutz, Mediation und sozialem Zusammenhalt angewiesen sind.

 Glaubensgemeinschaften können in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spiele – nicht nur bei der Bewältigung von Konflikten, sondern auch bei der Gestaltung einer gerechten und rechenschaftspflichtigen Ressourcenverwaltung. Für Rev. Fr. Lawrence Chukwunweike Emehel, Direktor der Abteilung für Mission und Dialog am Catholic Secretariat of Nigeria, bedeutet dies, religiösen Führungspersonen eine Rolle zuzuweisen, die über die Konfliktbewältigung hinausgeht. Sie “dürfen nicht auf Friedensstifter reduziert werden, die erst hinzugezogen werden, wenn die Regierungsführung versagt“, argumentierte er. Stattdessen sollen sie selbst Teil der Ressourcenverwaltung sein und als „moralische Vorhut“ für ordnungsgemäße Umsetzung und gerechte Verteilung wirken.

„Religiöse Führungspersonen gehören in die Ressourcenverwaltung – nicht nur in die Konfliktbearbeitung.“

Fr. Lawrence Chukwunweike Emehel

Die Diskussion machte deutlich, dass die Gewalt in Nigeria Antworten erfordert, die über vereinfachte Gegensätze hinausgehen. Nachhaltiger Frieden hängt davon ab, klimabedingten Druck und den Verlust von Lebensgrundlagen anzugehen, rechenschaftspflichtige Regierungsführung und lokale Akteure zu stärken und frühzeitige Warnung in frühzeitiges Handeln zu übersetzen.

Denn ein Konflikt gerät nicht in Vergessenheit, nur weil die Schlagzeilen weiterziehen. Er wird vergessen, wenn Betroffene kein Gehör finden – und wenn Aufmerksamkeit nicht in Handeln übersetzt wird.


Panelist*innen

  • Dr. Asmau Benzies Leo, Geschäftsführerin, Centre for Nonviolence and Gender Advocacy (CENGAIN Nigeria)
  • Dr. Oyewole Oginni, Senior Researcher, Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC)
  • Father Lawrence Chukwunweike Emehel, Leiter der Abteilung für Mission und Dialog, Catholic Secretariat of Nigeria, Abuja
  • Annelene Bremer, Referentin für Nigeria, Abteilung Westafrika, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Fotos: Kauffmann Studios

Mehr Informationen

  • BICC Policy-Brief (2025): „Countering Lakurawa Recruitment in Northwest Nigeria“
  • Blogbeitrag von Dr. Asmau Benzies Leo zum Thema „Rethinking Violence and Restoring Human Security“
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