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Verschwundene dürfen nicht vergessen werden

Vertreter*innen der Vereinten Nationen diskutieren mit Expert*innen und Opfern über die Bedeutung der Erinnerungsarbeit in Fällen von gewaltsamen Verschwindenlassens.
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Einmal wöchentlich erinnern Frauen in Buenos Aires auf der Plaza Mayo an ihre verschwundenen Kinder | iStock-458982831

Aus Anlass des internationalen Tages der Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens veranstaltete die Internationale Koalition gegen das Gewaltsame Verschwindenlassen (ICAED) ein Online-Webinar mit dem Titel „The Struggle of Memory against Forgetting“. Vertreter*innen der Vereinten Nationen diskutieren am 26. August 2021 mit Expert*innen und Opfern gewaltsamen Verschwindenlassens über die Bedeutung der Erinnerungsarbeit in diesen Fällen.

Bei Demonstrationen oder anderen Aktivitäten, rufen Familienangehörige in Lateinamerika den Namen eines Verschwundenen. Die restliche Gruppe antwortet ihnen mit „Presente“. Denn auch wenn die verschwundene Person physisch nicht anwesend ist, so ist sie es doch in den Herzen und Köpfen der Familienangehörigen. Diese spirituelle Komponente, das Wachhalten der Erinnerung an eine Person, treibt die Familien an, sich für Wahrheit, Gerechtigkeit und die Nicht-Wiederholung des Verschwindenlassens einzusetzen. Denn sie können die Person nicht vergessen, auch wenn die Täter*innen das gerne hätten. Während des Webinars zeigten Familienangehörige aus 20 Nationen Fotos der Verschwundenen und teilten ihre Erinnerungen an sie. Edita Burgos, die Mutter des verschwundenen Jonas Burgos von den Philippinen, beschrieb die Bedeutung der Erinnerungsarbeit folgendermaßen: “Wir werden die Erinnerung an unsere Verschwundenen immer aufrechthalten. Vergessen würde bedeuten, dass die Täter ihr Ziel, unsere Liebsten auszulöschen, erreicht hätten. In dem wir weiter für ihre Rechte kämpfen, machen wir die Erinnerung an sie lebendig. Die Verschwundenen werden für immer leben.“ Neben der individuellen Komponente hat die Erinnerungsarbeit eine wichtige kollektive Aufgabe. So seien Archive und Orte der Erinnerung wichtig, um Menschenrechtsverletzungen öffentlich sichtbar zu machen und zu dokumentieren, erklärte Gabriella Citroni, Mitglied der UN-Arbeitsgruppe gegen unfreiwilliges oder gewaltsames Verschwindenlassen. 

Erinnerungsarbeit stellt dominierenden Diskurs in Frage 

Die UN-Expert*innen waren sich einig, dass es kein explizites Recht auf Erinnerungsarbeit in den bisherigen internationalen Abkommen und Normen des Verschwindenlassens gibt. Aber die Aufgabe ist in den festgeschriebenen Rechten wie Wahrheit, ein Ende der Straflosigkeit und Nicht-Wiederholung inbegriffen. Die Umsetzung der Rechte sollte durch die jeweiligen Staaten garantiert werden und diese sollten daher aktive Erinnerungsarbeit betreiben. Doch dies geschieht vielerorts nicht. Horacio Ravenna, Mitglied des UN-Ausschusses gegen Verschwindenlassen, wies auf die Beteiligung des Staates in Fällen von gewaltsamem Verschwindenlassen hin und führte aus, dass die Erinnerungsarbeit ein historisches Gedächtnis aufbaue, das in vielen Fällen den dominierenden Diskurs in Frage stelle. Verschwundenen haftet in vielen Ländern das Stigma an, dass es für ihr Verschwindenlassen schon gute Gründe gebe, weil sie in illegale Machenschaften verwickelt seien. Erinnerungsarbeit könne dieses Bild geraderücken und die Verantwortungen korrekt zuweisen, erklärte Federico Andreu, Menschenrechtsanwalt bei der kolumbianischen Kommission von Juristen (CCJ). Er betonte auch, dass hinter der bisherigen und erfolgreichen Erinnerungsarbeit zivilgesellschaftliche Kräfte stecken. 

Auch in Deutschland setzt sich die Zivilgesellschaft für die Verschwundenen ein. Die deutsche Koalition gegen Verschwindenlassen hat in diesem Jahr den Verschwundenen in Berlin ein Denkmal gesetzt. In Zusammenarbeit mit der Galerie Neurotitan entstand in den Hackeschen Höfen ein haushohes Wandbild mit Portraits und Namen von Verschwundenen. Durch eine Siebdruckaktion kamen die Vertreter*innen der Koalition ins Gespräch mit Passant*innen und konnten so auf die Hintergründe und Einzelschicksale der Verschwundenen eingehen. Solche und andere Aktivitäten werden weiterhin als Zeichen der Solidarität mit den Opfern des Verschwindenlassens und zur Aufrechterhaltung des politischen Drucks auf die jeweiligen Staaten benötigt, damit Fälle des Verschwindenlassens aufgeklärt und nicht wiederholt werden.

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